Grossmütter
Fügen Sie Ihre Bewertungen hinzu
Besprechung
Moritz Th.
«Grossmütter» erzählt die Geschichte zweier Frauen in sehr unterschiedlichen Sphären. Die eine Ich-Erzählerin wächst in der Schweiz in bitterer Armut auf, die andere dagegen ist ...
S. Filep
Elke Heidenreich über den Roman »Großmütter« von Melara Mvogdobo: »Wie elend es um die Stellung der Frau vor allem in abgelegenen Gebieten immer noch bestellt ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
«Unsere Fusssohlen waren hart und rauh wie das Leder des Gürtels unseres Vaters.»
Die Kindheit der Schweizer Grossmutter, auf den Punkt gebracht. Armut, Entbehrungen, Gewalt. Sie war aber ein «fröhliches Mädchen», trotz allem.
«Die Träume deines zukünftigen Mannes werden Deine Träume sein.»
Die kamerunische Grossmutter hatte das bac geschafft und träumte davon, Medizin zu studieren. Der Vater will sie einfach nur (gewinnbringend) verheiraten. – Auch der Jugend-Traum der Schweizer Grossmutter, Krankenschwester zu werden, scheint zu platzen.
Beide Mädchen wachsen in einem Umfeld auf, das geprägt ist von Traditionen und vorgespurten Bahnen, die sie auch auf der Schwelle zum Erwachsensein kaum verlassen können. Das Selbstverständnis der Eltern lässt keine Abweichung zu.
«Nie mehr werde ich aufrechten Hauptes ins Dorf gehen können.»
Die einzige Sorge der Bauernfrau, als sie von der Schwangerschaft der Tochter erfährt. Der Vater schweigt und meidet die «Gefallene», grosse Einsamkeit der Schweizer Ich-Erzählerin, der Vater ihres heranwachsenden Kindes ist verschwunden. Nähe einzig noch zur jüngeren Schwester, mit der sie das Zimmer teilt.
«Ich habe die Hoffnung auf glückliche Momente tief in meinem Innern vergraben.»
Die Ich-Erzählerin aus Kamerun lebt ein materiell sorgenfreies Leben. Sie ist fünffache Mutter, mit dem Makel, nur Töchter geboren zu haben, sie muss quasi zur Strafe die Söhne der Mätressen ihres Mannes grossziehen. Eine Ehe ohne Liebe, ohne Zuneigung, ihre Schönheit ist für ihren Mann einzig ein Prestigegewinn. Sie hat die Gleichgültigkeit gelernt, die das Markenzeichen ihrer Mutter war, allerdings nicht ganz so perfekt.
Kapitel «Kleines und grosses Leid»
Die kamerunische Ich-Erzählerin wird von ihrer ältesten Tochter mit der Frage konfrontiert, die sie selbst vor Jahren ihrem Vater gestellt hatte: ob sie die Töchter nicht mag, die Söhne bevorzuge. Sie gibt eine abweisende Antwort, obwohl sie die Frage ins Mark trifft. Sie vermag die Kette des Unglücks zunächst nicht zu durchbrechen, zu tief ist sie selbst unglücklich. Dicht, kondensiert.
«Es ist keineswegs sicher, dass er überhaupt weiss, dass ich existiere.»
Sehr schöner Satz, der das Gefälle von Herr (Doktor) und Dienstmagd leicht ironisiert. Aber schon zuhause wurde sie vom Vater ignoriert, zum Klassen- kommt ein Geschlechtsgefälle, der den Abgrund für den Herrn Doktor unüberbrückbar macht.
«Warum, frage ich mich, warum, scheinen wir dazu verdammt zu sein, die schrecklichen Taten unserer Eltern zu wiederholen?»
Die Kernfrage. Eine Stärke, wie das Buch an diese Frage heranführt und die beiden Ich-Erzählerinnen damit zu ringen haben. – Vielleicht eine Schwäche, dass es die Frage nicht auch auf die Ehe-Männer und Väter ausdehnt, die vielleicht genauso in einem System gefangen sind, dass sie auch unglücklich macht. Aber der Blick der beiden Hauptfiguren ist verengt, sie haben jahrzehntelang gelitten. Auch konsequent, dass sie ihre Männer nur als Aggressor, als Täter sehen und sie bekämpfen.
Kapitel «Genug»
Erst mit 82 vermag sich die Schweizer Grossmutter von ihrem bösartigen Mann zu lösen, als dieser sie im Altersheim schlägt. Warum hat sie nicht zuvor die Gelegenheit wahrgenommen und ihn allein ins Altersheim gehen lassen? «Aber ich hatte Angst», heisst es etwas später (p. 91). – Erst allmählich zeigt sich, dass die Ich-Erzählerin ein Sozialleben ausserhalb der Familie hat, Jass und Chor.
«Denn was ist Gleichgültigkeit denn anderes als ein riesiger Haufen unbelohnter Geduld?»
Geduld, die sich in Gleichgültigkeit verwandelt. Ein Satz zum Nach-Denken.
«Weiss sie denn nicht, dass man das Glücklichsein lernen muss?»
Und noch so ein Satz… Die Abwesenheit des Unglücks ist allein noch kein Glück. Man muss das Glücklichsein erst erlernen. Zum Schluss des Kapitels heisst es aber dann, dass man glücklich geboren wird, und erst das Leben einen traurig macht. Ein Schlenker zu viel? Ein Widerspruch?