Dich so zu haben, wie Du bist
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Besprechung
Nach einer Blitzverlobung im Juni 1882 mussten sich Martha Bernays und Sigmund Freud lange gedulden, bis sie im September 1886 endlich heiraten konnten. Beide kamen nicht aus wohlhabenden Familien, es galt zunächst die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen eigenen Hausstand zu schaffen. Martha wohnte ab Sommer 1883 mit Mutter und Schwester Minna in Wandsbek bei Hamburg, während Freud in Wien seine wissenschaftliche Karriere vorantreibt und sich im Sommer 1885 in Neuropathologie habilitierte.
Die Brautleute waren in dieser Verlobungszeit also meistens getrennt und wechselten insgesamt mehr als 1500 Briefe. Der hier besprochene letzte Band deckt die Periode seit Oktober 1885 ab, einsetzend mit der Reise Freuds nach Paris, wo er beim berühmten Neurologen Jean-Martin Charcot hospitieren konnte. Freuds Beschreibungen seiner Abenteuer in der Welthauptstadt Paris sind ein Glanzlicht der Korrespondenz. Zunächst fühlt er sich überwältigt, einsam und fremd, zumal er das Französische nur mangelhaft beherrscht. Aber er schafft es, bei Charcots eingeladen zu werden – so etwas wie ein Durchbruch. Gegen seine Nervosität setzt er gezielt Kokain ein, quasi als Partydroge, «um das Maul öffnen zu können». Freud galt als einer der Entdecker des Kokains als Arznei, die Gefahren erkannte er erst später. Am Ende kehrt er mit dem ehrenhaften Auftrag aus Paris zurück, ein Werk Charcots ins Deutsche zu übersetzen.
Martha Bernays kommt aus der Ferne die Rolle einer Coachin zu, sie berät Sigmund in Fragen der Ernährung oder der Kleidung; sehr häufig sind Budgetfragen ein Thema. Sie fängt aber auch psychische Krisen Freuds auf, der sich selbst «Neurasthenie» diagnostiziert, Nervosität, Kopfschmerzattacken, Erschöpfung, Lustlosigkeit. Im Gegensatz zu früheren Perioden verzeichnet der Briefwechsel in dieser Endphase der Verlobungszeit zunächst kaum Paarkonflikte; die kurzen Zeiten des Zusammenseins in Wandsbek vertiefen die Beziehung, und die beiden arbeiten zielstrebig und zunehmend ungeduldig auf die Heirat hin. Das Ungleichgewicht im emotionalen Engagement und Marthas zeitweilige Distanz, die in den ersten Phasen der Korrespondenz zu heftigen Ausbrüchen Freuds geführt hatte, treten in den Hintergrund. Je länger die Verlobungszeit andauert, desto deutlicher wird auf der anderen Seite die Abhängigkeit Marthas von Sigmund in Bezug auf ihren zukünftigen gesellschaftlichen Status. Scheitert die Beziehung, droht ihr das Schicksal einer alten Jungfer und einsamen Betreuerin ihrer zunehmend kränklichen Mutter.
Wenige Wochen vor der Hochzeit gerät die Beziehung nochmals in eine ernsthafte Krise, die Emotionen im Briefwechsel gehen hoch: Es stellt sich heraus, dass Marthas Bruder Eli die ihm anvertrauten und für sie bestimmten Gelder veruntreut hat. Freud verlangt vehement den Abbruch der Beziehung zum Bruder, da spielt es auch keine Rolle, dass dieser mit Freuds Schwester Anna verheiratet ist. Schon ganz zu Beginn der Verlobungszeit hatte Sigmund Martha dazu gedrängt, sich von der Familie Bernays zu distanzieren, er fühlte sich dort als unfrommer Jude mit galizisch-polnischem Familienhintergrund nicht willkommen. Als Freud über den Kopf von Martha hinweg in den Konflikt eingreift, eskaliert die Situation, und die Heirat wird (von ihm) offen zur Disposition gestellt. Martha hält dagegen, aber immer um Konzilianz bemüht; nur mit Mühe lassen sich die Wogen glätten.
