22 Bahnen
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Besprechung
Claire O.
«22 Bahnen» ist ein Coming-of-Age-Roman von gleich zwei Hauptfiguren. Die 23-jährige Tilda lernt ihre eigenen Wünsche wahrzunehmen und sich auf Neues einzulassen, beruflich wie emotional. ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
Das Buch ist auch als Hörbuch bei Dumont audiobook erschienen. Carolin Haupt liest die ungekürzte Fassung. Die Zeitangaben zu den unten genannten Stellen im Hörbuch sind nach der Seitenzahl notiert.
Das Buch ist auch als Hörbuch bei Dumont audiobook erschienen. Carolin Haupt liest die ungekürzte Fassung. Die Zeitangaben zu den unten genannten Stellen im Hörbuch sind nach der Seitenzahl notiert.
«setze mich auf den Boden und schaue mir das Geschehen im Becken von unten an.»
Schöner Einfall, auch sprachlich gekonnt inszeniert. Die Ich-Erzählerin am Boden des Schwimmbeckens mit Blick auf die strampelnden Beinen. Sie nimmt offenbar gern auch ungewohnte Perspektiven ein.
Wir schweigen. Mit Ursula kann man gut schweigen. Sie stellt keine dummen Fragen. Sie redet nur, wenn es etwas zu reden gibt, das relevant ist.»
Es ist so wichtig, solche Menschen im Umfeld zu haben. Und auch wenn weder im Buch noch im Film klar wird, wer Ursula eigentlich ist – für Tilda ist sie eine wichtige Gesprächspartnerin, die «alles weiss und alle kennt».
«Solange der Wind nachts auf mich fällt, denke ich, kann ich mich tagsüber in den Krieg da draussen stürzen. Gegen meine Mutter, gegen ihre Launen, gegen diese Kleinstadt. Und für Ida.»
Rasanter Beginn, durchgetakteter Tag der Ich-Erzählerin in einer tendenziell feindlichen Umgebung, «Krieg da draussen», in der es die kleine Schwester zu beschützen gilt.
Ich denke und rechne am liebsten mit Block und Bleistift, auch Forschungsliteratur drucke ich mir meistens aus, oder ich leihe die Bücher. Ich kann am Laptop nicht denken.
Erstaunlich für eine etwa 23-Jährige – aber es ist auch beruhigend, dass auch diese Generation noch immer das gedruckte Wort braucht.
Der Name passt heute noch besser zu ihm als damals. Ein Viktor lacht nicht, ein Viktor ist ernst. Ein russischer Kampfschwimmer heisst Viktor.
Kein Wunder, der Name bedeutet ja «Gewinner». Er wird seinem Namen im Buch und im Film auch immer wieder gerecht, auch wenn er um vieles Kämpfen muss. Und auch sein Nachname – siehe Seite 93 / 2:49:25 Wolkow = Wolf, der einsame, passt zu ihm.
Mama trinkt wieder mehr, ich will Ida abends nicht allein mit ihr lassen. 13 Worte.
Immer wieder kommen diese genauen Zählungen vor. Tilda denkt immer in Zahlen. Viele Leute machen das, wenn sie angespannt sind. Man zählt die Schritte, man zählt die Atemzüge. Ist es bei Tilda schon fast manisch?
Ich verstehe ja, dass die Entscheidung fürs Mathestudium schon so ein gewisses Nein zum Leben war… Du siehst ganz leer aus, blutleer, ja blutleer siehst Du aus. Richtig ausgesaugt.
Das ist eine gut Beschreibung für das Gefühl, dass man hat, wenn man sich mit Tilda durch das Buch und den Film bewegt. Wenn sie fröhlich oder aufgeschlossen ist, dann merkt man unterschwellig, dass sie auf Zehenspitzen durchs Leben geht.
Sie hat Gänsehaut auf den Schläfen.
Als Tilda Marlène erzählt, dass sie Viktor im Schwimmbad getroffen hat, beobachtet sie das an ihrer Freundin. Was für ein starker Ausdruck. Aber, kann man wirklich Gänsehaut auf den Schläfen kriegen?
