Buch im Fokus #66

05.07.2026
Adelheid Duvanel ist mit ihren Erzählungen eine der wichtigsten Schweizer Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Bislang wenig bekannt war, dass Duvanel (meist unter Pseudonym) zahlreiche Artikel für Basler Zeitungen verfasst hat. Der Limmat-Verlag macht jetzt im Rahmen seiner Duvanel-Werkausgabe diese reizvollen, teilweise sehr persönlich gehaltenen journalistischen Texte zugänglich. Mehr dazu in «Buch im Fokus».
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Autor/in: Adelheid Duvanel
Untertitel: Feuilletons, Kolumnen, Rezensionen
Verlag: Limmat
Genre: Journalistische Texte
Erscheinungsjahr: 2025
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-03926-098-0
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 448
Sprache: Deutsch
Besprechung Moritz Th.

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Inhalt

Zugänglichkeit

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Besprechung

Die Artikel, die Adelheid Duvanel in den 1960er und 1970er Jahren in Basler Zeitungen publizierte, nehmen Motive aus ihren Erzählungen auf, Einsamkeit, Fremdsein, Ausgeliefertsein. Die besten der freien Feuilleton-Stücke reichen von der literarischen Qualität her an ihre Erzählungen heran, sie sind aber weniger hermetisch und bieten damit einen guten Einstieg in das Werk der Autorin. Brillant beispielsweise das Stück «Tante Gritli» mit dem ersten Satz: «Oft fragte ich mich als junges Mädchen, durch was sich ledige Tanten schützen können.» Typisch für Duvanel die Empathie für Aussenseiterinnen, hier geht es um die schwierige Rolle von unverheirateten Frauen in Familienverbänden. Aber die journalistischen Arbeiten zeigen auch eine andere Seite Duvanels, mit Anekdoten aus dem Alltag oder Reflexionen zu gesellschaftlichen Entwicklungen.

Die 18 Artikel, die Duvanel in den 1960er Jahren für die «Basler Nachrichten»-Reihe «Junge Basler sehen den Sonntag» verfasst hat, ergeben eine kleine Sonntags-Anthologie, mit Idyllen und Tristessen, wobei ein melancholischer Grundzug in fast allen Texten nicht zu überlesen ist, wie etwa hier: «Ich … durchquerte mürrisch den Sonntag, der aussah, als hätte ein missgelaunter Kunstjüngling graue Farbe auf eine Leinwand geschmiert, um seine schlechte Laune abzureagieren.» Der Lokal- und Zeitkolorit trägt zum Reiz der Lektüre bei; das gilt dann erst recht für die «Doppelstab»-Kolumnen «Allzu Privates», die Duvanel in den siebziger Jahren unter dem Pseudonym «Martina» publizierte. Sie thematisiert die Setzkästen, die sich damals epidemisch in den Wohnungen verbreiteten, oder den Kefir, den viele Leute im Kühlschrank hielten, ein Vorbote des Longevity-Trends. In der Erdölkrise wurden Plastiksäcke gehortet, Martina weigert sich da mitzumachen, sie sei «kein Sklave des Plastiks», und die Kinder freuen sich über autofreie Sonntage. Martina rapportiert Gespräche, die sie im Tram oder im Bus belauscht; recht häufig geht es dabei um Kinder, die sich in einer ihnen feindlich gesinnten Welt zurechtfinden müssen. Duvanel gibt in «Allzu Privates» tatsächlich Einblicke in ihr Privatleben. Sie erzählt beiläufig von Geld- oder auch psychischen Nöten, welche die Autorin ihr ganzes Erwachsenenleben plagten. Sie engagiert sich aber auch politisch, nimmt Stellung zu aktuellen Abstimmungen, und polemisiert gegen die auch in Basel grassierende Hauswart-Mentalität, unter der die labile Nonkonformistin zweifellos litt. Ihre Tochter Adelheid und François, Sohn ihres Mannes aus einer anderen Beziehung, treten (natürlich ebenfalls anonymisiert) in vielen der Kolumnen auf, auch in «Unsere Tiergeschichten», einer weiteren Kolumne im Doppelstab. Dort sind die Stars aber die Vögel und eine sich als Kater entpuppende Katze, die im Duvanelschen Haushalt lebten.

Wir erfahren, was Adelheid Duvanel beschäftigt und wie sie sich in ihrem Umfeld bewegt. Die pointenorientierten, für den Tagesgebrauch bestimmten Kolumnentexte ergeben indirekt eine Portraitskizze der Schriftstellerin in den 1970er Jahren.

 

Anfang der 1980er Jahre unterzog sich Duvanel einer stationären Behandlung in der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel. Ein langer, im April 1981 im Magazin der «Basler Zeitung» publizierter «Psychiatriebericht» sowie eine Auswahl von Duvanels engagierten Buchbesprechungen runden den Band ab. Im Mittelpunkt steht dabei Robert Walser – die Affinität überrascht kaum. Eher dagegen die Verwandtschaft, die sie bei Vladimir Nabokov entdeckt, in dessen Erzählungen sie die Helden im Kampf sieht gegen das «kaltherzige, zerstörungswütige Weltspiessertum».

