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Besprechung
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«In der Nähe von Schtschastja. 11. Februar 2016»
«Die Bewohner des Donbas beklagten oft, dass ihnen niemand zuhörte.» Einer der Gründe für die Autorin, zurück in die Heimat, in dieses Krisengebiet zu reisen, sie sucht das Gespräch, das ihr teilweise verweigert wird. Sprachlosigkeit, Ratlosigkeit, Resignation. «Alle sind korrupt», Russen und Ukrainer. Dann aber auch: «Ich habe viel über die ukrainischen Soldaten sprechen gehört. (…) Sie werden oft als Besatzer wahrgenommen, die gekommen sind, um den Leuten ihr Land wegzunehmen.» (p. 41) Die Schuld wird dem «Maidan» zugewiesen, dem pro-westlichen Aufstand 2013/2014. – Scharf akzentuierte eigenständige Haltung im Donbas.
«Mit dem Verlust des Hinterlands im Osten, verlor ich auch meinen Platz im Westen.»
Merkwürdige, aber sofort einleuchtende Dialektik. Der Verlust der Heimat im Donbas mit Auswirkungen in die Fremde.
«Der Krieg bedeutet auch zahlreiche Wunden, die einen Menschen bis zum Ende eines Lebens begleiten.»
Das machen diese Texte auf schreckliche Weise anschaulich: Entwurzelung, Traumata, Heimatlosigkeit, Verlust eines Urvertrauens, körperliche Beschwerden. je nachdem wirken die psychischen Verheerungen auch noch in der nächsten Generation nach. Der Krieg hört nicht auf mit dem Krieg.
Kapitel «Und die Flüchtlinge aus anderen Ländern?»
Die Autorin weicht auch heiklen Themen nicht aus. Geniessen Flüchtlinge aus der Ukraine Privilegien verglichen mit den Flüchtlingen aus anderen Ländern? Sie verweist darauf, dass beim Kriegsausbruch 2014 noch gar nichts von Solidarität mit den Ukrainern zu spüren war im Westen. Und dass die Unterstützung, die die Ukrainer nach dem erneuten Kriegsausbruch 2022 erfahren, eigentlich allen Flüchtlingen zustehen sollte.
Kapitel «Wie ist es, in der Kriegszeit ein Mann zu sein?»
Ukrainische Männer, die nicht an der Front oder gar im Ausland sind, stehen unter enormen Druck. Die Schwester der Autorin ist zu Besuch in Basel und nimmt an einem Treffen ukrainischer Frauen und (junger) Männer teil. «‹Was machen die hier?› schrie sie fast.» (statt in der Ukraine zu sein wie der Ehemann der Schwester), eine spontane Reaktion. – Die Autorin versucht Verständnis zu wecken für die Männer, die nicht an der Front sind.
«Ich bin nicht schuldig, dass Menschen mehr leiden als ich.»
Zentraler Satz in diesem Tagebuch. Landsleute, Freunde werden in der Ukraine gefoltert, vergewaltigt, getötet. Schuld kann vergiften, die Autorin führt vor Augen, wie wichtig es ist, sich von Schuld (auch des Überlebens) zu befreien, und wie schwierig das ist.
Kapitel «Was ist aus den Menschen geworden?»
In ihren Tagebucheinträgen erzählt die Autorin von Freunden und Familienmitgliedern, es sind Momentaufnahmen. Gute Idee, zum Abschluss etwas ausführlicher von den Lebenswegen und Schicksalsschlägen dieser Menschen zu berichten. Der Krieg bringt Tod und Zerstörung; aber es ist erschütternd, wenn einem hier nochmals vor Augen geführt wird, auf wie vielen Ebenen der Krieg verheerend wirkt auch für diejenigen, die überleben.