Buch im Fokus #78

31.10.2026
2024 gewann der Film „American Fiction“ den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Grundlage dafür war der Roman „Ausradiert“, den der Schriftsteller Percival Everett im amerikanischen Original bereits 2001 publiziert hatte. Jetzt hat der Hanser-Verlag das Buch neu aufgelegt. Die Satire thematisiert den Rassismus und den Literaturbetrieb in den USA auf originelle Weise und erweist sich auch nach 25 Jahren als höchst lohnenswerte Lektüre. Mehr dazu in „Buch in Fokus“. Weitere neue Besprechungen:  
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Ausradiert

Autor/in: Percival Everett
Verlag: Hanser
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2026
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-446-28622-1
Einbandart: Taschenbuch
Seitenzahl: 352
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Erasure
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr Originalausgabe: 2001
Übersetzung: Jens Seeling
Besprechung Berthold H.

Bewertungen

Inhalt

Zugänglichkeit

Ausstattung

Besprechung

„Ausradiert“ ist ein wunderbar gelungener Streifzug durch verschiedene Genres. Der Schriftsteller und Ich-Erzähler Theolonious „Monk“ Ellison beginnt mit der Aussage, er habe nicht viel übrig für Romane mit Schriftstellern als Protagonisten. Diese Eröffnung ist symptomatisch für die Zerrissenheit, die die schreibende Hauptfigur durch den gesamten Roman hindurch begleitet.

Monk ist Schriftsteller aus Leidenschaft. Schon als Kind wurde schnell klar, dass er aus der Mediziner-Phalanx seiner Familie ausscheren (Großvater, Vater, Bruder und Schwester hatten sich jeweils dem Arztberuf verschrieben) und ein Mann des Wortes sein würde.

Als er als Jugendlicher beim Basketballspielen einmal einen völlig misslungenen Wurf gespielt hatte, fragten ihn seine Mitspieler mit rollenden Augen, was los sei. „Ich habe gerade über Hegels Geschichtskritik nachgedacht“, lautete seine Antwort, die vor allem eine Reaktion zeitigte: Kopfschütteln und Verständnislosigkeit.

Ähnlich geht es dem erwachsenen Monk mit seinen Romanen und Essays, vorzugsweise über griechische Mythologie. Sie kommen überaus elaboriert daher und zeugen von hoher Bildung, sind allerdings auch kaum lesbar und somit bestimmt keinem breiten Publikum zugänglich. Über einige verstörende Seiten hinweg gibt er der Leserschaft eine Kostprobe, wie er denkt und schreibt. Als er in einer Buchhandlung nach seinen Büchern sucht, findet er seine Bücher nicht da, wo man sie erwarten würde, erst in der Abteilung für afroamerikanische Kultur sieht er sie „völlig unberührt“.

Monk ist frustriert und gleichzeitig wütend, dass niveaulose Schundliteratur über das angeblich wahre Leben schwarzer Menschen die Bestsellerlisten stürmt. Er stürzt in eine immer tiefere Depression, die auch gespeist wird vom Zerfall seiner eigenen Familie, in der er mit seinen Talenten und mitunter verschroben wirkenden Art schon immer eine Sonderrolle eingenommen hat, wie er es sich und der Leserschaft mit zahlreichen Rückblenden in seine Kindheit und Jugend vor Augen führt. Auch dass seine alte Mutter zunehmend Hilfe benötigt und er sich praktisch allein um sie kümmern muss, macht die Sache nicht leichter. In einer verzweifelten und verrückt anmutenden Aktion versucht Monk den Befreiungsschlag, indem er versuchsweise einen für ihn völlig untypischen „Ghettoroman“ schreibt. Dieser entwickelt eine erstaunliche Eigendynamik, über die Monk zunehmend die Kontrolle verliert und die ihn schließlich in eine prekäre Situation bringt.

