Zitat & Kommentar

#30 23.05.2026
Bob Dylan - Lyrics 1962 – 2001

Lyrics 1962 – 2001 > Mississippi_p. 1094

I’ve got nothin’ but affection for all those who’ve sailed with me

Deutsch (Gisbert Haefs): Ich habe nichts als Zuneigung für alle, die mit mir gesegelt sind.

Kommentar

Bob Dylan hat sich gegen die Vereinnahmung seiner Fans zur Wehr gesetzt, er hat provoziert, sich als Aussenseiter inszeniert, ihm zugeschriebene Positionen verlassen, programmatisch im frühen «It ain’t me, babe» (1964). Die Protagonisten seiner Songs sind häufig einsam und gehen allein einer düsteren Zukunft entgegen. Zugleich legen viele Songs Zeugnis ab von einem hellwachen Blick auf die Gegenwart oder die Geschichte, von «It’s a hard rain gonna fall» (1963) bis zu «Murder Most Foul» (2020).

Im 1996 geschriebenen Song «Mississippi» ist der Held in schwieriger Mission unterwegs, sein Schiff ist zersplittert und sinkt schnell, er ertrinkt im Gift und hat keine Zukunft und keine Vergangenheit. In diesem Moment setzen aber die versöhnlichen Zeilen ein:

But my heart is not weary, it’s light and it’s free

I’ve got nothin´

but affection for all those who’ve sailed with me.

Bei aller Schärfe des häufig zynischen Blicks auf die Mitwelt (in diesem und vielen anderen Songs) demonstriert hier der Protagonist seine Zuneigung zu den Menschen in seiner näheren und vielleicht auch weiteren Umgebung, auf berührende Weise.

 

Aus demselben zeitlichen Umfeld wie «Mississippi» stammt «Tryin’ to get to heaven», ähnliche Stimmungslage, resigniert, welt-müde und lebenssatt. Darin finden sich die Zeilen:

People on the platforms

Waiting for the trains

I can hear their hearts a-beatin´

Like pendulums swinging on chains

Deutsch (Gisbert Haefs): Leute auf den Bahnsteigen / Warten auf die Züge / Ich kann ihre Herzen klopfen hören / Wie Pendel, die an Ketten schwingen

Bedeuten die Ketten eine Fremdbestimmung, symbolisiert das Pendel die unbarmherzig vergehende Zeit? Vielleicht, aber das betrifft dann auch den Helden selbst, der hier im warmherzigen Tonfall seine Verbundenheit zu den «Leuten» zum Ausdruck bringt, auch indem die Musik das Schlagen der Herzen wiederzugeben scheint. – Bob Dylans Helden sind wohl in der Regel nicht das, was man leutselig nennen würde. Aber in einigen seiner besten Songs ist so etwas wie eine innige Zeitgenossenschaft zu erahnen.

Die Songs:

Mississippi

Tryin to get to heaven

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