Besprechung für 22 Bahnen
(Notiz zum Film am Ende der Besprechung)
Von der Hauptfigur Tilda heisst es einmal, dass sie sich überall fremd fühle. Das kommt daher, dass sie sich auch zuhause nicht richtig heimisch fühlt und nie entspannen kann: Ihre Mutter ist Alkoholikerin, und im Suff schlägt sie schon mal Tildas kleine Halbschwester Ida. Die Beziehung der beiden Schwestern, ihr gemeinsamer Kampf gegen die übergriffige, unverantwortliche Mutter, der sie dennoch in hilfloser Zuneigung verbunden bleiben, ist der Kern von „22 Bahnen“.
Tilda ist Mathematikstudentin, sie verdient sich ihr Studium mit einem Nebenjob als Kassiererin im Supermarkt der Kleinstadt. Die langweilige Arbeit macht sie sich selbst etwas interessanter, indem sie von den Waren auf dem Laufband auf die Kundin oder den Kunden zu schliessen sucht. Das ist auch für den Leser unterhaltsam, er lernt so das Personal des Romans kennen, auch wenn der Einfall vielleicht etwas überstrapaziert wird. Tildas Tage sind durchgetaktet, Zeit für sich hat sie nur im Schwimmbad, wenn sie ihre 22 Bahnen schwimmt, bei jedem Wetter. Sehr schön der Einfall, wie Tilda sich auf den Boden des Beckens setzt, die strampelnden Beine der anderen Schwimmer von unten ansieht, und sich dazu Gedanken macht.
Tildas Professor ermutigt die begabte Studentin, sich auf eine Promotionsstelle in Berlin zu bewerben. Geschickt konstruiert die Autorin damit einen Spannungsbogen. Kann Tilda ihre kleine Schwester allein lassen mit Mama? Tilda weiss, dass sich die Mutter nicht mehr ändern will, aber sie kann Ida mit einem Programm zu mehr Selbständigkeit und Gegenwehr rüsten. Diese Entwicklung von Ida wird im Roman souverän und glaubwürdig dargestellt, bis hin zu einem vorläufigen happy end.
Etwas weniger überzeugen die Erzählungen aus Tildas Freundeskreis und die wortkarge, keusch gehaltene Liebesgeschichte, die sich zwischen Tilda und Viktor, einem anderen Aussenseiter in der Kleinstadt, entspinnt. Da gibt es einige Klischee-Szenen wie aus einem Teenie-Roman, inklusive Rave und Drogenkonsum und den richtigen Turnschuh-Brands. Einzelne Momente zeugen aber auch hier vom sprachlichen Geschick und der Phantasie der Autorin. Einmal liegt Tilda im Schwimmbecken in einem Schwimmring und beobachtet, wie das Wolkengetier die Sonne „mobbt“. Als die Sonne dann verschwunden ist, taucht über ihr der Kopf von Viktor auf, das ist hübsch inszeniert. Als die beiden ein Paar werden, sagt Viktor zu Tilda, dass er mit ihr nicht gerechnet habe: Jetzt ist Tilda nicht mehr nur die Mathe-Studentin, die ihr Fach so liebt, weil darin alles kontrollierbar ist, sie ist jetzt Teil einer Gleichung, sie ist mittendrin im Leben. Ein Signal des Aufbruchs: sie und Ida können ihr eigenes Leben starten.
„22 Bahnen“ ist ein Debütroman mit vielen Vorzügen, einem sorgfältig konstruierten Plot, einer Heldin, die zur Identifikation einlädt, und mit originellen Bildern. Inzwischen ist Caroline Wahl zum shooting star der deutschsprachigen Literaturszene avanciert – ihr letzter Roman „Die Assistentin“ stieg im Herbst 2025 gleich auf Platz 1 in die Bestseller-Liste Börsenblatts ein.
Notiz zum Film „22 Bahnen“, Regie Mia Maariel Meyer, 2025
Eine sehr buchnahe Verfilmung, die aber von ein paar klugen Kürzungsentscheidungen profitiert. Interessant auch, dass viele Dialoge eins zu eins aus dem Buch übernommen werden, in einigen Sequenzen aber davon abgewichen wird, auch dies meist ein Gewinn für den Film. Natürlich bleibt auch die eine oder andere Preziose aus dem Buch auf der Strecke, so das gemeinsame, abwechslungsweise Spinnen von Geschichten, wenn Tilda Ida auf dem Schulweg begleitet. Eindrücklich die düstere Atmosphäre in der Wohnung von Mama, Tilda und Ida, mit der angespannten Stimmung in den wenigen „guten Phasen“ der Alkoholikerin. Sehr schön die Schwimmbadszenen. Die Annäherung Viktor/Tilda halt mit Schwächen, die im Buch schon angelegt sind. Aber souveräne schauspielerische Leistung insbesondere der beiden weiblichen Hauptfiguren, Luna Wedler als Tilda und Zoë Baier als Ida. Der Film erzählt den Plot noch etwas stringenter. Wer das Buch mag, wird den Film lieben.