Buch im Fokus #67

17.07.2026
Mit Fieldwork as a Sex Object greift die aus Chennai stammende Autorin Meena Kandasamy ein hochaktuelles Thema auf: die zerstörerische Kraft digitaler Gewalt. Im Zentrum steht Amy, eine junge Inderin in London, deren Leben durch ein Deepfake-Pornovideo und die darauf folgende Welle hasserfüllter Online-Kommentare aus den Fugen gerät. Doch der Roman ist weit mehr als eine Geschichte über technische Manipulation. Mit scharfem Blick, sarkastischem Humor und großer erzählerischer Präzision untersucht Kandasamy Fragen von Identität, Macht und öffentlicher Zuschreibung in einer zunehmend digitalisierten Welt. Mehr dazu jetzt in «Buch im Fokus».
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Fieldwork as a Sex Object

Autor/in: Meena Kandasamy
Verlag: Brazen
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 9781840919448
Einbandart: Hardback
Seitenzahl: 240
Sprache: Deutsch
Erscheinungsjahr Originalausgabe: 2026
Besprechung Julia_kersebaum

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Besprechung

Manchmal reicht ein einziges Bild, um ein Leben aus den Fugen geraten zu lassen.

In Fieldwork as a Sex Object erzählt Meena Kandasamy die Geschichte von Amy, einer jungen Inderin in London, die eines Tages feststellen muss, dass ein Deepfake-Video mit ihrem Gesicht im Internet kursiert. Was zunächst wie ein unangenehmer Vorfall erscheint, entwickelt sich binnen kürzester Zeit zu einem öffentlichen Spektakel, bei dem Fremde über sie urteilen, ihre Identität vereinnahmen und ihre Geschichte neu schreiben.

Der Roman beschäftigt sich mit einem hochaktuellen Thema, geht aber weit über die Frage nach künstlich erzeugten Bildern hinaus. Kandasamy untersucht, wie soziale Medien funktionieren, wie digitale Empörung entsteht und warum insbesondere Frauen so häufig zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste und Aggressionen werden. Dabei spielen auch Fragen von Klasse, Herkunft, politischer Haltung und Kastenzugehörigkeit eine wichtige Rolle. Kandasamy verankert den Roman fest im gesellschaftlichen und politischen Kontext des heutigen Indiens, wo Fragen von Kaste und sozialem Status noch immer den Alltag prägen. Die Hasskampagnen gegen Amy erscheinen dadurch nicht als Einzelfall, sondern als Ausdruck tieferliegender Konflikte um Geschlecht, Macht und gesellschaftliche Zugehörigkeit.

Besonders gelungen ist, dass die Autorin ihre Hauptfigur nicht idealisiert. Amy ist klug, privilegiert, widersprüchlich und manchmal anstrengend. Gerade deshalb wirkt sie authentisch. Die Leser:innen begleiten sie durch einen Strudel aus öffentlicher Demütigung, Selbstzweifeln und Trotz, während sie versucht, die Kontrolle über ihr eigenes Narrativ zurückzugewinnen.

Obwohl das Thema düster ist, fehlt dem Roman nicht der Humor. Kandasamys Sprache ist scharf, sarkastisch und voller Energie. Immer wieder gelingen ihr treffende Beobachtungen über die Absurditäten des digitalen Zeitalters – über Menschen, die ihr Leben in Kommentarspalten verbringen, über politische Lagerkämpfe und über die Geschwindigkeit, mit der sich Empörung verbreitet.

Was mich beim Lesen besonders beschäftigt hat, ist die Frage, wem unsere Identität eigentlich gehört. Wenn Bilder manipuliert werden können, Fakten zweitrangig werden und Millionen Menschen bereit sind, alles zu glauben, was ihre Vorurteile bestätigt – was bleibt dann von der Wahrheit übrig? Genau diese Frage zieht sich durch den gesamten Roman.

Fieldwork as a Sex Object ist ein wütendes, kluges und unbequemes Buch, das sehr präzise den Zustand unserer digitalen Gegenwart einfängt. Meena Kandasamy liefert keine einfachen Antworten, sondern konfrontiert ihre Leser:innen mit den Widersprüchen unserer Zeit. Ein Roman, der provoziert, unterhält und lange nach der letzten Seite im Kopf bleibt.

