Zitat & Kommentar

#19 14.03.2025
Michel de Montaigne - Essais | Kommentarautor Moritz T.

Essais > Essais_p. 282

Ich gehe fortwährend vor und zurück; mein Urteil hält keinen festen Kurs, es schwimmt und schaukelt hin und her, wie auf hoher See ein winzig Schiff, das des Sturmes Wüten jäh ergriff.

Kommentar

Schon vor 450 Jahren stellte Michel de Montaigne durch Selbstbeobachtung fest, was Wissenschaftler unserer Tage wie Daniel Kahnemann (s. zB hier: https://lesart.blog/noise/) oder Robert Sapolsky in aufwendigen Experimenten und mit Statistiken belegen: Unsere Urteile und Meinungen sind stark kontextabhängig und können sich unter sachfremden Einflüssen massiv ändern.
Das ist dann problematisch, wenn ein Urteil Dritte betrifft, etwa beim Richter, der nach der Niederlage des lokalen Fussballteams tendenziell strengere Urteile ausspricht, wie Kahnemann nachweist. Auch Montaigne denkt über willkürliche Rechtsurteile nach (p. 281), in seinem Beispiel ist der Richter durch Gichtschmerzen beeinflusst.
Er reflektiert aber auch sein eigenes Verhalten: Ein Buch, das ihn zu einem früheren Zeitpunkt durch ausnehmend schöne Stellen entzückt hat, erscheint ihm später als «unförmige, mir unverständliche Wortmasse». Oder wenn er probeweise mal die Argumente der Gegner in einer bestimmten Frage übernimmt, kann es leicht passieren, dass aus dem Spiel ernst wird: er wechselt die Überzeugung, und vertritt sie dann mit Inbrunst.

Wie soll man als Individuum mit der Wankelmütigkeit der Ansichten und Urteile umgehen?

Michel de Montaigne erörtert die Frage ausführlich, auch an einem weltbewegenden Beispiel, wie dem im 16. Jahrhundert unter Druck geratenen geo-zentrischen Weltbild. Wer nun erwartet, dass Montaigne leichtfüssig ins Lager der neuen Ansicht wechselt und sich zum kopernikanischen Weltbild bekennt, da er ja grundsätzlich weiss, wie auch scheinbar feste Meinungen nur vorläufige sind, für den hält er eine Überraschung bereit. Montaigne denkt bereits weiter:

«Wenn wir eine neue Lehre vor uns auftauchen sehen, haben wir somit allen Grund, ihr zu misstrauen und zu bedenken, dass vor ihr die entgegengesetzte Zulauf hatte; und wie diese durch die neue gestürzt wurde, kann sich in Zukunft eine dritte Bahn brechen, die genauso die zweite zu Fall bringt.» (p. 284)

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