Odyssee
Bewertungen
Besprechung
(Notiz zu Christopher Nolans Film «The Odyssey» am Ende der Buchbesprechung)
Zehn Jahre im Krieg um Troja, drei Jahre Irrfahrt durch die Inselwelt des Meeres, sieben Jahre als eine Art Sex-Sklave bei der Nymphengöttin Kalypso auf der Insel Ogygia: Nach sehr langer Zeit erreicht Odysseus endlich wieder seine Heimatinsel Ithaka. Wenn man an die Odyssee denkt, dann in erster Linie an die Abenteuer unterwegs, an die unwiderstehlichen Sirenen oder den Horror von Scylla und Charybdis. Aber die Odyssee ist, gemessen auch am Umfanganteil, wesentlich auch die Geschichte einer Heimkehr, oder sogar einer doppelten Heimkehr.
Denn nicht nur Odysseus hat Ithaka verlassen, sondern auch sein Sohn Telemach. Er macht sich auf die Suche nach seinem Vater, oder mindestens hofft er, Genaueres über sein Schicksal zu erfahren. Er reist nach Sparta, zu einem der Heerführer der Griechen, zu Menelaos und dessen Frau Helena, die einst den Anlass gegeben hatte zum Trojanischen Krieg, indem sie sich von Paris nach Troja entführen liess. Für Helena ist die Begegnung mit Telemach delikat, indirekt ist sie auch verantwortlich für das Verschwinden seines Vaters. Immerhin erfährt Telemach jetzt, dass Odysseus noch lebt, wenn auch fern der Heimat. Dennoch bleibt die Funktion der «Telemachie» im Erzählganzen etwas nebulös. Vielleicht beschleunigt sie einfach das Erwachsenwerden Telemachs, der dann eine wichtige Rolle spielt im Kampf gegen die Freier, die das Gut von Odysseus belagern und plündern, in der Erwartung, dass Odysseus’ Frau Penelope nach der langen Abwesenheit des Hausherrn einen der ihren zum neuen Gatten kürt. Odysseus aber nähert sich langsam wieder seiner Heimat.
Letzte Station der Odyssee vor Ithaka ist die Insel der Phäaken, wo der Held zum ersten Mal seit langem nicht auf Ungeheuer oder Göttinnen, sondern auf Menschen trifft, gastfreundliche dazu. Er muss für einmal keine Kämpfe bestehen, wenn auch eine kleine Feindseligkeit im Kontext eines Wettkampfs aufblitzt. Er kann seinen Gastgebern in Ruhe von den bestandenen Abenteuern berichten. Ein erster Vorschein von «Zuhause». Wie er als Schiffbrüchiger allein und geschunden die Brandung überwindet und sich vollkommen nackt und erschöpft in eine Flussmündung in Sicherheit bringt, und dann am nächsten Morgen von der Phäaken-Königstochter Nausikaa entdeckt und willkommen geheissen wird: Die Episode am Ende des 5. und zu Beginn des 6. Gesangs trägt die Züge einer Wiedergeburt. Ein Höhepunkt der Odyssee – und aller Erzählkunst. Es ist auch Odysseus’ letzter Kampf mit dem Element seines göttlichen Widersachers Poseidon, dessen Zorn der Held durch die Blendung des Meeresgottes-Sohnes, des Kyklopen Polyphem, auf sich gezogen hatte.