Wir schweigen, so wie wir die letzten Jahre geschwiegen haben. Manchmal frage ich mich, warum wir nie darüber gesprochen haben. Und wann wir den Entschluss getroffen haben, nicht darüber zu sprechen. Ich weiss noch, dass wir bei der Beerdigung kein Wort miteinander gewechselt haben… sind danach zu Marlène gegangen, haben uns in ihr Bett gelegt, haben geweint, uns festgehalten, haben irgendwann aufgehört zu weinen und lagen einfach nur da… sind eingeschlafen, aufgewacht und haben dann weiter gelebt, wie man das ebenso macht, wenn jemand stirbt. Vielleicht wissen wir einfach nicht, was wir sagen sollen, weil jedes Wort das falsche und keines das richtige ist. Aber vielleicht gibt es auch keine falschen und richtigen Worte und wir sollten endlich darüber reden, denke ich – und schweige.
Weitere Schlüsselstelle – einerseits, weil man dieses Gefühl wirklich oft hat, wenn jemand stirbt, andererseits, weil es genau das ist, was Tilda seit fast fünf Jahren mit sich rumträgt – und sie das Schweigen doch nicht brechen kann.
Der pinke Hase scheint mich direkt anzuschauen. Er schaut irgendwie fragend, erwartungsvoll. Aber ich weiss nicht, was er von mir will. Ich schaue stirnrunzelnd zurück, aber er reagiert nicht.
Marlène schenkt ihrem Hasi (Tilda) ein weisses T-Shirt mit einem pinken Hasen darauf. Und der Gedanke, dass er sie fragend anschaut und nicht antwortet, passt zum Schweigen, dass sie nicht brechen kann.
Übrigens – im Film ist das T-Shirt schwarz und der Hase weiss…
Marlène: Aber irgendwann muss du die beiden verlassen und dein eigenes Ding machen. Ida packt das schon. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben». So eine bescheuerte Aussage. Ich: «So eine bescheuerte Aussage, Marlène. Wir reden jetzt nicht darüber, in Ordnung? Das führt zu nichts.
Schon wieder etwas, über das sie nicht miteinander sprechen… Aber von Wegen: man wächst an seinen Aufgaben. Genau das zeigt das Buch und der Film – dass man mit seinen Aufgaben wächst. Tilda hat das fast zu gut hinbekommen – und (Spoiler Alarm) Ida wird es auch schaffen.
Marlene: Pause. Wir waren damals sechszehn oder so, als wir das Pausewort für uns entdeckten. Nachdem wir diese Adam Sandler Komödie Click geschaut hatten. Immer, wenn ein Moment so schön war, dass wir die Zeit anhalten wollten, wurde das Zauberwort gesagt. Und wenn wir dann die Augen schlossen und uns ganz fest vorstellten, dass die Zeit stehen bleibt, hat es auch ein bisschen funktioniert.
Lebensweisheit – das muss man öfter machen, am besten täglich! Und sich vor dem Schlafen daran erinnern.
Der Rave
Szenen wie aus einem etwas kitschigen Teenie-Roman.
Da ist nur noch ein Jetzt, kein Gestern, kein Morgen nur ein Jetzt. Jetzt. Jetzt. Jetzt. Ich warte, dass es kommt… «Und lasse los. Ich spüre, wie sich die Gedanken und Sorgen auflösen. Der Beat wird schneller, ich werde schneller… Alles ist gut, alles ist gut und alles ist egal. Und eigentlich ist alles ganz einfach. Und eigentlich ist eigentlich ein Scheisswort
Eigentlich ist das absolut richtig – und solche Momente halten eigentlich nicht lange an und der desillusionierende Moment kommt immer zu rasch…
Im Film hört man, wie Tilda das denkt. Und erschrickt mit ihr, als der desillusionierende Moment sie aus dieser Trance holt.
Dämmern ist ein lustiges Wort. Als Nomen ist es ok. Dämmerung. Aber als Verb wird es ein bisschen komisch.
Tilda überlegt sich immer solche Sachen. Das macht Spass!
Viktor: «Adresse?» Ich lasse mir mit der Antwort Zeit. Ich: «Fröhlichstrasse 37». Er lacht kurz auf. Ein heiseres lachen, fast ein Husten. Als hätte er lange nicht mehr gelacht… Und später im Buch: «Wo?» fragt Viktor, als wir in die Fröhlichstrasse einbiegen und ich sage: «Das traurige graue Wohnhaus am Ende der Strasse.
Man spürt in diesen beiden Wortwechseln die Diskrepanz, die unterschwellig immer in dieser Erzählung mitschwingt. Aber auch den Wortwitz von Caroline Wahl – das traurige Wohnhaus in der Fröhlichstrasse…
Ich: «Wieso fährst Du eigentlich in der Nacht mitten durch die Gegend?… Viktor: «Autofahren beruhigt mich». Ich nicke und frage nicht, was ihn beunruhigt hat, weil ich es ahne.
