Die Wahlverwandtschaften
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Besprechung
Moritz Th.
(Notiz zum Theaterstück am Ende der Besprechung) Im Roman stellt eine Nebenfigur fest, dass Komödien jeweils – nach dem Überwinden diverser Hindernisse – mit der ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
«man sieht über die reichen Baumwiesen in eine heitere Ferne.»
Der Garten, der Auftakt, ein Idyll.
«denn wir sind unsere Lebzeit über einander wechselseitig soviel schuldig geworden, dass wir nicht berechnen können, wie Kredit und Debet sich gegeneinander verhalten – dass er geschäftslos ist, das ist eigentlich seine Qual.»
Eduard beschreibt etwas umständlich und in kaufmännischer Terminologie das Verhältnis zu seinem Freund, dem Hauptmann.
«dass eine Ahnung mir nichts Gutes weissagt.»
Charlottens rationale Argumente, das idyllische Leben weiterhin nur zu zweit zu pflegen, verfangen nicht. Jetzt kommt ihr Gefühl ins Spiel, dass eine Einladung an den Hauptmann, mit Charlotte und Eduard das Landleben zu teilen, ungute Folgen zeitigen könnte.
«Charlotte, so aufrichtig sie zu sprechen schien, verhehlte doch etwas.»
Der Erzähler schreitet ein: er unterrichtet uns Leser davon, dass die Ausgangslage für die menage à quatre intrikater ist, als es den Anschein hatte. Denn ursprünglich hatte Charlotte ihre Stieftochter Eduard zugedacht, mit dem Hauptmann in der Rolle des Vermittlers. Eduard hatte den Anschlag überstanden, er blieb hartnäckig der älteren Charlotte zugetan, die ihn schliesslich ehelichte, ohne ihn in ihre ursprünglichen Pläne einzuweihen. Warum nicht? Immerhin weiss der Hauptmann, Eduards Freund davon. Ein geheimes Band zwischen Charlotte und dem Hauptmann bleibt so bestehen.
«wir müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen.»
Anfang des 19. Jahrhunderts schon die Klage über die fortwährende Veränderung des Wissens. Die Vorfahren, so meint Eduard, hätten das einst in der Jugend Gelernte ein Leben lang gebrauchen können. – Es geht um den Begriff der Wahlverwandtschaft.
«Da sind die Chemiker viel galanter, sagte Eduard. Sie gesellen ein viertes dazu, damit keines leer ausgeht.»
Eduard, der dabei natürlich an den geplanten Zuzug Ottiliens denkt. Sogleich erläutert der Hauptmann, wie sich die Elemente «ihre bisherige Verbindung verlassen und sich aufs neue verbinden», «übers Kreuz» verbinden.
«sondern zur Schweizer Ordnung und Sauberkeit»
Die Rede ist von einem Dorf; um 1800 waren dies schon gut etablierte Klischees.
«Indem nun Charlotte mit dem Hauptmann eine gemeinsame Beschäftigung fand, so war die Folge, dass sich Eduard mehr zu Ottilien gesellte.»
Goethe verschärft das Tempo, zu Beginn des 7. Kapitels.
«Es waren vielleicht die schönsten zwei Hände, die sich jemals zusammenschlossen.»
Der Erzähler begibt sich auf Eduards Gefühlsebene, ohne dies explizit kenntlich zu machen.
«In diesem Augenblick machte Charlotte (…) von einer kühnen Wendung Gebrauch; es gelang ihr.»
Das Gespräch dreht sich um die Ehe, der Graf vertritt etwas unorthodoxe Ansichten, womit er seine Liaison mit der ebenfalls anderweitig verheirateten Baronesse rechtfertigt. Charlotte ist das Thema unangenehm, sie fürchtet den verderblichen Einfluss auf die junge Ottilie. Wie, mit welch «kühner Wendung» es nun Charlotte gelingt, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, erfahren wir nicht.
«Schon auf halbem Weg stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und nun warf sie sich in den engen Raum der kleinen Einsiedelei und überliess sich ganz einem Schmerz, eine Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Möglichkeit sie wenig Augenblicke vorher nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte.»
Die besonnene, die souveräne Charlotte, überwältigt von ihren Emotionen. Das ist brillant
«Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben, stehen doch miteinander, besonders gegen junge Frauen, im Bündnis.»
Solche allgemeingültigen Sentenzenweisheiten nutzt der Autor, um zum besonderen Fall überzugehen (s. auch p. 86: «die Frauen, gewohnt sich jederzeit zu bändigen»). Die Baronesse hat Eduard ausgehorcht und festgestellt, dass er in Ottilie verliebt ist. Ist aber die Baronesse ein gutes Beispiel für die Solidarität unter verheirateten Frauen?