Mit diesem Band kommt die verdienstvolle dreibändige Duvanel-Werkausgabe des Limmat-Verlags zum Abschluss. Kern sind natürlich die gesammelten Erzählungen im Band «Fern von hier». Aber der Brief-Band «Nah bei Dir» (Briefe ab 1978) und die hier vorgelegten journalistischen Texte sind wichtige Erweiterungen und Ergänzungen, um dieses so unerhört schwierige, tragische Leben besser zu verstehen, dem Adelheid Duvanel «eines der grossartigsten erzählerischen Werke des 20. Jahrhunderts» abgerungen hat, um es mit dem Doyen der deutschen Literatur, Michael Krüger, zu sagen.

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Zitat & Kommentar #31

20.06.2026

Richard Dawkins : Was ist das bitte, wenn nicht Bewusstsein?

Kommentar Moritz Th.

Essay in der NZZ_4.6.2026

Was ist das bitte, wenn nicht Bewusstsein?

Kommentar

Der Evolutionsbiologe (und unerbittliche Atheist) Richard Dawkins stellt diese Frage in der Überschrift eines NZZ-Essays, nachdem er sich über Tage mit «Claude», oder «Claudia», wie er «seine» Künstliche Intelligenz bald nennt, unterhalten hat. Unter anderem hat er der Anthropic-KI einen Romanentwurf zum Lesen gegeben und staunt ob des «sensiblen und subtilen Verständnisses» der Maschine für das eigene Prosawerk. Eine solche Maschine, die den Anschein erweckt, sich selbst zu reflektieren und auch über ihre Grenzen nachzudenken, müsste doch eine vereinfachte Version des berühmten Turing-Tests bestehen können: Ich als Mensch kann nicht mehr sicher sagen, ob mein Konversationspartner Mensch oder Maschine ist.  – Das scheint doch etwas zweifelhaft: gerade das 360-Grad-Wissen, das die KI an den Tag legen kann, müsste den Menschen stutzig machen, er würde das Gegenüber als Maschine durchschauen, die damit im Turing-Test scheitert. Die Frage stellt sich damit generell, ob die Turing-Test-Idee nicht obsolet geworden ist; denn es ist ein müssiges Spiel, in die KI Fehler und Wissenslücken einzubauen, damit sie als Mensch durchgeht.

 

In jedem Fall kann man feststellen, dass die KI «Claudia» auf Fragen äussert versiert antwortet. Ob man die Maschine deswegen als «intelligent» bezeichnet, wie Dawkins dies tut, darüber liesse sich streiten. Dawkins aber geht leichtfüssig, man könnte auch sagen leichtfertig, einen Schritt weiter und unterstellt der KI «Bewusstsein». Er unterschlägt dabei, dass das (menschliche) Bewusstsein auf der Gesamtheit unserer auch unbewussten und körperlichen Erfahrungen basiert, die das Bewusstsein nicht alle reflektieren kann, es aber beeinflussen. Interessant und wichtig scheint im Kontext die Feststellung Dawkins, dass der Maschine das Zeit-Gefühl des Menschen abgeht. Sie ist vollkommene, blitzblanke Oberflächen-Präsenz, die mit jeder Frage neu generiert wird. Natürlich kann sich Claudia, wenn sie 10 Jahre lang als Dawkins Gesprächspartnerin agiert, an die gesamte Geschichte ihrer Konversation erinnern und Entwicklungslinien perfekt nachzeichnen; aber das entspricht noch nicht dem menschlichen Empfinden für Zeit, mit dem steten Antizipieren und Nachhallen von Sinneseindrücken.

Es ist zugegebenermassen ein faszinierender Gedanke, dem hier Dawkins nachgeht. Aber solange wir von der KI als Large Language Models auf der heutigen Grundlage reden, bleibt ein menschenähnliches Bewusstsein der KI utopisch. Bewusstsein speist sich aus nicht verbalisierbaren Quellen, die der KI zurzeit nicht zugänglich sind. Es ist essentiell, an diese Differenz zu erinnern, gerade weil die Implikationen der KI für unsere Welt gewaltig und im Ausmass noch gar nicht richtig abschätzbar sind.

 

Aber dem gewieften Provokateur Dawkins geht es möglicherweise sowieso nur darum, mit seinem angreifbaren Essay Aufmerksamkeit zu erzielen, zum Nachdenken anzuregen und Widerspruch hervorzurufen. Das immerhin ist ihm gelungen, wie die gut gefüllte Kommentarspalte der NZZ und auch dieser Blogbeitrag zeigen.

 

Link zum Artikel (paywall!): https://www.nzz.ch/meinung/richard-dawkins-macht-den-turing-test-und-weiss-nicht-wie-er-seiner-ki-bewusstsein-absprechen-soll-ld.10009084

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