Wieder die Andeutung, dass etwas passiert ist, das die beiden verbindet.
Man sieht alle Phasen, die sie durchlaufen hat. Ganz links das rosafarbene Schwein.
Die Beschreibung der Bilder von Ida in ihrem Zimmer zeigt die Entwicklung von Ida – vom kleinen Kind (mit unterdrückten Gefühlen, aber mit dem Kleinmädchenblick mit Fantasiehoffnungen) bis zum Teenie, das versucht, sich die schöne Fantasie aufrecht zu erhalten, auch wenn klar ist, dass die Wahrheit nicht mehr wegzuleugnen ist. Tiefgründig Stelle, die einem rat- und hilflos macht.
Sorry, Mami ist ausgetickt. Bin dieses Wochenende raus, schrieb ich Marlène, die irritierenderweise verständnisvoll reagierte. Marlène: Oh no, Hasi! Marlène: Alles klar! Ich: Alles klar? Marlène: Voll. Marlène: fahre heute oder morgen eh mit Kilian und Co. nach Berlin. Marlène: paar Tage. Ich: mit Kilian und Co. und Finn? Marlène antwortete mit dem Affenemoji, das sich die Augen zuhält. Ich verstehe nicht, was alle mit diesen Affenemojis haben. Was bedeutet überhaupt ein Affe, der sich die Augen zuhält. Ich: viel Spass. Marlène: Danke Hasi. Marlène: und Deiner Mam gute Besserung. Marlène: oder was man da auch immer sagt. Marlène: ich ruf Dich mal an demnächst, alright? Marlène und ich telefonieren nie, aber trotzdem sagt sie immer, dass sie mich mal demnächst anruft. Ich schickte ihr das Affenemoji, das sich die Augen zuhält.
🙈🙈🙈
Tilda ist sehr einsam! Ihre beste Freundin weiss zwar um ihre Misere, ist aber nicht mehr in der Nähe – und aus der Ferne ‹vergisst› sie Tilda, ist sie also ein Affe, der sich die Augen zuhält?
Es war einmal eine Prinzessin, die eines Morgens aufwachte, verwandelt in einen Hasen…
Schöne Szene, wie Tilda und Ida sich am Montag auf dem Schulweg ein Märchen ausdenken. Es ist ein Spiel, das inhaltlich aber auch aufzeigt, wie Tragik und Komik, wie Schreckliches und Schönes, sich abwechselt mit der Hoffnung, dass es gut ausgeht. Auf Seite 76 / 2:14:49 durchbricht Ida das Spiel allerdings – siehe unten
Am Anfang hat sie mir noch eine Einkaufsliste geschrieben, und es war aufregend, so etwas erwachsenes zu machen…
Tilda erzählt, dass ihre Mutter ihr, als sie in der vierten Klasse (also ca. 10 Jahre alt war) vorschlägt, die Einkäufe zu machen. Aber irgendwann hat sie keine Liste mehr erhalten. Und seit Ida da war, hat sie darauf geachtet, dass sie sich halbwegs gesund ernährten. Damit sie gross und stark werden.
Eine tragische Geschichte – hübsch eingepackt. Das macht Caroline Wahl mit vielen ähnlichen Beschreibungen.
Professor Klein öffnet die Tür…
Aufforderung des Professor, in die Sprechstunde zu kommen. Tilda überlegt, wie sie ihm die vielen Absenzen erklären soll, obwohl sie immer alle Aufgaben rechtzeitig und richtig löst. Die Wahrheit – meine Mutter ist Alkoholikerin. Ich lasse meine kleine Schwester ungern allein mit ihr und die Strassenbahnfahrt zur Uni dauert länger als eine Stunde – kann sie ihm auf gar keinen Fall erzählen. Dass sich die Arbeitszeiten in ihrem Nebenjob erhöht hat, da ihre Mutter «zurzeit» nicht arbeitet, was zwar stimmt… Dann überlegt sie noch ob sie eine romantische Fernbeziehung erfinden soll.
Dazu gibt es nicht mehr zu sagen – das ist Tildas Leben
Frau Schmidt, ich wollte mit Ihnen über Ihre Zukunft reden». Hilfe. Ich: «Ich rede eigentlich grundsätzliche nicht über meine Zukunft». Prof. Klein: «Grundsätzlich habe ich gegen diesen Grundsatz nichts einzuwenden. Aber in diesem Fall hoffe ich, dass sie eine Ausnahme machen.