Der Roman ist abwechslungsreich, originell, intelligent und gespickt mit zahlreichen, gelegentlich schwer zu entschlüsselnden Einschüben. Auch der Mittelwertsatz der Mathematik und die Insektenfamilie der Halipidae finden ihren Platz. Im Allgemeinen ist er aber sehr gut lesbar, der Stil ist gar von einer Leichtigkeit geprägt, was die Bruchstellen umso deutlicher hervortreten lässt. Brillant sind auch der Witz, die feine Ironie und der milde Spott, mit der der Autor einige Absonderlichkeiten in der amerikanischen Gesellschaft, zuvorderst den Umgang mit schwarzen Menschen oder etwa die militante Szene der Abtreibungsgegner, gekonnt aufs Korn nimmt.

In jedem Fall ist „Ausradiert“ eine Lektüre, die bleibenden Eindruck hinterlässt und das Leserherz ähnlich hoch schlagen lässt wie Everetts spätere Romane „James“ und „Die Bäume“.

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Zitat & Kommentar #33

01.10.2026
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Cesare Pavese : Das Handwerk des Lebens

Kommentar Moritz Th.
ISBN: 978-3-03973-019-3

Das Handwerk des Lebens_p. 265

Das, was man tut, wird man wieder tun.

Kommentar

Ein unscheinbarer Satz in Cesare Paveses Tagebuch „Das Handwerk des Lebens“, der es aber in sich hat. Isoliert betrachtet ist damit noch keine Wertung verbunden. Pavese versucht auch leise eine positive Deutung, aber im gesamten Kontext des Tagebuchs liegt eine negative Lesart nahe. Ein Verhaltensmuster, das man als moralisch fragwürdig oder schädlich erkannt hat, lässt sich nicht so einfach abschütteln. Im Hintergrund geht es, wie so häufig bei Pavese, um gescheiterte Beziehungen zu Frauen. Aber es geht auch um eine grundsätzliche Fragestellung. Implizit stellt hier Pavese den freien Willen in Frage, an anderer Stelle tut er das auch explizit. Ich habe erkannt, dass ich etwas ändern sollte, ich bin dazu aber nicht in der Lage.

 

Pavese fährt fort:

„Das, was man tut, wird man wieder tun, bzw. man hat es auch schon in einer fernen Vergangenheit getan. Die Angst des Lebens ist dieses Gleis, das unsere Entscheidungen unter die Räder schieben. (Die Wahrheit ist, dass wir, schon ehe wir uns entschieden, der Richtung folgten.)“

 

Die Entscheidungen schieben Gleise unter die Räder – welch ein Bild*! Gleise beeinträchtigen die Manövrierfähigkeit, man folgt einer Richtung. Wenn ich einen bestimmten Akt vollzogen habe, dann schlägt das auf mich zurück, es prägt mich, und es gibt eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass ich bei nächster Gelegenheit ähnlich verfahre. Und: man hat schon immer eine bestimmte Richtung eingeschlagen, ohne dass man diese Richtung bewusst gewählt hätte. Das, was man tut, hat man schon immer getan. Man ist gefangen. Und auch die anderen sind in ihren Mustern gefangen.

 

Pavese hat diesen Befund über viele Seiten in Variationen durchexerziert, auf einer persönlichen, ontogenetischen wie auch auf einer allgemein-menschlichen, phylogenetischen Ebene. Seine Überlegungen sind von grosser Ernsthaftigkeit, sie haben aber auch etwas Selbstquälerisches. In gewisser Weise war Paveses Suizid wohl ein Versuch, aus diesem Gefangensein auszubrechen.

 

Elias Canetti hatte in ihm eine verwandte Seele erkannt, er schreibt in den „Nachträgen aus Hampstead“ vom „neuen Bruder“ Pavese (p. 34). Die Lektüre von „Das Handwerk des Lebens“ war für Canetti in der Phase einer tiefen Depression buchstäblich lebenswichtig. Canetti hat aber für sich, anders als Pavese, früh ein Heilmittel gegen eingeschliffene (Denk-)Muster entdeckt: das Prinzip der Verwandlung.

 

 

* Stelle im Original:

“L’angoscia della vita è questa rotaia che le nostre decisioni ci mettono sotte le ruote.” (p. 222, Einaudi 1990). Eine Fussnote in dieser Ausgabe verrät, dass Pavese das Bild von den Gleisen vermutlich aus dem von ihm übersetzten „Moby Dick“ übernommen hat.

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