Endlich dominieren dann wieder die Möbelbeschaffung für die künftige gemeinsame Wohnung und das Nähen der Aussteuer die Korrespondenz. Am 13. September 1886 beginnt die mehr als 50-jährige Ehe, und einer der faszinierendsten Briefwechsel des 19. Jahrhunderts kommt zu einem Ende.
Wir tauchen darin tief ein in ein jüdisch-assimiliertes Milieu, das mit dem latenten Antisemitismus zu kämpfen hat. Freuds erste wissenschaftliche Karriereschritte sind medizinhistorisch sehr interessant. Prominente jener Zeit wie die Schauspielerin Sarah Bernhardt oder Victor Hugo sind ebenso Themen wie Reflexionen zur Stellung von Mann und Frau. Manches wirkt aus heutiger Perspektive weit entfernt und fremd. Aber Freuds in glänzender Prosa vorgetragene Analysen des eigenen Befindens oder des Verhaltens anderer wirken merkwürdig nah und vertraut – vielleicht weil es dieser Mann war, der uns in seinem späteren Werk mit seiner Fähigkeit zur psychischen Introspektion zu seinen Zeitgenossen herangebildet hat.
Kommentar
Bob Dylan hat sich gegen die Vereinnahmung seiner Fans zur Wehr gesetzt, er hat provoziert, sich als Aussenseiter inszeniert, ihm zugeschriebene Positionen verlassen, programmatisch im frühen «It ain’t me, babe» (1964). Die Protagonisten seiner Songs sind häufig einsam und gehen allein einer düsteren Zukunft entgegen. Zugleich legen viele Songs Zeugnis ab von einem hellwachen Blick auf die Gegenwart oder die Geschichte, von «It’s a hard rain gonna fall» (1963) bis zu «Murder Most Foul» (2020).
Im 1996 geschriebenen Song «Mississippi» ist der Held in schwieriger Mission unterwegs, sein Schiff ist zersplittert und sinkt schnell, er ertrinkt im Gift und hat keine Zukunft und keine Vergangenheit. In diesem Moment setzen aber die versöhnlichen Zeilen ein:
But my heart is not weary, it’s light and it’s free
I’ve got nothin´
but affection for all those who’ve sailed with me.
Bei aller Schärfe des häufig zynischen Blicks auf die Mitwelt (in diesem und vielen anderen Songs) demonstriert hier der Protagonist seine Zuneigung zu den Menschen in seiner näheren und vielleicht auch weiteren Umgebung, auf berührende Weise.
Aus demselben zeitlichen Umfeld wie «Mississippi» stammt «Tryin’ to get to heaven», ähnliche Stimmungslage, resigniert, welt-müde und lebenssatt. Darin finden sich die Zeilen:
People on the platforms
Waiting for the trains
I can hear their hearts a-beatin´
Like pendulums swinging on chains
Deutsch (Gisbert Haefs): Leute auf den Bahnsteigen / Warten auf die Züge / Ich kann ihre Herzen klopfen hören / Wie Pendel, die an Ketten schwingen
Bedeuten die Ketten eine Fremdbestimmung, symbolisiert das Pendel die unbarmherzig vergehende Zeit? Vielleicht, aber das betrifft dann auch den Helden selbst, der hier im warmherzigen Tonfall seine Verbundenheit zu den «Leuten» zum Ausdruck bringt, auch indem die Musik das Schlagen der Herzen wiederzugeben scheint. – Bob Dylans Helden sind wohl in der Regel nicht das, was man leutselig nennen würde. Aber in einigen seiner besten Songs ist so etwas wie eine innige Zeitgenossenschaft zu erahnen.
Die Songs:
Mississippi
Tryin to get to heaven