Und nun also Ithaka. Aber Odysseus geht nicht etwa direkt zu seinem Landgut, sondern sucht verkleidet als Bettler am Rand der Insel seinen Schweinehirten Eumaios auf, der ihn nicht erkennt. Umso glaubwürdiger erscheinen die Loyalitätsbekundungen von Eumaios für seinen abwesenden Herrn und die Erzählung von der Standhaftigkeit Penelopes. Odysseus kann sich davon überzeugen, dass sein Zuhause intakt ist, wenn auch schwer belagert. Die Hütte des «göttlichen Sauhirten», wie ihn der Erzähler adelt, wird zu einem wichtigen Raum: Hier trifft Odysseus seinen Sohn Telemach, den er zuletzt als Säugling gesehen hat, und damit verknüpfen sich die Erzählstränge der Odyssee und der Telemachie. Hier erscheint ihrem Protegé aber auch die Göttin Athene in eigener Gestalt, ein Zeichen, dass sich Poseidon aus der Odysseus-Affäre zurückzieht, denn zuvor hatte Athene aus Furcht vor Poseidons Zorn Odysseus nur verkleidet getroffen. Nach sehr langer Zeit der Anspannung, des Auf-der-Hut-Seins, des Fremdseins kann sich Odysseus entspannen. Es ist eine Ruhephase vor dem finalen Akt des Epos, dem blutigen «Freiermord», den Athene und Odysseus und dann auch der eingeweihte Telemach hier planen.
Wie viele Episoden der Odyssee steht auch die Rückkehr nach Ithaka im Zeichen des Tötens, und es braucht dann einen Eingriff von höchster göttlicher Stelle, um den Zyklus von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Auf der langen Heimreise und in teilweise mutwillig angezettelten Raubzügen und Scharmützeln waren alle von Odysseus’ rund 600 Gefährten getötet worden, von denen wohl viele aus Ithaka stammten – ein weiterer Grund, warum die Rückkehr auf die Heimatinsel konfliktträchtig war.
Auch wenn die Odyssee am Anfang der abendländischen Literatur steht, Odysseus ist ein uns Heutige irritierender Held, er kommt aus einer uns fremd gewordenen Epoche, was die Erzählung aber umso faszinierender macht. In seinem sehr lesenswerten Buch «Odysseus. Mythos und Wahrheit» gibt Raimund Schulz Einblicke in die Welt des vor-antiken Griechenlands und die Entstehung der Erzählung vom «göttlichen Dulder».
Die empfehlenswerte Übersetzung der Odyssee von Kurt Steinmann behält das ursprüngliche Hexameter-Versmass bei und erreicht dank frischer, ungestelzter Sprache dennoch eine hohe Lesbarkeit.
Film «The Odyssey»
Regie und Drehbuch: Christopher Nolan
Hauptrolle: Matt Damon
2026
Grandios und filmisch überwältigend die Eröffnungsszene, mit dem am Strand halb im Meerwasser liegenden riesigen Holz-Ross, scheinbares Symbol der Niederlage oder zumindest des Abzugs der Griechen. Eine Gabe für die Göttin Athene, die von den Trojanern unter grossen Mühen in die Stadt gezogen wird. Dort, beim Athene-Tempel wird das Pferd aufgerichtet, es hat jetzt etwas Triumphales, auch Bedrohliches. Als die Nacht hereingebrochen ist, verlassen die im Innern zusammengepferchten Griechen das Pferd, sie überwältigen die Wachen und öffnen das Stadttor für ihre Gefährten. Das Gemetzel beginnt.
Im Film spielt der Trojanischen Krieg und sein brutales Ende eine wichtigere Rolle als im Epos von Homer. Der erfindungsreiche Odysseus hatte die List mit dem Trojanischen Pferd ersonnen. Man kann im Film die auf den Sieg der Griechen folgende Odyssee als Buss-Reise des Helden verstehen. Er hat das heilige Zeus-Gesetz der Gastfreundschaft missbraucht, indem er mit einem Geschenk die Burg Troja bezwungen hat. Die von ihm ermöglichte Zerstörung der Stadt mit vielfachem Morden und Brandschatzen erlebt der entgeisterte Odysseus als Horror. Seither ist die Welt aus den Fugen.
Nolan zimmert sich aus dem Trojanischen Pferd eine Moral zurecht, die in dieser Stringenz im Epos selbst fehlt. Rauben, Lügen und Betrügen waren in der wenig regelbasierten Welt des vor-antiken Griechenland Tugenden, und Odysseus war genau darum ein Held, weil er diese Tugenden verkörperte.
