Buch im Fokus #58

15.03.2026
Julian Barnes ist im Januar 80 Jahre alt geworden und hat sein (angeblich) letztes Buch publiziert, «Abschied(e)». Er erzählt darin eine Liebesgeschichte in zwei Teilen, vor allem aber stellt er in leichtem Ton scharfsinnige Überlegungen an zu Erinnerung, Identität, Verfall und Tod. Buch im Fokus widmet sich diesem sehr lohnenswerten Buch. In Zitat und Kommentar #28 beschäftigen wir uns, von einem Zitat Paul Valérys ausgehend, mit verwandten Themen: «Ich», «Person» und Demenz.
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Abschied(e)

Autor: Julian Barnes
Verlag: Kiepenheuer und Witsch
Genre: Autofiktion
Erscheinungsjahr: 2026
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-462-00919-4
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 256
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Departure(s)
Originalsprache: Englisch
Übersetzung: Gertraude Krueger
Besprechung Moritz Th.

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Inhalt

Zugänglichkeit

Ausstattung

Besprechung

Ein Schriftsteller ist in die Jahre gekommen, er ist an einem «unheilbaren, aber beherrschbaren» Blutkrebs erkrankt und schreibt sein letztes Buch. Das Buch, das wir lesen? Auf dem Buchumschlag wird uns mitgeteilt, dass wir es hier mit einer «Mischung von Dichtung und Wahrheit, Fiktion und Erinnerung» zu tun haben. Vielleicht gehört es zur Dichtung, dass dies Julian Barnes’ letztes Buch ist, und in Wahrheit folgen weitere?
Als Leser würde man sich das wünschen. Dieser Text versteht es, Leichtigkeit mit Tiefsinn zu verknüpfen, und unaufgeregt existenzielle Fragen zu verhandeln. Seine Krankheit beschreibt die Ich-Figur Julian mit britischer Nüchternheit, der körperliche Verfall auf die eine oder andere Art ist ja unumgänglich. Der entschiedene «Agnostiker/Atheist» findet dafür die brillante Formel, dass hier «das Universum einfach seine Arbeit tut», nichts, dass man persönlich nehmen sollte.
Im Alter verlieren wir zunehmend unser Erinnerungsvermögen, und wenn man in Richtung Demenz weiterdenkt, stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang von Identität und Erinnerung. Wenn wir uns am Ende nicht mal mehr an unseren eigenen Namen erinnern, unsere Angehörigen nicht mehr erkennen – sind das dann noch wir? Julian erörtert diese Fragen anhand von literarischen Figuren oder eigenen Erlebnissen im Plauderton, und dennoch ist die Argumentation stringent und anspruchsvoll. Mit dem Terrier Jimmy führt Barnes eine Figur ein, die dank einigen hinreissend erzählten Anekdoten auch dem wenig hundeaffinen Leser ans Herz wächst. Jimmy altert zusammen mit den anderen Buch-Figuren, und gibt ihnen Anlass zu allerlei Reflexionen: Weiss Jimmy, dass er ein Hund ist?
Jimmy gehört Jean, einer Freundin, die Julian aus den Augen verloren hatte. Sie tritt von neuem in sein Leben, als Stephen, ein anderer Freund aus Studententagen, Julian bittet, für ihn ein Rendez-vous mit Jean zu arrangieren. Das ist das zweite Mal, dass Julian die beiden zusammenbringt; das erste Mal hatte sich das Paar nach einer Weile getrennt, jetzt scheint alles bereit für ein spätes happy end.
Der Umgang Julians mit Jean und Stephen hat etwas Doppelbödiges: Sie sind seine Freunde, zugleich bietet ihre Geschichte natürlich Stoff für eine Erzählung. Jean zwingt ihn zu schwören, dass er ihre Geschichte nie erzählen wird, was er jetzt, nach Jeans Tod, dennoch tut. Aber vielleicht ist der Schwur nur erfunden, oder sogar das Paar Jean und Stephen? Auch dieses Vexierspiel ist unterhaltsam; aber es hat auch eine leicht selbstgefällige Note, die Barnes dadurch, dass er sie reflektiert, nicht ganz eliminiert.
Dennoch: dieses Buch bereitet viel Freude, und die hybride Form von Autobiographie und Fiktion, also Autofiktion, bringt die Talente von Julian Barnes hervorragend zur Geltung. Der Autor versteht es, die Leserin, den Leser in einen überaus anregenden, intimen Dialog zu verwickeln.
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Zitat & Kommentar #29

15.03.2026

Paul Valéry : Cahiers/Hefte 4

Kommentar Moritz Th.
ISBN: 9783100870148

Cahiers/Hefte 4_p. 490

Das Ich ist nicht die Person. Das eine kann man durch Wahnsinn verlieren, das andere behält man bis zum Nichts.

Kommentar

Die Person, das ist die Geschichte, die nicht verloren geht. Das Ich übernimmt die Verantwortung für die Geschichte, es erklärt sich für zuständig. Es tendiert dazu, sich mit der Person zu verwechseln. Im Wahnsinn oder der Demenz aber schwindet das Ich, zurück bleibt die Person. Die Ich-losigkeit ist nicht ein absolut fremdes Land. In der frühen Kindheit gibt es ein Ich erst ansatzweise. Im Traum, in der Müdigkeit, oder im Rausch entgleitet die Person dem Ich. Vielleicht auch in der Kunst. Das Ich versucht, mit weitreichenden Glaubenssätzen und auf Allgemeingültigkeit zielenden Formeln das Terrain zu festigen. In der Demenz aber kehrt das Ich nicht mehr zurück, es wird als temporärer Mitarbeiter entlassen. Die Dogmen zerbröseln.

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