Buch im Fokus #65

20.06.2026
Die East India Company (EIC), eine private Firma, war die Speerspitze des britischen Kolonialismus, insbesondere in Indien. William Dalrymple hat minutiös recherchiert, wie die EIC sich im 18. Jahrhundert dort festsetzen und nach und nach Territorien erobern konnte, teilweise mit unerhört brutalen Mitteln, kaum mehr kontrolliert durch die staatlichen britischen Akteure. Erfahren Sie in «Buch im Fokus» mehr zu Dalrymples Buch «Anarchie», das die in Grossbritannien gern etwas glorifizierte Kolonialisierung Indiens entzaubert und nebenbei einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Geschichte des Subkontinents leistet. Wenn die KI sich mit uns intensiv austauscht und präzise und subtil auf Fragen antwortet: muss man dann der Maschine Bewusstsein zuerkennen?  Diese Frage wirft Richard Dawkins in einem NZZ-Artikel auf – wir befassen uns damit in «Zitat & Kommentar» #31.
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Dieses Buch wird besprochen in: Indien Ausleihen
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Anarchie

Autor/in: William Dalrymple
Untertitel: Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company. 1600-1874
Verlag: C.H. Beck
Genre: Sachbuch
Erscheinungsjahr: 2026
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-406-83440-0
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 597
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Anarchy: The Relentless Rise of the East India Company
Originalsprache: englisch
Erscheinungsjahr Originalausgabe: 2019
Übersetzung: Cornelius Hartz
Besprechung Moritz Th.

Bewertungen

Inhalt

Zugänglichkeit

Ausstattung

Besprechung

Es war nicht Grossbritannien, das im 18. Und 19. Jahrhundert den indischen Subkontinent nach und nach eroberte und schliesslich vollständig unter seine Kontrolle brachte. Es war eine britische Handelsgesellschaft, die 1599 gegründet aus bescheidenen Anfängen zu einem der grössten Unternehmen der Welt wurde: die East India Company (EIC).

William Dalrymple schildert den Aufstieg der EIC, der sich im Wesentlichen in Indien abspielte, wenn auch der Firmensitz in London blieb, wo das Unternehmen unter den Parlamentariern geschickt lobbyierte. Sehr viele Abgeordnete waren Aktionäre der EIC; wenn sie der EIC den Weg zu immer mehr Macht und Autonomie ebneten, geschah das auch in der Hoffnung auf weiter ansteigende Aktienkurse. Die EIC konnte in eigenen Regie Gesetze erlassen, eine Armee heranbilden und Territorien erobern.

Im 17. Jahrhundert beherrschten die islamischen Moguln weite Teile Indiens und sie kamen via Landwirtschaftssteuern zu unerhörtem Reichtum. Verschiedene europäische Akteure versuchten mit Handelsfirmen in Indien Fuss zu fassen. Sie waren aber ganz auf den Goodwill der Mogul angewiesen, und Grossbritannien galt aus indischer Sicht lange als unbedeutende Macht auf einer kleinen, fernen Insel. Die wenig glorreichen ersten Versuche der Briten, sich im lukrativen Gewürz-, Textil- oder Teehandel einen Anteil zu sichern, schildert das Buch Courting India : Lesart blog

Die EIC profitierte im 18. Jahrhundert vom einsetzenden Zerfall des Mogulreichs; durch geschickte Bündnispolitik konnte sie ihre Stellung gegenüber den rivalisierenden Franzosen festigen. Und im Kampf gegen indische Gegner erwiesen sich die europäisch geschulten Truppen in der Regel als überlegen, wenn die EIC auch einige empfindliche militärische Niederlagen einstecken musste. Die EIC blühte im Chaos und im Machtvakuum auf, sie plünderte rücksichtslos die einheimische Bevölkerung aus und trieb sie in Bengalen um 1770 in eine grosse Hungersnot. Dalrymple findet dafür deutliche Worte: es handle sich um «eines der schlimmsten Beispiele unternehmerischer Verantwortungslosigkeit in der Geschichte», andernorts vergleicht er die Profitgier der EIC mit einem Amoklauf. Die britische Presse begann die Katastrophe in Indien zu thematisieren, und eine Kampagne gegen Warren Hastings, den Generalgouverneur der EIC in Indien, führte 1787 zu einem Amtsenthebungsverfahren im britischen Parlament. Der Autor zeichnet ein merkwürdig ambivalentes Porträt von Hastings, er war einer der wenigen EIC-Exponenten, die sich genuin für die indisch-indigenen Kulturen interessiert und den offenen Rassismus vieler seiner Landsleute verabscheute. Zugleich leitete er ein Unternehmen, das sich ruchlos einen ganzen Subkontinent unterwarf. Das Impeachment gegen Hastings scheiterte, aber die Politik kontrollierte nun die EIC immer mehr, bis hin zur Verstaatlichung 1858. 1874 wurde die East India Company aufgelöst.

Dalrymple zieht viele auch nicht-englische Quellen heran, die bislang in der westlichen Geschichtsschreibung ignoriert wurden. Er zeichnet detailliert das Geschehen und vor allem die Kriegsverläufe nach. Das ist verdienstvoll, allerdings hätte man sich in einem an ein breites Publikum gerichtetem Sachbuch gewünscht, dass Dalrymple zugunsten der Übersichtlichkeit etwas mehr auf die grossen Entwicklungslinien im Zerfall des Mogulreiches und der allmählichen Machtergreifung der East India Company fokussiert hätte. Was bedeutete der Wandel für die verschiedenen Ethnien und religiösen Gruppierungen in Indien? Dalrymple stellt es so dar, als wäre die EIC lange ein unkontrollierbarer Akteur gewesen; aber inwiefern wurde die EIC auch von der britischen Aussenpolitik instrumentalisiert, zum Beispiel auch in den Opiumkriegen mit China? Und wie prägte die EIC mit ihrer Dominanz in Südasien und den importierten Waren das britische Selbstverständnis? Fragen, die Dalrymple allenfalls am Rande streift.