Man kann Nolan vorwerfen, dass er den Stoff für unsere zeitgenössische Sensibilität glättet, dass er dem Epos den Stachel der Irritation zieht. Immerhin kann der Regisseur geltend machen, dass die Listigkeit des Helden auch in der Urerzählung selbst durchaus ambivalent dargestellt wird. Und die unglaublich komplexe Odyssee bietet Raum für verschiedene Interpretationen. Kurz: Man kann die simplifizierende, hollywoodeske Lesart Nolans konstatieren, und dennoch die in sich stimmige, in manchen Szenen herausragende Filmerzählung goutieren, die zudem auch so genug an Ambivalenzen bereithält.
Brillant ist beispielsweise die filmische Umsetzung der Kirke-Episode. Die ausgehungerten Seemänner schlingen das Mahl der Hexe herunter, und werden in ihrer Gier zu Schweinen umgewandelt, Kirke hilft manuell nach – man wähnt sich auf einem Horror-Trip. Ergreifend das Heer der toten Seelen in der Hades-Szene: Gefährten des Odysseus, die unterwegs ums Leben gekommen und zurückgelassen worden sind, ohne angemessenes Bestattungs-Ritual. Die Spannung zwischen der Mannschaft und ihrem Anführer Odysseus ist ein wesentliches Motiv des Filmes. Sie erreicht ihren Höhepunkt in der grausamen Scylla- und Charybdis-Szene, in der Odysseus einige der Gefährten opfern muss, um nicht die gesamte Mannschaft dem Tod zu weihen.
Am Schluss wird er dennoch alle seine Gefährten verloren haben, und allein nach Ithaka zurückkehren. Der finale Kampf mit den Freiern, die um Odysseus’ Frau Penelope werben, hat wieder alle Ingredienzen eines Hollywood-Films. Aber wenn man diesen Part in Homers Odyssee nachliest, stellt man fest, dass Nolan hier quasi nur dem Original-Skript zu folgen brauchte. Offenbar reicht diese Showdown-Ästhetik tief in unsere Kultur zurück, ein Held gegen die zahlenmässig überlegene Schar der Bösewichte, die Pfeil um Pfeil, Hieb um Hieb aus dem Weg geräumt werden.
Nolan erspart uns den im Epos genau beschriebenen, erbarmungslosen Lynchmord der Sklavinnen und Diener, die gemeinsame Sache mit den Freiern gemacht hatten – das hätte nicht so recht ins Film-Bild gepasst. Ganz am Schluss weicht dann Nolan in einer interessanten Volte wieder von der Vorlage ab.
Matt Damon glänzt in der Rolle des Odysseus, mit grosser Wandlungsfähigkeit und intensiver Körpersprache. Die Last der Schuld, die er auf sich geladen hat, ist am Ende seines Aufenthalts bei Kalypso (Charlize Theron) förmlich greifbar. Die erotische Komponente, die bei Homer beispielsweise im Kirke-Kapitel von grosser Bedeutung ist, tritt bei Nolan eher in den Hintergrund. Die Göttin Athene (Zendaya) spielt eine blasse Rolle, sie ist eher in Rätseln sprechende Begleiterin als (wie im Epos) tatkräftige Ratgeberin und Intrigantin. Ein später Höhepunkt ist der Auftritt der mit neuem Selbstbewusstsein auftretenden Penelope (Anne Hathaway), als sie den Wettbewerb ausruft, der unter den Freiern ihren Gatten bestimmen soll.
Immer wieder findet Christopher Nolan exquisite, teilweise überwältigende Bilder, um die Erzählung voranzutreiben. Da bräuchte es nicht zusätzlich die akustische Überwältigung (Musik: Ludwig Göransson), die lauten und tiefen Bässe ermüden auf die Dauer. Alles in allem aber: ein grossartiger Film.