Witziger Wortwechsel, der sich auch im Film wieder findet. Und dann erzählt er ihr von der Ausschreibung der Promotionsstelle in Berlin ab nächstem Januar, für die er sie empfehlen will. Und gibt Tilda damit einen Grund, obwohl es sich unwirklich und nach Chaos anfühlt, sich glücklich zu fühlen und – ganz kurz – zu träumen. Im Film reagiert sie allerdings anders als im Buch – sie sagt «nein» zum Angebot. Aber der Professor lässt nicht locker und spricht sie immer wieder darauf an.
Januar, 5 Monate. Ich hätte 5 Monate Zeit, um Ida vorzubereiten. Sie müsste eine Kämpferin werden ich müsste sie rüsten… Denn ich kann nur gehen, wenn Ida gewappnet ist. Sie muss eine Kämpferin werden und ich muss sie rüsten. Ich darf keine Zeit verlieren.
Und somit beginnt das «Rüsten» von Ida.
«Du verfolgst seine Bahnen jeden Abend wie den Ballwechsel zwischen Nadal und Federer.»
Tilda fixiert den schwimmenden Viktor, was der Freundin Ursula auffällt.
Ursula: Er war ein Überflieger. Computernerd. Da war doch mal dieser Hackerangriff. Hat als einer der wenigen im Russenklotz Abitur gemacht. Dann ist er nach Amerika und kam mit ganz viel Geld zurück, hat seiner Familie Haus und Auto gekauft. Und dann war der Autounfall, und er ist verschwunden. Tragische Geschichte. Ich weiss gar nicht, wie lange das her ist.
Ich: Am 9. August sind es 5 Jahre
Komisch, dieses Klischée passt eigentlich gar nicht in dieses Buch. Ein Junge aus einem Migrationsklotz – ist ein Überflieger. Geht in die USA und kommt reich wieder. Und doch ist es auch ein weiterer Hinweis auf das, was Tilda und Viktor wohl verbindet – der Unfall…
Die neue Marlene war anstrengend. Sie war wie ein 2. Nebenjob.
Witzige Formulierung. Ja, gewisse Freundschaften arten in Nebenjobs aus. Wenn das zu lange dauert, dann muss man was dagegen tun!
Mama: ich werde mich jetzt ändern. Es tut mir leid. Ich: Du sagst das jetzt zum 17. Mal, dass Du dich ändern wirst. Mama: Aber diesmal meine ich’s ernst. Ich: Das sagst du zum 13. Mal.
Mama: Du machst mich verrückt mit deinen Zahlen. Ich: Du machst mich verrückt mit deinem Sein. Mama: Tilda. Est tut mir leid, okay? Ich schaffe das. Ich schlucke ein Erwiderung runter, die wieder eine Zahl beinhaltet, aber nicht wegen Mama, sondern wegen Ida.
Bei «zum 17. Mal» denkt man noch, das ist eine ‹random› Zahl – beim ‹zum 13. Mal› fällt einem dann wieder ein, dass Tilda ja immer alles zählt… Was weder im Buch noch im Film klar ist – wie viele der 17. Mal gab es bereits vor Idas Geburt? Es gibt zwar immer wieder Anhaltspunkte, was wann bei Tilda geschehen ist, aber es fügt sich nicht zu einem Bild zusammen.
Katniss sagt zur Mutter: «Du kannst dich nicht wieder verkriechen. Du kannst nicht. Nicht so wie nach Dads Tod» Ich bin nicht mehr da. Du bist alles, was sie hat. Egal, wie’s dir geht, diesmal musst du für sie da sein, verstanden?» Und diese Situation ist so absurd, wie wir 3 auf dem Sofa sitzen und alle dasselbe denken…
Ida: Tilda: du bist wie Katniss.
Ich: Schwachsinn.
Mama: Doch, das dachte ich auch die ganze Zeit. Du bist auch so eine Kämpferin. Und sie sieht dir sogar ähnlich. Dieser böse Blick. Das braune Haar…
Ida: Und Du würdest dich auch freiwillig melden. Für mich.
Ich: Das ist ein Film, Ida, und du bist auch eine Kämpferin.
…
Mama: Ich bin mehr für euch da, versprochen, du Frechdachs.
Ida: Noch mehr?
