Die Geschichte des Klangs
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Besprechung
Gaby K.
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
In den Bäumen zirpten die Zikaden und nähten die Nacht zusammen
Was für ein schönes Bild das einem gleich mithören lässt
Ich bin gerade von einer Wanderschaft, könnte man sagen, durch Nordeuropa zurück. Mit Gottes Hilfe. Aber die Zukunft wird schöner.
David schreibt das im Juni 1919 – nachdem er 1917 als Soldat im ersten Weltkrieg gekämpft hat – an Lionel. Lionel wurde wegen seiner schlechten Augen nicht eingezogen. Er war aber überzeugt, dass David zurück kommen würde.
Mein Grossvater hat mal gesagt, dass Glück keine Geschichte ist. Darum gibt es über diese ersten Wochen nicht viel zu sagen. Die Riemen des schweren Phonographen gruben sich in meine Schultern, mein Hals war voller blutiger Mückenstiche, und ich bekam Blasen an beiden Fersen, aber ich glaube, ich bin nie glücklicher gewesen – auf jene schlichte, langweilige Art, die sich jeder Beschreibung widersetzt.
Und deswegen muss man zu dieser Textstelle eigentlich auch nicht viel sagen, sie spricht für sich.
Als ich ihn fragte, was ihm an den Songs, besonders den Balladen, so sehr gefiel, sagte er – und ich erinnere mich genau an seine Worte -, sie seien «die warmblütigste Musik», die er kenne. Ich verstehe, was er meinte: Diese Songs sind erfüllt von den tausenden Stimmen, die sie gesungen und abgeändert haben, und erzählen immer Geschichten aus dem Leben von Menschen. … Gefühle, in Lieder gefasst – nichts Raffiniertes.
Er beschreibt damit die Folksongs, die sie sich auf ihrer Wanderschaft von allen möglichen Leuten vorsingen lassen. Lionel selbst studiert Musik und sagt im selben Abschnitt, dass er zwar die Barockmusik angefangen hat zu lieben, diese aber ’scharf und abstrakt und verziert wie kalt funkelnder Schmuck› sei.
«Amerika war damals anders» fuhr der Mann fort. «Es waren andere Zeiten, verstehen Sie? Die Leute haben abends zusammen auf der Veranda gesessen und gesungen. Jeder kannte irgendeine Melodie. … Aber dann, in den Fünfzigern und Sechzigern, kam das Fernsehen, und die Leute sassen bloss noch auf dem Sofa und waren nicht mehr zusammen, keine Gemeinschaft. Das Fernsehen hat eine Menge kaputtgemacht.»
«Das wollen wir jetzt mal so stehen lassen», sagte Ted.
«Das sollte man aber nicht so stehen lassen», sagte der Mann. «Wir leben in langweiligeren Zeiten. Und ich bin sicher, es wird noch schlimmer werden».
«Wirklich?»
«Ja».
Ich finde, der Mann – der übrigens Lionel ist und 1919 die Volkslieder gesammelt hat – hat leider recht. Es ist noch schlimmer geworden, mit den Smartphones, Netflix etc. sitzt man nicht mal mehr gemeinsam auf dem Sofa…
Die Wolken waren fort und wieder war über ihr alles blau – es war einer jener Tage, an denen der Himmel verschreckt und weit entfernt scheint.
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Menschen müssen einen kleinen Schmerz spüren. Über Dinge, die zu Ende gehen, vielleicht – wie die Jahreszeiten, wie die Winter. Es muss einen zerreissen, damit man spürt, wie der Riss heilt. Es gibt nichts, was damit vergleichbar wäre. Nicht mal meinem schlimmsten Feind würde ich ein ereignisloses Leben wünschen.»
Belle, die von Annie besucht wird, beschreibt so ihre erste Liebe. Zu David, der ein Jahr nach ihrer Hochzeit gestorben ist. Später spricht sie auch von ‹Shakespeares Rat›: «Die erste liebe muss in voller Blüte enden, bevor sie Blatt für Blatt dahinstirbt».