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Zitat & Kommentar #31

20.06.2026

Richard Dawkins : Was ist das bitte, wenn nicht Bewusstsein?

Kommentar Moritz Th.

Essay in der NZZ_4.6.2026

Was ist das bitte, wenn nicht Bewusstsein?

Kommentar

Der Evolutionsbiologe (und unerbittliche Atheist) Richard Dawkins stellt diese Frage in der Überschrift eines NZZ-Essays, nachdem er sich über Tage mit «Claude», oder «Claudia», wie er «seine» Künstliche Intelligenz bald nennt, unterhalten hat. Unter anderem hat er der Anthropic-KI einen Romanentwurf zum Lesen gegeben und staunt ob des «sensiblen und subtilen Verständnisses» der Maschine für das eigene Prosawerk. Eine solche Maschine, die den Anschein erweckt, sich selbst zu reflektieren und auch über ihre Grenzen nachzudenken, müsste doch eine vereinfachte Version des berühmten Turing-Tests bestehen können: Ich als Mensch kann nicht mehr sicher sagen, ob mein Konversationspartner Mensch oder Maschine ist.  – Das scheint doch etwas zweifelhaft: gerade das 360-Grad-Wissen, das die KI an den Tag legen kann, müsste den Menschen stutzig machen, er würde das Gegenüber als Maschine durchschauen, die damit im Turing-Test scheitert. Die Frage stellt sich damit generell, ob die Turing-Test-Idee nicht obsolet geworden ist; denn es ist ein müssiges Spiel, in die KI Fehler und Wissenslücken einzubauen, damit sie als Mensch durchgeht.

 

In jedem Fall kann man feststellen, dass die KI «Claudia» auf Fragen äussert versiert antwortet. Ob man die Maschine deswegen als «intelligent» bezeichnet, wie Dawkins dies tut, darüber liesse sich streiten. Dawkins aber geht leichtfüssig, man könnte auch sagen leichtfertig, einen Schritt weiter und unterstellt der KI «Bewusstsein». Er unterschlägt dabei, dass das (menschliche) Bewusstsein auf der Gesamtheit unserer auch unbewussten und körperlichen Erfahrungen basiert, die das Bewusstsein nicht alle reflektieren kann, es aber beeinflussen. Interessant und wichtig scheint im Kontext die Feststellung Dawkins, dass der Maschine das Zeit-Gefühl des Menschen abgeht. Sie ist vollkommene, blitzblanke Oberflächen-Präsenz, die mit jeder Frage neu generiert wird. Natürlich kann sich Claudia, wenn sie 10 Jahre lang als Dawkins Gesprächspartnerin agiert, an die gesamte Geschichte ihrer Konversation erinnern und Entwicklungslinien perfekt nachzeichnen; aber das entspricht noch nicht dem menschlichen Empfinden für Zeit, mit dem steten Antizipieren und Nachhallen von Sinneseindrücken.

Es ist zugegebenermassen ein faszinierender Gedanke, dem hier Dawkins nachgeht. Aber solange wir von der KI als Large Language Models auf der heutigen Grundlage reden, bleibt ein menschenähnliches Bewusstsein der KI utopisch. Bewusstsein speist sich aus nicht verbalisierbaren Quellen, die der KI zurzeit nicht zugänglich sind. Es ist essentiell, an diese Differenz zu erinnern, gerade weil die Implikationen der KI für unsere Welt gewaltig und im Ausmass noch gar nicht richtig abschätzbar sind.

 

Aber dem gewieften Provokateur Dawkins geht es möglicherweise sowieso nur darum, mit seinem angreifbaren Essay Aufmerksamkeit zu erzielen, zum Nachdenken anzuregen und Widerspruch hervorzurufen. Das immerhin ist ihm gelungen, wie die gut gefüllte Kommentarspalte der NZZ und auch dieser Blogbeitrag zeigen.

 

Link zum Artikel (paywall!): https://www.nzz.ch/meinung/richard-dawkins-macht-den-turing-test-und-weiss-nicht-wie-er-seiner-ki-bewusstsein-absprechen-soll-ld.10009084

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