Auch der Graf und die Baronesse wirken wie Elemente in einem chemischen Versuch, die versteckte Eigenschaften zum Vorschein bringen.
«Ein schöner Fuss ist eine grosse Gabe der Natur.»
Der Graf entpuppt sich als Fussfetischist, er begeistert sich für Charlotte. Goethe ist damit nicht allein in der Weltliteratur, s. Nabokovs Anmerkungen zu Puschkins Ode an den weiblichen Fuss in Eugen Onegin.
«Und doch lässt sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben.»
Was für ein Satz. Die Phantasie der beiden Eheleute geht fremd; aber im Tageslicht sieht Eduard dann doch Charlotte, nicht Ottilie.
«Von diesem Augenblick an war die Welt für Eduarden umgewendet (…)»
Eduard entdeckt, dass Ottilie ihn liebt. Er ist überwältigt. Er denkt mindestens zunächst nicht an die Konsequenzen, er verabsolutiert dieses Gefühl der Liebe, des Geliebtwerdens.
«aber diese sonderbaren zufälligen Zeichen, durch die ein höheres Wesen mit uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft unzugänglich»
Eduard war ein Zettel von Ottilie aus der modisch (zu) kurzen Weste gefallen, Charlotte hatte ihn bemerkt. Ein Warnsignal? Nicht für Eduard.
«die Sache gegen das gute Kind zur Sprache zu bringen (…)»
Charlotte (und der Hauptmann) in der Rolle der Erwachsenen, Ottilie und Eduard dagegen in der Rolle der unbotmässigen Jugendlichen. – Die Situation ist für Charlotte heikel, weil jeder Vorwurf auch auf sie zurückfallen kann.
Erster Teil, Sechszehntes Kapitel
Endlich sucht Charlotte das offene Gespräch mit Eduard, der ausweicht, verzögert, taktiert. Wer will denn sogleich das Äusserste denken, fragt Eduard scheinheilig. Charlotte kontert: «Das Äusserste liegt der Leidenschaft zuallernächst.» p. 117
Brillant in Szene gesetzt.
«Anfänglich duldete Ottilie die Begleitung des Kindes; dann fasste sie selbst Neigung zu ihm; endlich trennten sie sich nicht mehr und Nanny begleitete ihre Herrin überall hin.»
Goethe ist sehr sparsam mit Eigennamen in diesem Roman; umso frappanter, wie er hier Nanny innerhalb eines Abschnitts aus der Anonymität holt. Bei aller Gediegenheit und gelegentlichen Umständlichkeit dieser Prosa: sie zeichnet sich durch Geschmeidigkeit, Dynamik und die Fähigkeit zur Beschleunigung aus, die einen als Leser mitreisst.
«Eduard sehnte sich nach der äusserlichen Gefahr, um der innerlichen das Gleichgewicht zu halten.»
Nicht nur Staaten stürzen sich in den Krieg gegen einen äusseren Feind, um einem Konflikt im Innern zu entschärfen oder auszublenden.
Zweiter Teil, Erstes und Zweites Kapitel
Düsteres, unheilverheissendes Thema zu Beginn des zweiten Teils: es geht um einen Streit wegen der Umgestaltung der Landschaft, die Eduard und Charlotte haben vornehmen lassen, aber vor allem geht es um Gräber, um den Tod.
Der Autor merkt zu Beginn in einem gewitzten Schachzug an, dass Dichter in ihren Geschichten nach dem Rückzug der Hauptfiguren gern andere Figuren ins Rampenlicht treten lassen, und dass sich dies in unserem Fall dies auch im richtigen Leben so ereigne. – Die Pointe ist nun aber, dass die Ersatzfigur, ein namensloser Architekt, recht blass bleibt, und damit die Phase für Charlotte und Ottilie als tote Zeit erscheinen lässt.
Zweiter Teil, viertes und fünftes Kapitel
Der Wirbelsturm Luciane bricht über Charlottes und Eduards Gut herein. Ottilie jetzt sehr im Hintergrund, Charlotte fast gar nicht sichtbar, offenbar lässt sie das Treiben von Luciane, die mit ihrem Bräutigam und vielen Gästen angereist ist, einfach über sich ergehen. Etwas unwahrscheinlich, dass sie sich nicht auch kritische Gedanken macht ob der Gefallsucht ihrer Tochter – wird dann zu Beginn des sechsten Kapitels teilweise nachgeholt. – Zuerst Windstille im Haus, dann der Wirbelsturm, aber gleichermassen ereignisarme Zeit für die beiden weiblichen Hauptfiguren. Wie geht es der schwangeren Charlotte?