Ich pruste los. Ida ist das lustigste Wesen, das ich kenne.
Sie schauen zu Dritt «Tribute von Panem» (im Film liest die Mutter aus dem Buch vor) Und es stimmt, Tilda ist wie die Protagonisten Katniss, die alles auf sich nimmt, um die Familie zu beschützen. Als Leser und Zuschauer weiss man mehr, als Ida und die Mutter. Tilda überlegt sich, nach Berlin zu gehen. Dann muss die Mutter sich um Ida kümmern – und Ida sich auch um sich selber.
Die Szene ist erstaunlich und ungewohnt, es ist das einzige Mal im Buch und im Film, die drei vereint auf dem Sofa. Es ist richtig harmonisch und doch weiss der Leser und die Zuschauerin, das hält nicht an
«aber ich fühle mich sowieso überall fremd.»
Tilda, zuhause vielleicht nicht fremd, aber immer angespannt. Und darum an anderen Orten wohl fremd, weil sie immer auch die Situation zuhause im Blick haben muss.
Das Wolkenspiel
Tilda im Schwimmbad liegt im Schwimmring und beobachtet, wie die Wolken die Sonne «mobben» und schliesslich verdrängen. Dann taucht Viktor auf, quasi anstelle der Sonne. – Hübsch gemacht.
«Ich weine auch nicht.»
Die kleine, vermutlich weinende Ida zu der grossen weinenden Schwester Tilda, die sagt, dass sich nicht weint. Ein kleines bisschen kitschig-sentimental.
Ida scheint keine Lust auf so eine Unterhaltung zu haben und läuft an mir vorbei, balanciert wieder auf der Bordsteinkante.
Ida: Es war einmal eine mutige Ritterin. Ihr Name war Tilda. Sie war stark und schön…
Ich überhole sie. Ich: … viel zu traurig, und sie hatte genug zu kämpfen mit den ganzen Monstern da draussen.
Das Spiel auf dem Schulweg, wenn diejenige, die vor der anderen auf der Bordsteinkante geht, die Geschichte weiter erzählen kann, hat etwas Fröhliches. Hier allerdings ist es eine Zusammenfassung – wie Ida Tilda sieht – und Tilda sich selbst!
Kein Schälchen mit Radieschenröschen nach 14 Tagen Radieschenröschen
…
Im Wohnzimmer liegt Mama halb auf dem Sofa wie ein schlafendes Pferd oder ein Monster, das gerade erledigt wurde, und reagiert nicht, als ich es frage, wo Ida ist.
…
«Was ist passiert?» schreie ich und renne zum Monster. Ich schüttler das Monster, aber es brummt nur. Ich: WAS IST PASSIERT?! Monster: Ist abgehauen. Wollte keine Kuchen backen mit Mama.
Tilda bezeichnet ihre Mutter immer wieder als Monster – und in solchen Szenen ist man als Leser und Zuschauer genau so wütend auf die Mutter, wie Tilda. Und hilflos. Im weiteren Verlauf dieser Szene kommt übrigens auch heraus, dass es nicht um Kuchen backen ging, sondern dass die Mutter von der 10jährigen Ida verlangte, für sie Wodka kaufen zu gehen.
Und das mit den Radieschenröschen hat auch etwas tragisch Komisches. Die passen überhaupt nicht in dieses «Milieu».
Ida und ich wissen, dass sie nicht mit uns in eine Eisdiele will, wir wissen, dass sie gerade der böse Wolf ist und nicht die liebe Grossmutter, wir erkennen die grossen Augen und vor allem das Feuer darin und wissen, dass sie zerstören will.
No comment
Ich habe Angst vor dem Inneren, vor der Leere und der Traurigkeit. An der Wand im Eingangsbereich hängen Bilder von seinen Eltern und Geschwistern. Ivan, Sasha und Nika. 21, 14 und 9. Als ich das lachende Gesicht von Ivan sehe, wird mir schlecht. Wenn er lachte, strahlte sein ganzes Gesicht, und das Eis in seinen Augen schmolz.
Schönes Bild – dass ein strahlendes Gesicht Eis in den Augen schmelzen lassen kann. Auch im Gegenüber?
