Jenseits der Dinge
Fügen Sie Ihre Bewertungen hinzu
Besprechung
ALLE BESPRECHUNGENAnmerkungen zu einzelnen Stellen
Tag – 1
«Sie kaute auf dem Cracker herum (…). Wie sich der Ober- und Unterkiefer bewegten und den Cracker langsam zermalmten, zerbröckelte auch ihr Zorn, bis er kaum mehr fassbar war (…)» (p. 17). Oona kann es kaum verwinden, dass Q, offenbar einst ihr Partner, am Projekt teilnehmen soll. Setzt sie die Kaubewegungen bewusst ein, um ihren Zorn einzuhegen? – Zuzutrauen ist es ihr, später lokalisiert sie (oder doch nur die Erzählstimme?) «ein Gefühl im präfrontalen Cortex, das sie nicht richtig benennen konnte», p. 20. Oona ist eine Psychologie-Fachfrau, genauso wie Jessica, in deren Innenleben wir auch Einblick erhalten; sie ist eifersüchtig auf Oona, die beim Chef Paul mehr Ansehen geniesst. – Es menschelt am Institut, kurz bevor die buddhistischen Mönche aus Korea eintreffen.
«Als Übersprungshandlung zog sie ihr Smartphone aus der Tasche (…)»
Da geht die Erzählerstimme mit schwerem Psychologenvokabular zu Werke, für eine kleine Alltagsbewegung. Warum nicht den Lesenden diese naheliegende Interpretation überlassen? Oder soll hier der Psychologen-Jargon persifliert werden, der sich schon auf den Seiten zuvor in den Selbst-Analysen der Figuren bemerkbar gemacht hatte?
Tag 1
Tag 1 nach der Ankunft der koreanischen Mönche im Institut. Aber die Probanden-Mönche spielen nur um Hintergrund eine Rolle, quasi als Projektionsfläche einer ersehnten Gemütsruhe für das emotional aufgewühlte Personal am Institut. Theoretisch wissen die psychologisch geschulten Angestellten Oona, Jessica oder auch Q, wie man seine Emotionen im Griff hat, aber auch die ad hoc angewendeten Übungen zeitigen nicht immer den gewünschten Erfolg. Das ist von leiser Komik. Das Leben am Institut mit dem ehemaligen Liebespaar Oona und Q im Zentrum hat selbst etwas von einer Versuchsanlage. – Atmosphärisch dicht die separaten Erinnerungen von Oona und Q an die gemeinsame Zeit in Seoul.
«Die Experimente waren schon anstrengend genug, aber die beteiligten Menschen waren es noch mehr. Ich will – ich will – ich will …»
Jibong, der älteste der Mönche, macht sich Gedanken zum Personal am Institut.
«Er war sich nicht sicher, ob ihm zum Lachen oder Weinen zumute war. So wenig war er in Kontakt mit seinen Gefühlen.»
Q, der sich selbst im Psychologen-Jargon seziert. Oder ist das nur die Erzählstimme?
«Das Cello war immer noch gross und schwer, aber mit jedem Tag kam ihr das Gewicht auf ihren Schultern leichter vor.
*****
‹Eine Altlast sozusagen›, so fasst Paul das Gespräch mit Jibong zusammen.»
Geschickt verzahnt die Autorin die Abschnitte, auch wenn sie von einer Szene, einer Figur, zu einer anderen springt. – Paul hat herausgefunden, was die Panikattacke beim Mönch Jibong ausgelöst hat. Die Wassergeräusche im Scanner erinnerten ihn an Waterboarding-Folter, der der rebellische Student in den 1980er Jahren in Korea ausgesetzt war.
«‹Wir sind die Beobachter unseres Geistes, nicht sein Opfer.'»
Ein für Q wichtiger Lehrsatz des Mönch Jibong, zusammen mit der Meditations-Formel Yi – mvot – go?, «was ist das?», oder «was ist das für eine Sache, dieses Ich?», mit der man sich Distanz schaffen kann zu seinen eigenen Gefühlen, zu seinem Ich.
Nicht Opfer sein: lernen, dass unser Geist ein Spielball von Emotionen sein kann, mit denen wir uns nicht zwingend identifizieren müssen.