Buch im Fokus #59

28.03.2026
Der Kosovokrieg in den 1990er Jahren spielte sich in unserer europäischen Nachbarschaft ab, und hat viele Flüchtlinge in die deutschsprachigen Länder gebracht. Allein in der Schweiz leben heute rund 250'000 Kosovo-Albaner, sehr viele längst eingebürgert. Dennoch ist dieser schreckliche Krieg bei uns weitgehend in Vergessenheit geraten. In ihrem Debütroman «ë» setzt sich Jehona Kicaj in unnachgiebiger und zugleich poetischer Weise mit dem kriegerischen Geschehen und ihrer kosovarischen Herkunft auseinander. Erfahren Sie jetzt mehr dazu in «Buch in Fokus».
Mehr zeigen...
Dieses Buch wird besprochen in: Literaturzirkel Frauenfeld Ausleihen
Partner-Bibliothek GGG Stadtbibliothek Basel
Bestellen
Partner-Buchhandlungen BuchRaumBasel, unabhängige Buchhandlungen der Region

ë

Autor: Jehona Kicaj
Verlag: Wallstein
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2025
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-8353-5949-9
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 176
Sprache: Deutsch
Besprechung Berthold H.

Bewertungen

Inhalt

Zugänglichkeit

Ausstattung

Besprechung

Es ist wohl kein Zufall, dass die Ich-Erzählerin namenlos bleibt. Auch wenn sie, die mit ihren Eltern und Geschwistern Anfang der 90er Jahre im Kindergartenalter aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen ist, sehr persönlich von Erlebnissen und Traumata aus ihrem Leben erzählt, scheint es nicht in erster Linie um sie selbst zu gehen, sondern darum, wie es ist, den Kriegswirren im Kosovo zu entfliehen, Verwandte und Freunde zurückzulassen und in eine fremde Umgebung verpflanzt zu werden, die viele Selbstverständlichkeiten im Leben eines jungen Menschen ins Wanken bringt.
Der Roman handelt von Sprachlosigkeit. Etwa von der Unfähigkeit des jungen Mädchens, der Grundschullehrerin und der Klasse zu erklären, dass man im zerfallenen Jugoslawien nicht „jugoslawisch“ gesprochen hat, wie diese anzunehmen scheinen, sondern dass viele Menschen im Kosovo nur albanisch sprechen, was etwas ganz anderes ist als serbisch oder kroatisch. Oder von der Eigenart vieler Kosovoalbaner, den Tod von Familienmitgliedern, die den Kriegswirren und Massakern der 90er Jahre zum Opfer gefallen sind – und das waren viele -, nicht zu benennen, sondern nur von deren „Verschwinden“ zu sprechen.
Trotz der Sprachlosigkeit spielt Sprache eine prominente Rolle, wie auch der Titel des Romans nahelegt – "ë" kommt nur im Albanischen vor, es wird in einigen Konstellationen wie das „e“ in „Bäume“ ausgesprochen, in anderen Konstellationen gar nicht. Albanisch ist die Sprache der Familie, der Verwandten, auch die der Kindheitserinnerungen, von denen das auf Deutsch verfasste Buch zahlreiche Kostproben in Form von Sätzen, Phrasen und Ausdrücken in der Originalsprache bereithält.
"ë" ist ein nachdenklicher Roman. Die Protagonistin beobachtet genau, sie lässt uns an vielen Episoden aus ihrer Kindheit, Jugend und ihrem gegenwärtigen Leben teilhaben. Wir lernen ihren Zahnarzt mit seinem Hang zum Philosophischen kennen, oder eine forensische Anthropologin, die eindrücklich von ihren Untersuchungen an den Überresten der massenhaft Getöteten im Kosovo berichtet.
Einige Begebenheiten gehen unter die Haut, auch solche, die von Unwissenheit, penetranter Ignoranz, Geschichtsvergessenheit, Migrationsskepsis und Empathielosigkeit handeln. Dennoch ist der Ton selten vorwurfsvoll, die Sprache ist, immer auf der Suche nach den richtigen Worten, eher präzise beschreibend, auch dann, wenn es um die eigenen Gefühle geht, was am Ende alles eindrücklicher und authentischer wirken lässt.
Der Roman hat streckenweise etwas Verstörendes, und die Autorin hält die Beklemmung unbeirrt aufrecht, sie nimmt nichts zurück, sie ist standhaft in ihrer Ehrlichkeit und ihrem Anliegen, nicht die Augen zu verschließen und über Dinge hinwegzugehen, auch wenn es schwer zu ertragen ist. Die vielen Zeitsprünge, das episodische Erzählen und der Verzicht auf jegliche Gliederung in Form von Kapiteln oder Abschnitten unterstreichen noch die Verlorenheit, die Zerrissenheit und die Suche nach Orientierung.
"ë" ist ein gelungenes Romandebüt von Jehona Kicaj, das uns mit literarischen Mitteln näherbringt, wie wenig ausgestanden die Folgen des schon fast vergessenen Kosovokriegs noch sind.
Mehr zeigen...

Zitat & Kommentar #29

15.03.2026

Paul Valéry : Cahiers/Hefte 4

Kommentar Moritz Th.
ISBN: 9783100870148

Cahiers/Hefte 4_p. 490

Das Ich ist nicht die Person. Das eine kann man durch Wahnsinn verlieren, das andere behält man bis zum Nichts.

Kommentar

Die Person, das ist die Geschichte, die nicht verloren geht. Das Ich übernimmt die Verantwortung für die Geschichte, es erklärt sich für zuständig. Es tendiert dazu, sich mit der Person zu verwechseln. Im Wahnsinn oder der Demenz aber schwindet das Ich, zurück bleibt die Person. Die Ich-losigkeit ist nicht ein absolut fremdes Land. In der frühen Kindheit gibt es ein Ich erst ansatzweise. Im Traum, in der Müdigkeit, oder im Rausch entgleitet die Person dem Ich. Vielleicht auch in der Kunst. Das Ich versucht, mit weitreichenden Glaubenssätzen und auf Allgemeingültigkeit zielenden Formeln das Terrain zu festigen. In der Demenz aber kehrt das Ich nicht mehr zurück, es wird als temporärer Mitarbeiter entlassen. Die Dogmen zerbröseln.

Mehr zeigen...

Abonnieren Sie den «Buch im Fokus» - Newsletter