In einer bedrohlichen Finanzkrise in den 1770er Jahren musste der britische Staat der EIC mit massiven Krediten aushelfen. Die East India Company war vielleicht die erste Firma in der Geschichte, die «too big to fail» war – zeitweise beträgt ihr Anteil am britischen Aussenhandelsvolumen rund 25% – , ein Untergang dieser kapitalistisch-imperialistischen Organisation wäre auch bedrohlich geworden für das britische Königreich. Dalrymple verweist auf Parallelen in der Gegenwart, auf die Tech-Giganten, die den Internetraum kolonialisieren und sich der staatlichen Kontrolle entziehen möchten. Das Muster klingt nach der Lektüre von «Anarchie» in der Tat vertraut.

In Grossbritannien wird das Empire und seine Indienpolitik in manchen Kreisen immer noch glorifiziert. Dalrymple leistet mit seinem fakten- und zahlenorientierten Buch einen wertvollen Beitrag zu einer kritischen Neubewertung der Kolonialisierung des Subkontinents.

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Zitat & Kommentar #31

20.06.2026

Richard Dawkins : Was ist das bitte, wenn nicht Bewusstsein?

Kommentar Moritz Th.

Essay in der NZZ_4.6.2026

Was ist das bitte, wenn nicht Bewusstsein?

Kommentar

Der Evolutionsbiologe (und unerbittliche Atheist) Richard Dawkins stellt diese Frage in der Überschrift eines NZZ-Essays, nachdem er sich über Tage mit «Claude», oder «Claudia», wie er «seine» Künstliche Intelligenz bald nennt, unterhalten hat. Unter anderem hat er der Anthropic-KI einen Romanentwurf zum Lesen gegeben und staunt ob des «sensiblen und subtilen Verständnisses» der Maschine für das eigene Prosawerk. Eine solche Maschine, die den Anschein erweckt, sich selbst zu reflektieren und auch über ihre Grenzen nachzudenken, müsste doch eine vereinfachte Version des berühmten Turing-Tests bestehen können: Ich als Mensch kann nicht mehr sicher sagen, ob mein Konversationspartner Mensch oder Maschine ist.  – Das scheint doch etwas zweifelhaft: gerade das 360-Grad-Wissen, das die KI an den Tag legen kann, müsste den Menschen stutzig machen, er würde das Gegenüber als Maschine durchschauen, die damit im Turing-Test scheitert. Die Frage stellt sich damit generell, ob die Turing-Test-Idee nicht obsolet geworden ist; denn es ist ein müssiges Spiel, in die KI Fehler und Wissenslücken einzubauen, damit sie als Mensch durchgeht.

 

In jedem Fall kann man feststellen, dass die KI «Claudia» auf Fragen äussert versiert antwortet. Ob man die Maschine deswegen als «intelligent» bezeichnet, wie Dawkins dies tut, darüber liesse sich streiten. Dawkins aber geht leichtfüssig, man könnte auch sagen leichtfertig, einen Schritt weiter und unterstellt der KI «Bewusstsein». Er unterschlägt dabei, dass das (menschliche) Bewusstsein auf der Gesamtheit unserer auch unbewussten und körperlichen Erfahrungen basiert, die das Bewusstsein nicht alle reflektieren kann, es aber beeinflussen. Interessant und wichtig scheint im Kontext die Feststellung Dawkins, dass der Maschine das Zeit-Gefühl des Menschen abgeht. Sie ist vollkommene, blitzblanke Oberflächen-Präsenz, die mit jeder Frage neu generiert wird. Natürlich kann sich Claudia, wenn sie 10 Jahre lang als Dawkins Gesprächspartnerin agiert, an die gesamte Geschichte ihrer Konversation erinnern und Entwicklungslinien perfekt nachzeichnen; aber das entspricht noch nicht dem menschlichen Empfinden für Zeit, mit dem steten Antizipieren und Nachhallen von Sinneseindrücken.

Es ist zugegebenermassen ein faszinierender Gedanke, dem hier Dawkins nachgeht. Aber solange wir von der KI als Large Language Models auf der heutigen Grundlage reden, bleibt ein menschenähnliches Bewusstsein der KI utopisch. Bewusstsein speist sich aus nicht verbalisierbaren Quellen, die der KI zurzeit nicht zugänglich sind. Es ist essentiell, an diese Differenz zu erinnern, gerade weil die Implikationen der KI für unsere Welt gewaltig und im Ausmass noch gar nicht richtig abschätzbar sind.

 

Aber dem gewieften Provokateur Dawkins geht es möglicherweise sowieso nur darum, mit seinem angreifbaren Essay Aufmerksamkeit zu erzielen, zum Nachdenken anzuregen und Widerspruch hervorzurufen. Das immerhin ist ihm gelungen, wie die gut gefüllte Kommentarspalte der NZZ und auch dieser Blogbeitrag zeigen.

 

Link zum Artikel (paywall!): https://www.nzz.ch/meinung/richard-dawkins-macht-den-turing-test-und-weiss-nicht-wie-er-seiner-ki-bewusstsein-absprechen-soll-ld.10009084

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