Besprechung für Jenseits der Dinge
Emotionen bestimmen unseren Alltag. Die Wissenschaft beschäftigt sich vornehmlich mit negativen Gefühls-Ausschlägen, mit Depressionen oder Neurosen. Positive Emotionen, Freude oder Gelassenheit, haben nicht die selbe Aufmerksamkeit erfahren, obwohl sie für das psychische Gleichgewicht essentiell sind.
Ein Schweizer Psychologenteam hat sich in diesem Roman zum Ziel gesetzt, die Auswirkungen von regelmässiger Meditation auf die Gefühlswelt zu erforschen. Zu diesem Zweck hat es eine Gruppe von buddhistischen Mönchen aus Südkorea in die Schweiz eingeladen. Mit Elektroenzephalographie und funktioneller Magnetresonanztomographie soll nachgewiesen werden, wie die Gehirne der Mönche auf Impulse von aussen reagieren. In einer Phase der Studie sollen die Probanden meditieren.
In der reizvollen Konstellation dieses Romans ist allerdings das Personal, das die Experimente durchführt, zunächst mit den eigenen Emotionen und Konflikten beschäftigt. Die Psychologin Oona sieht sich mit ihrem Ex-Partner Q konfrontiert, einem in der Schweiz aufgewachsenen Koreaner, der sich als Geldgeber der Studie mit etwas undurchsichtigen Motiven selbst aktiv an den Experimenten beteiligen will. Q vermag es immer noch, mit kleinen Provokationen bei Oona Gefühlsstürme hervorzurufen. Q selbst scheint unter Selbsthass zu leiden. Der kürzliche verwitwete Studienleiter Paul hat mit der Teenager-Tochter Kaja seine eigenen Sorgen. Jessica, ein anderes Team-Mitglied, buhlt bei ihm vergeblich um mehr Aufmerksamkeit.
Die Pointe des Romans ist nun, dass die Figuren fast alles Psychologie-Fachleute sind, und ihre eigenen irrationalen Verhaltensweisen eigentlich ganz gut durchschauen. Die Autorin zeigt alle Figuren in Selbstreflexion, sie zeigt transparent, wie sie ihre Emotionen zu beherrschen versuchen. Dabei spielt die Autorin mit allerlei psychologischen Klischees. Dies ist aber im Rahmen des Romans, den man selbst als eine Versuchsanlage verstehen kann, durchaus stimmig.
Lange erscheint Jibong, der älteste der Mönche, als ruhender Gegenpol zum Personal am Institut, er nimmt Anteil am Gefühlswirrwarr seiner Gastgeber – bis auch ihn Emotionen und seine Vergangenheit einholen. Der Roman wirft ein Schlaglicht auf die brutale südkoreanische Militärdiktatur in den 1970er und 1980er Jahren, an die man sich in Europa wenig erinnert, wenn auch zuletzt die Literaturnobelpreis-Trägerin Han Kang in «Menschenwerk» wieder eindringlich darauf hingewiesen hat.
Die Autorin selbst hat mehrere Jahre in Korea gelebt; sie schildert anschaulich die Schwierigkeiten der interkulturellen Begegnungen. Jibong bringt Q, der an der Schnittstelle der Kulturen lebt, die buddhistische Weisheit des Beobachtens und des Nicht-Festhaltens bei. Dieses Prinzip praktiziert auch der Text selbst, er beschreibt die Figuren und ihre Geschichten sorgfältig, lässt sie im richtigen Moment aber wieder los – mit einer schönen Leichtigkeit als Resultat. Mit «Jenseits der Dinge» ist Vera Hohleiter ein beeindruckendes Debut geglückt.