Hier wird nun aber erstmals greifbar, was bis hierher immer wieder unterschwellig angedeutet wurde. Viktor hat seine ganze Familie bei einem Autounfall verloren. Und irgendwie hat Tilda auch damit zu tun, denn sie war mit Ivan befreundet. Im Film wird das mit Rückblicken gut in Szene gesetzt. Allerdings wird es auch etwas wirr, denn Tilda hat während des Rückblicks einen Scheisstrip und so ist nicht klar, was wirklich passiert ist und was nicht
Ich spüre, dass er noch im Türrahmen steht als wir gehen. Ich drehe mich um. Ich: Dein Nachnamen passt zu dir. Er lächelt traurig. Viktor: Dann renn weg.
…
Ida: Was bedeutet sein Nachname?
Ich: Wolf
Sie nickt.
Ida: Der arme Wolf.
Das sagt alles. Und es ist ein guter Schluss für den 1. Teil des Buches.
Immer wieder bin ich aufs Neue geschockt, wie friedlich, unschuldig und vor allem kindlich sie aussieht, wenn sie schläft. Einzelne Haare kleben an ihrer verschwitzten Stirn, ihre Wange ist oft auf ihre zusammengefalteten Hände gebettet, manchmal liegt ein angedeutetes Lächeln auf ihrern Lippen. Wut setzt meinen Körper in Brand. Ida hat mir noch immer nicht erzählt, was passiert war.
Die zwiespältigen Gefühle von Tilda ihrer Mutter gegenüber.
Viellicht sollte ich Ida und Mama mal von der Ausschreibung erzählen und schauen, wie sie reagieren. Ich schliesse meine Augen und öffne sie wieder. Zu heiss. Zu laut.
Ja, tu das endlich Tilda. Der Leser und Zuschauer möchte ihr ab und an wirklich einen Stoss geben – rede mit Viktor, rede mit Marlene, rede mit Ida und Mutter.
Die Welt der Bücher als Schutzraum
Erst für Tilda, jetzt auch für Ida, der die ältere Schwester Romane besorgt.
Eine Stange Mamba, Eistee Pfirsich, Eistee Zitrone, ein Pfandzettel 50 Cent von den beiden Eistees vom Vortag. Ich schaue in das Gesicht von Ida.
Ich: 1.60 Euro. Ich komme gleich.
Sie nickt, gibt mir das Geld wie immer passend und wortlos in die Hand und geht raus
Hier zeigt sich auch, dass sie Ida mit ihrer Zahlenobsession angesteckt hat, denn Ida rechnet die Einkäufe bereits zusammen, und legt den Betrag an der Kasse auf den Cent genau hin.
Die Gewissheit, dass ich vieles verlieren kann, einen Vater, eine Mutter, eine normale Kindheit, dass nichts sicher und beständig ist, dass aber Bücher trotz allem bleiben, dass mir niemand diese Geschichten, diese Welten wegnehmen kann, in die ich zu flüchten vermag, beruhigte mich und machte mich unverwundbar. Ich wusste: Egal, wie viel Scheisse da noch auf mich zukommt, dieses bisschen Glück kann mir niemand nehmen. Und Ida weiss das jetzt, glaube ich, auch
Ja, genau das sollen Bücher schaffen! Schön, dass gute Bücher bei der Mathematikerin eine wichtige Rolle spielen. Sie sind auch die Verbindung zu Ivan. Nicht zu Marlene. Ev. wäre sie auch eine zu ihrer Mutter, die wohl etwas in dieser Richtung studiert hat.
Also eigentlich sind wir eine überwiegend intakte Familie. Zu 66.67 Prozent. Wir sind intakte Schwestern. Zu 100 Prozent.
Ida: Denkst du, dass sie irgendwann gesund wird?
Ich entscheide mich gegen eine Lüge und sage: «Nein.»
Sie nickt.
Ida: Ich auch nicht.
Ich: Und ich denke, dass wir akzeptieren müssen, dass wir ihr nicht helfen können.
Ida nickt.
Ich lege mir noch mal die Worte zurecht, die ich seit Tagen im Kopfe habe und beginne.
Und damit beginnen gleich mehrere Schlüsselstellen. Einerseits predigt Tilda Ida, dass sie keine Angst mehr haben darf. Dass sie für sich selbst einstehen muss. Dass sie sagen darf, was sie denkt. Und andererseits erzählt sie ihr endlich von der Möglichkeit, nach Berlin promovieren zu gehen. Und der Dialoge zu diesem Thema ist toll – siehe nächste Stelle:
Ich: Professor Klein möchte mich für eine Promotionsstelle in Berlin empfehlen.
Ida: Das heisst?