«Es käme niemand mit der Brille auf der Nase in ein vertrauliches Gemach, wenn er wüsste, dass uns Frauen sogleich die Lust vergeht ihn anzusehen und uns mit ihm zu unterhalten.»
Aus Ottiliens Tagebuch, typisch betuliche Reflexion, eigenartig oberflächlich und angelernt. Von eigentlicher Selbst-Reflexion, wie man das in einem Tagebuch erwarten könnte, wenig Spuren. Woher hat der Autor diese Sprüche, die zuweilen auch griffiger werden, wie hier: «Gegen grosse Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.»
«Jede Frau schliesst die andere aus, ihrer Natur nach»
Der Gehülfe aus der Pension, der einst Ottilie so wohlwollend beurteilt hatte, unterrichtet Charlotte über seine geschlechtsspezifische Pädagogik. Knaben soll man in Uniformen stecken, Mädchen ja nicht.
Goethes Rundblick erstreckt sich auf Landschaftsarchitektur genauso wie auf die Kindererziehung.
«Nichts konnte sie vor völliger Verworrenheit retten, als dass sie jeden Tag ihre Pflicht tat.»
Charlotte wird bald das Kind gebären; Ottilies Stellung wird zunehmend misslich. Steht sie mit ihrem Festhalten an Eduard nicht dem Familienglück im Wege? Der Autor findet die Lösung in einer per Autopilot gesteuerten Pflichterfüllung. Tut er ein bisschen zuviel des Guten, indem er uns auch Einblick in Ottilies Tagebücher gewährt, die jede Selbstreflexion meiden? – Bei der Taufe des Knaben stirbt der greise Geistliche, er wird von Mittler quasi sanft ins Jenseits beordert. «Ottilie allein betrachtete den Eingeschlummerten (…) mit einer Art von Neid. Das Leben ihrer Seele war getötet, warum sollte der Körper noch erhalten bleiben?» (p. 200). So explizit war Ottiliens Zustand in den vergangenen Kapiteln kaum thematisiert; auffällig war nur die Passivität, die sie sowohl in der beschaulichen Phase (mit dem sie verehrenden Architekten) wie auch im Lucianesche Wirbelsturm an den Tag legte. – Ottilie erfreut sich dann am Gartenfrühling und trägt Sorge für das Kind, dem einst diese ganze Umgebung gehören soll, in einem Familienidyll; sie nimmt sich selbst dabei quasi aus der Gleichung.
Zweiter Teil, Zwölftes Kapitel
Endlich kommt es zu einer offenen Aussprache, zwischen Eduard und dem Hauptmann = Major = Otto. Eduard dringt darauf, dass Otto sich mit Charlotte zusammentut, und er sich mit Ottilien. Der verständige Major bringt allerlei Einwände vor, aber am Ende scheint er dem Plan grundsätzlich zuzustimmen.
«sie zieht das Kind aus dem Wasser, aber seine Augen sind geschlossen, es hat aufgehört zu atmen.»
Detaillierte Schilderung des Unglücks, gleichsam, als würde die Kamera heranzoomen: Ottilie, nach Eduards unerwartetem Erscheinen noch benommen, geht unüberlegt vor, sie hält Kind, Buch und Ruder und versucht so zu manövrieren. – Vielleicht ist das Mikro-Timing der Szene des Ertrinkens nicht ganz stimmig? Das Kind scheint nur einen Moment im Wasser zu sein. Aber Ottiliens Verspätung bei Sonnenuntergang, ihre Verwirrung, ihr Ungeschick: Souveräne Darstellung eines entscheidenden Moments der Erzählung, mit dem ergreifenden Satz am Ausgang: «Von allem abgesondert schwebt sie auf dem treulosen unzugänglichen Elemente.» Ottilie allein mit dem toten Kind auf dem See. Welch ein Bild der Einsamkeit, der Verlorenheit.
«Ich willige in die Scheidung ein. Ich hätte mich früher dazu entschliessen sollen.»
Charlotte, im Gespräch mit dem Hauptmann
Tod Eduards
Dieser zuvor lebenslustige, willensstarke Mann scheint auch einfach zu verlöschen, auch er von anorektischen Anfällen heimgesucht, er scheint für sich keine andere Rolle mehr zu sehen als dem Schicksal Ottilies zu folgen. Am Ende sind drei der fünf Hauptfiguren tot, die alle die Buchstaben «ott» im Namen tragen: der Knabe Otto; Ottilie; Eduard, der eigentlich Otto heisst; Otto, der Hauptmann, und Charlotte.