Abschied(e)
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Besprechung
Moritz Th.
Ein Schriftsteller ist in die Jahre gekommen, er ist an einem «unheilbaren, aber beherrschbaren» Blutkrebs erkrankt und schreibt sein letztes Buch. Das Buch, das wir ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
Kapitel 1. Das Grosse I AM
Noch einmal Prousts Madeleine, vraiment?
Aber Julian Barnes macht das charmant, eingebettet in Reflexionen zur Autonomie und Unzuverlässigkeit oder ungeheuren Detailschärfe des Gedächtnisses. Dem wohligen Abtauchen in die Erinnerung an einen früheren Verzehr des Teegebäcks stellt der Autor die forcierte Erinnerung an alle Kuchen-Mahlzeiten gegenüber, mit der ein Patient nach einem Schlaganfall sich auseinanderzusetzen hat.
«da macht einfach das Universum seine Arbeit.»
Blutkrebs als Krankheit, die sich nicht gegen ein bestimmtes Organ wendet. Dem Patienten Barnes sympathischer als zB Lungenkrebs. Und Verfall gehört nun mal dazu. – Brillante Formulierung.
Auf Seite 218 kommt er auf den Satz zurück. Barnes erzählt von einem Dieb, der einen Katalysator aus einem Auto stehlen will, und dabei vom Besitzer ertappt wird. Er stellt den Dieb zur Rede. Der gibt ihm den Bescheid, dass ihn das nichts angehe, und er sich «verpissen» solle. – So ähnlich unpersönlich soll man auch eine Krankheit wie Krebs nehmen, es geschieht einfach, da macht einfach das Universum seine Arbeit. «Verstehen Sie, was ich meine?», schliesst er den Absatz. In der Tat, dank dem ungewöhnlichen Vergleich verstehen wir das jetzt sehr gut.
An anderer Stelle (siehe Anmerkung zu Seite 196/197) tadelt Julian eine falsche Metapher, die dem Gehirn Intentionalität unterstellt, wo keine ist. Wenn man sehr pingelig sein will, kann man in der Metapher von der Arbeit auch eine Intentionalität monieren, die beim Universum erst recht nicht adäquat ist. Aber die Eleganz der Formel mag den Einwand übertrumpfen.
«Es gibt ziemlich viel Proust in diesem Buch, stelle ich fest. Dabei bin ich nicht einmal Proustianer.»
…sondern wohl eher Flaubertianer. Barnes fährt fort, dass er Proust ja vor allem zitiere, um ihm zu widersprechen. Proust ist nun mal der Erinnerungs-Experte.
«Wenn Briefe durch den Türschlitz kamen, fing er sie mitten im Fall ab und unterwarf sie sich durch Zerbeissen.»
Scharf bewacht der Jack Russell von Jean sein Territorium und sein Frauchen, das musste zu seinem Leidwesen auch Stephen erfahren, als er zu Jeans Partner wurde.
«Ich war etwas erstaunt, dass sie eine kirchliche Trauung wollten. Stephen sagte, das sei Jeans Entscheidung gewesen. Jean sagte, sie habe gemerkt, dass Stephen sich das wünsche, auch wenn er es nicht ausdrücken könne. Beide sagten, damit wollten sie eher anderen eine Freude machen.»
Hübsche dialektische Miniatur. Man beachte: alle Aussagen könnten wahr sein, keine widerspricht einer anderen absolut. – Man kann sich sehr gut vorstellen, wie so ein solcher Entscheid zustande kommt, mit vermeintlicher Antizipation der Wünsche des anderen, die dann vielleicht doch einfach den eigenen Vorstellungen entsprechen.
«‹Aber es ist – keine Ahnung – als wäre er noch in der Fahrschule.'»
Stephen tut sich offenbar schwer mit Liebesbekundungen gegenüber seiner frisch angetrauten Ehefrau. Jean durchschaut, dass er den Anweisungen eines Ratgebers in den Medien folgt, und beschwert sich darüber bei Julian.
Glücklichsein macht mich nicht glücklich.
Satz Jeans. Wenig wunder, dass Stephen mit ihr überfordert war.
«Ich hielt mich für klug, nur weil ich so viele Bücher geschrieben hatte; ich dachte, ich wüsste, was die Menschen bewegt; ich kam mir sogar vor wie ein Beratungszentrum.»
Klug sein könnte ja gerade heissen, dass man um die Unberechenbarkeit der Menschen weiss, unabhängig davon, wieviele Bücher man geschrieben hat.
«Die reinste Selbstüberschätzung und Eitelkeit.»
Es geht, noch einmal. um Julians Rolle in der Geschichte von Stephen und Jean. Macht der Autor nicht eine Spur zu viel Aufhebens davon? Ist nicht gerade dieses selbstkritische Reflexion zu viel des Guten?
«Ein Abschied führt gewöhnlich zu einer Ankunft.»
Der englische Titel des Buches lautet «Departure(s)», also eher Abfahrt oder Abflug (mit einem Ziel) als Abschied, das eine nächste Destination nicht zwingend impliziert.
«Warum lässt der Circus, das Hauptquartier im Schädel, uns – seinen Agenten im Einsatz – im entscheidenden Moment im Stich? Sicher deshalb, weil das wieder eine falsche Metapher ist: Der zerebrale Circus kennt keine Intention.»
Es geht um Vergesslichkeit im Alter, Namen, die einem nicht in den Sinn kommen.
Es liegt in der Natur des Menschen-Ichs, Systemen Intentionen zu unterstellen, wir können uns die Welt so einfacher erklären. Aber worum geht es hier? Ich kann mich doch als Agent im Stich gelassen fühlen, auch wenn das Gehirn nicht die Intention hat, mich im Stich zu lassen, sondern einfach nach Naturgesetzen operiert.
Und die Formulierung «Sicher deshalb» ist etwas irritierend: Lässt mich der Circus im Stich, weil ich eine falsche Metapher verwende? Wie lautet die Passage im Original?
Gedanken zu Identität und Erinnerung
Zweifellos ist Erinnerung sehr wichtig für unsere Identität, konstitutiv, könnte man sagen. Was passiert in der Demenz, wenn die Erinnerung schwindet? Aber Barnes kommt hier zunächst zum Schluss, dass auch ohne Erinnerung «wohl irgendeine Identität fortbesteht, und sei sie noch so schwankend und haltlos».
Dann aber räumt er mit einem «Anderseits» doch ein, dass «eine totale Abwesenheit vor der endgültigen Abwesenheit» möglich ist. Wie will man aber diese totale Abwesenheit definieren? Ein identitätsloses Wesen?
Schwierige Themen. Im Kontext interessant der Ansatz von Paul Valéry, der zwischen «Ich» und «Person» unterscheidet. Letzteres kann man bis zum Tod nicht verlieren. Siehe Zitat & Kommentar #29 hier: Cahiers/Hefte 4_p. 490 : Lesart blog
«Und ich glaube, ich bin froh, dass ich tot sein werde, bevor man einen vollständigen Zugang zu den Funktionsweisen des Gehirns findet.»
Weil «die Menschheit» nicht sehr viel Wissen oder Wirklichkeit ertragen kann. Interessante Wortwahl, die Menschheit. – Aber der Autor stösst hier interessante Punkte an: wie werden die Menschen mit weiteren, heftigen Selbstbild-Kränkungen umgehen, wenn die Wissenschaft mit unumgänglichen Entdeckungen aufwartet?