Ich: Das heisst, dass ich mich da vielleicht bewerbe.
Ich: Wenn das für dich okay ist.
Ida: Wann?
Ich: nächstes Jahr beginnt die Stelle.
Ida schweigt. 125 Sekunden.
Ida: Promotion heisst doch, dass du ein Dr. von deinen Namen bekommst, oder?
Ich: Ja.
Ida: ich wusste nicht, dass du so schlau bist.
Ich zucke mit den Schultern.
Ich: Ich mag Mathe
Ida: Ich mag Mathe nicht.
Ich: Okay
Ich: Das heisst, ich soll mich da nicht bewerben?
47 Sekunden
Ida: Bist Du blöd? Du musst.
83 Sekunden.
Ida: Dr. Tilda Schmitt. Klingt komisch.
Ida kichert, ich versuche, einen riesengrossen Kloss hinunterzuschlucken, und kämpfe gegen die brennenden Tränen.
Schlüsselstelle: das Plazet von Ida an Tilda. Im Film kommt die Stelle noch etwas später – der Film endet damit.
Der Glascontainer ist ein lustiger Ort. Ungefähr genauso lustig wie der robuste Bücherstube-Beutel. Wie die üblichen Verdächtigen mit ihren Autos neben den Tonnen halten, bei laufendem Motor aus dem Auto springen und schnell die Beweise entsorgen…
Kann ich Ida mit diesem Beutel, den Flaschen und Mama allein lassen?
Im Film sieht man den Beutel immer wieder – ein wirklich subtiler Hinweis darauf, wie es der Mutter gerade geht – wie voll er ist – oder eben leer.
… und schwimme das erste Mal wieder meine 22 statt 23 Bahnen. Danach tauche ich im tiefen Bereich bis zum Grund, setzte mich auf den Boden und schaue mir da Geschehen im Becken von unten an
Weder im Buch noch im Film wird erklärt, warum 22 Bahnen – und auch nicht, warum auch mal 23 Bahnen. Im Film ist das «von unten raufschauen» wirklich toll umgesetzt 😊
Ich bin todmüde, liege im Bett und will schlafen, aber die Gedanken sind lauter als die Müdigkeit.
Gut auf den Punkt gebracht – das geht wohl vielen Menschen immer wieder mal so.
«(…) und New-Balance-Sneaker.»
Viktor erscheint in der Bar. Mit dem richtigen=angesagten Brand?
«Jacqueline» und Viktor, Flirtszene
Tilda besucht anderen Studentinnen und Studenten in einer Bar, als sie beobachtet, wie eine mutmassliche BWL-Studentin sich an Viktor ranmacht. Tilda rennt raus, Viktor hinter her, der Bar-Besuch wird damit einfach zu einem neuerlichen Anlass für die wortkarge Annäherung der beiden. Etwas vorhersehbar.
Ich höre Ida Wörter sagen, die ein Kind nie sagen sollte, nicht nur ich habe mich vorbereitet: Ida Schmitt, Fröhlichstrasse 37. Meine Mama ist bewusstlos. Überdosis. Alkohol und Tabletten.
Ida: Atmet sie?
Ich nicke.
Ida: Atmung vorhanden.
Gänsehautmoment – auch im Film. Ida macht das wirklich schon fast routiniert. Und das sollte ein 10 jähriges Mädchen wirklich nicht müssen. Damit endet Teil 2 und irgendwie wünscht man sich fast, dass sich damit alles ändert…!
Ida: Du glühst. 39.9 Grad Celsius
Tilda hat einen Zusammenbruch, nachdem die Mutter im Spital eingeliefert worden ist. (Im Film passiert es etwas rasch, gleich, nachdem das Krankenauto weg ist). Aber nun beginnt das ‹Erwachsenwerden› von Ida. Sie holt Hilfe – und Viktor kommt und unterstützt Ida. Ida wechselt in die höhere Schule und im Nachgang – beim Besuch der Mutter im Krankenhaus, nachdem Tilda wieder gesund ist, wird klar, Ida hat es im Griff. Die wirren Träume von Tilda während ihres hohen Fiebers, bei denen es auch um den Vater geht, sind dem Buch nicht zuträglich. Und kommen im Film auch nicht vor. Aber die Beziehung zu Viktor entwickelt sich. durch seine Fürsorge
Jetzt scheinen sich Herbst und Sommer angefreundet zu haben und zeigen sich im Altweibersommer von ihrer schönsten Seite
Schöne Sprache – schönes Bild
Mama: Gut. Ich fühle mich wie neugeboren. Gereinigt von innen heraus. Und ich freue mich auf zu Hause. Und natürlich auf Euch.