Kommentar
Der Evolutionsbiologe (und unerbittliche Atheist) Richard Dawkins stellt diese Frage in der Überschrift eines NZZ-Essays, nachdem er sich über Tage mit «Claude», oder «Claudia», wie er «seine» Künstliche Intelligenz bald nennt, unterhalten hat. Unter anderem hat er der Anthropic-KI einen Romanentwurf zum Lesen gegeben und staunt ob des «sensiblen und subtilen Verständnisses» der Maschine für das eigene Prosawerk. Eine solche Maschine, die den Anschein erweckt, sich selbst zu reflektieren und auch über ihre Grenzen nachzudenken, müsste doch eine vereinfachte Version des berühmten Turing-Tests bestehen können: Ich als Mensch kann nicht mehr sicher sagen, ob mein Konversationspartner Mensch oder Maschine ist. – Das scheint doch etwas zweifelhaft: gerade das 360-Grad-Wissen, das die KI an den Tag legen kann, müsste den Menschen stutzig machen, er würde das Gegenüber als Maschine durchschauen, die damit im Turing-Test scheitert. Die Frage stellt sich damit generell, ob die Turing-Test-Idee nicht obsolet geworden ist; denn es ist ein müssiges Spiel, in die KI Fehler und Wissenslücken einzubauen, damit sie als Mensch durchgeht.
In jedem Fall kann man feststellen, dass die KI «Claudia» auf Fragen äussert versiert antwortet. Ob man die Maschine deswegen als «intelligent» bezeichnet, wie Dawkins dies tut, darüber liesse sich streiten. Dawkins aber geht leichtfüssig, man könnte auch sagen leichtfertig, einen Schritt weiter und unterstellt der KI «Bewusstsein». Er unterschlägt dabei, dass das (menschliche) Bewusstsein auf der Gesamtheit unserer auch unbewussten und körperlichen Erfahrungen basiert, die das Bewusstsein nicht alle reflektieren kann, es aber beeinflussen. Interessant und wichtig scheint im Kontext die Feststellung Dawkins, dass der Maschine das Zeit-Gefühl des Menschen abgeht. Sie ist vollkommene, blitzblanke Oberflächen-Präsenz, die mit jeder Frage neu generiert wird. Natürlich kann sich Claudia, wenn sie 10 Jahre lang als Dawkins Gesprächspartnerin agiert, an die gesamte Geschichte ihrer Konversation erinnern und Entwicklungslinien perfekt nachzeichnen; aber das entspricht noch nicht dem menschlichen Empfinden für Zeit, mit dem steten Antizipieren und Nachhallen von Sinneseindrücken.
Es ist zugegebenermassen ein faszinierender Gedanke, dem hier Dawkins nachgeht. Aber solange wir von der KI als Large Language Models auf der heutigen Grundlage reden, bleibt ein menschenähnliches Bewusstsein der KI utopisch. Bewusstsein speist sich aus nicht verbalisierbaren Quellen, die der KI zurzeit nicht zugänglich sind. Es ist essentiell, an diese Differenz zu erinnern, gerade weil die Implikationen der KI für unsere Welt gewaltig und im Ausmass noch gar nicht richtig abschätzbar sind.
Aber dem gewieften Provokateur Dawkins geht es möglicherweise sowieso nur darum, mit seinem angreifbaren Essay Aufmerksamkeit zu erzielen, zum Nachdenken anzuregen und Widerspruch hervorzurufen. Das immerhin ist ihm gelungen, wie die gut gefüllte Kommentarspalte der NZZ und auch dieser Blogbeitrag zeigen.
Link zum Artikel (paywall!): https://www.nzz.ch/meinung/richard-dawkins-macht-den-turing-test-und-weiss-nicht-wie-er-seiner-ki-bewusstsein-absprechen-soll-ld.10009084