Ihre Worte klingen wir eingeübt.
Ida und ich schauen uns an.
Ich: Mama, du hast vor ein paar Tagen versucht, dich umzubringen.
Mama: Nein, Quatsch.
…
Ida: Du musst alleine wissen, ob du in die Klinik gehst oder nicht. Wir wissen, dass du es ohne Hilfe nicht schaffst, und wir wissen, dass wir es ohne dich und auch mit dir schaffen.
Wow – Ida! Im Buch steht zwar, dass die Mutter von diesem Auftritt nicht beeindruckt ist, aber der Leser und Zuschauer sehr wohl. Die blauäugige Mutter – von innen gereinigt – alles ist jetzt easy und gut. Die 10 jährige Tochter, die den Durchblick hat
Ida: Und wann fängst du wieder an zu trinken?
Ich weiss nicht, wer sich mehr erschreckt, Mama oder ich.
Mama: Ida, was soll das?
Ida: Ich frag mich einfach, wie du dir das vorstellst. Du willst keinen Entzug, also willst du weitertrinken?
…
Mama: das war ein Ausrutscher. Ihr tut ja so, als ob ich Alkoholikerin wäre.
Ida und ich prusten los. Auch wenn der «Ausrutscher» Mama nicht verändert hat. scheint doch zumindest etwas Gewaltiges mit Ida passiert zu sein.
Es ist beelendend, dass die Mutter ihre Situation so negiert – und dass es anscheinend auch niemanden gibt, die es ihr vor Augen führen kann – ausser ihre Töchter. Aber was mit Ida passiert ist – das ist wirklich gewaltig. Geht es etwas zu schnell? Braucht es nur, dass Tilda mal ausser Gefecht gesetzt war?
Ich: Ich war krank.
Ferdinand. Gut, dann bis morgen.
Ich: bis morgen.
Ich dachte immer, niemand würde es merken, wenn ich nicht mehr da wäre.
Wie traurig 😕🥺
Ich: Wir waren in der letzten Nacht mit Ivan unterwegs, wir haben ihn überredet, obwohl er gar nicht wollte.
Schweigen. Endlich ist es draussen.
Ich: Auch zu Drogen.
…
Ich: Sass Ivan am Steuer?
Viktor: Nein.
Der Stein löst sich auf, aber da ist noch ein anderer kleinerer Stein, der hinter dem anderen grossen gelegen hat.
Ich: Er hat mich in der letzten Nacht gefragt, ob ich mit ihm nach Russland kommen will.
Mein Körper bebt.
Viktor hält mich fest.
Viktor: Ivan war schon immer mutiger als ich.
Schlüsselstelle: Fünf Jahre Ungewissheit lösen sich endlich auf. Tilda ist nicht Mitschuld am Tod von Ivan, von der Familie von Viktor. Und Viktor gesteht ihr mit dem letzten Satz, dass er zu lange gebraucht hat, sich Tilda zu nähern.
Ich: Ida, ich habe Dir schon mal gesagt: Das hier ist keine Liebesgeschichte. Viel Spass in der Schule.
Ida: Das kannst du doch nicht entscheiden.
Ich: Ida.
Ida: Das ist, wie wenn das Mordopfer im Tatort sagt: Das hier ist kein Krimi.
Ida: Wir trotzdem getötet.
Ich: Toller Vergleich.
Wirklich tolle Vergleich.
Ida: Ich weiss. Tschüss.
Ida legt auf. Die kleine Mademoiselle ist ganz schön frech geworden.
Schöne – und witzige – Stelle
Das sollte hier nie eine Liebegeschichte werden. Das sollte wenn, dann Idas und meine, vor allem Idas Heldinnengeschichte werden, in der sich Ida von Mama befreit. Aber andererseits: Was ist ein Heldenepos ohne Liebe? Was wäre das Nibelungenlied ohne Siegfrid und Kriemhild?
Dieses Zitat kurz vor Ende des Buches, bringt sowohl den Film wie auch das Buch auf den Punkt.
((Und dass es im Buch doch noch etwas mit der Liebesgeschichte weitergeht, ist auch ok.))
Wie oben erwähnt, der Film endet damit, dass Ida Tilda «nach Berlin schickt» – und da ist perfekt für den Film.