Buch im Fokus #76

09.10.2026
Mit „Die Lücken“ hat Shida Bazyar den Deutschen Buchpreis 2026 gewonnen. Ein fiktives Dorf im Hunsrück ist Schauplatz des Romans, der ein Jahrhundert deutscher Historie aus der Perspektive vieler verschiedener Figuren reflektiert. Wie lebt man im Dorf unter der Herrschaft der Nationalsozialisten? Wie gehen die Bewohnerinnen und Bewohner später mit der Erinnerung an diese Zeit um? Wie begegnen sie den Fremden, die im Dorf eine neue Heimat suchen? Geschichte setzt sich aus Geschichten von Individuen zusammen. „Die Lücken“ macht diesen Prozess in seiner Komplexität begreifbar. Mehr dazu jetzt in „Buch im Fokus“.
Mehr zeigen...
Dieses Buch wird besprochen in: Literaturzirkel Frauenfeld Ausleihen
Partner-Bibliothek GGG Stadtbibliothek Basel
Bestellen
Partner-Buchhandlungen BuchRaumBasel, unabhängige Buchhandlungen der Region

Die Lücken

Autor/in: Shida Bazyar
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2026
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-462-00501-1
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 512
Sprache: Deutsch
Besprechung Berthold H.

Bewertungen

Inhalt

Zugänglichkeit

Ausstattung

Besprechung

Die Lektüre von „Die Lücken“ hat etwas Kaleidoskopisches. Es geht um Heimesbach, ein fiktives Dorf im rheinlandpfälzischen Hunsrück, um Geschichte und Gegenwart, Erinnerung und Verdrängung, Einheimische und als fremd Wahrgenommene, seien es jüdische Menschen bis in die 1930er Jahre oder zugewanderte Asylanten aus dem Iran gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Die Erzählstimme, der Geist einer kürzlich bei einem Unfall verstorbenen jungen Frau mit Migrationshintergrund, die zu ihrer Schwester Lu spricht, springt kapitelweise von Figur zu Figur und von Zeit zu Zeit, so von den 1920er Jahre in die 1990er Jahre, wieder zurück in die Vergangenheit und dann etwa in die Nuller Jahre des 21. Jahrhunderts, und so geht es weiter.

Die Erzählerin scheint das Dorf von oben und die Zeiten mit ihren in verschiedenen Vorgängen verwickelten Dorfbewohnern parallel nebeneinander zu sehen. Sie begleitet die Figuren eng, steigt direkt in deren Gedankenströme ein, die sich des Öfteren auf verschlungenen Pfaden bewegen, etwas Mäanderndes haben, gleich einem Fluss, der sich seinen Weg bahnt, der mal ein Rinnsal ist, mal ein Strom, der aber immer fließt, allerdings so gut wie nie auf geradem Weg. Es ist nicht immer gleich erkennbar, von welcher Figur gerade die Rede ist oder wer von den jungen Menschen in der Vergangenheit seine Entsprechung bei den alten Menschen in der Gegenwart findet, aber die Dinge fügen sich ganz allmählich. Es ist wie in einem Mosaik, bei dem hier, da und dort Stein für Stein hinzugefügt wird, auch wenn das dabei entstehende Bild weit entfernt bleibt von Vollständigkeit – schließlich ist der Titel des Romans Programm. Es geht um systematisch gepflegte Lücken in der Erinnerung, in der Dokumentation und in der Geschichtsschreibung.

In seiner Multiperspektivität dringt der Roman tief in die Innenwelt der Menschen ein, einfache und intelligente, stille und beredte, meist ganz normale, wobei gerade auch normale Menschen ihre Abgründe und finsteren Züge haben. So kann es sein, dass sich der freundliche ältere Herr, der sich gegenüber der zugewanderten iranischen Familie zugewandt zeigt, als jemand herausstellt, der vor Jahrzehnten verschiedentlich an antisemitischen Umtrieben beteiligt war und die Erinnerungskultur im Dorf auf seine Weise aktiv mitgestaltet hat, oder dass einige der harmlos wirkenden alten Menschen im Seniorenheim jedes Jahr den 20. April feierlich begehen.

Der Roman ist raffiniert komponiert. Das anfangs schwer zu Durchdringende, das mitunter Wirre, das bandwurmartig Verschlungene in den Gedankengängen, das sich mit dem Blocksatz in einem vollkommen monotonen Schriftbild widerspiegelt, sind genauso symptomatisch wie das Fragmentarische. Nichts ist eindeutig, nichts ist von vornherein klar, nichts ist schwarz-weiß, und trotzdem kann es sein, dass sich im Ergebnis etwas Verheerendes zusammenbraut. Das beschauliche Dorf Heimesbach, in dem ein paar tausend ganz gewöhnliche Menschen ihre Heimat haben, war ein Gaumusterdorf, das erste Dorf, das judenfrei war. Der Roman zeigt, wie sich hier wie anderswo im Land subtile und weniger subtile Verdrängungsmechanismen etablierten, als der grauenhafte Spuk endlich vorbei war.

Wie ist es, wenn kultur- und sprachfremde Asylanten in dem abgeschiedenen Dorf ihre neue Heimstatt finden sollen und sich die individuellen Migrationsgeschichten mit der deutschen Vergangenheitsbewältigungsthematik verweben? Die Autorin zeigt, wie diese Geschichten trotz ähnlichem Hintergrund unvorhersehbar und individuell verlaufen – die eine iranische Familie mausert sich zu einem Paradebeispiel für gelungene Integration, wohingegen sich zumindest die Eltern der anderen Familie sogar nach vielen Jahren noch fremd fühlen und auf Abstand zu ihren deutschen Mitbürgern bleiben, auch wenn deren Kinder sich bald kaum weniger deutsch fühlen und gebärden als ihre dörflichen Kumpane.

Shida Bazyar ist ein kluger, komplexer Roman gelungen, der in der Kleinteiligkeit der Ereignisse und Stimmungslagen die großen Linien souverän freilegt. Er ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk, das der Leserschaft allerdings einiges an Ausdauer abverlangt und auch einige Kenntnisse der jüngeren deutschen Geschichte voraussetzt.

Mehr zeigen...

Zitat & Kommentar #33

01.10.2026
Dieses Buch wird besprochen in: Italien
Bestellen
Partner-Buchhandlungen BuchRaumBasel, unabhängige Buchhandlungen der Region

Cesare Pavese : Das Handwerk des Lebens

Kommentar Moritz Th.
ISBN: 978-3-03973-019-3

Das Handwerk des Lebens_p. 265

Das, was man tut, wird man wieder tun.

Kommentar

Ein unscheinbarer Satz in Cesare Paveses Tagebuch „Das Handwerk des Lebens“, der es aber in sich hat. Isoliert betrachtet ist damit noch keine Wertung verbunden. Pavese versucht auch leise eine positive Deutung, aber im gesamten Kontext des Tagebuchs liegt eine negative Lesart nahe. Ein Verhaltensmuster, das man als moralisch fragwürdig oder schädlich erkannt hat, lässt sich nicht so einfach abschütteln. Im Hintergrund geht es, wie so häufig bei Pavese, um gescheiterte Beziehungen zu Frauen. Aber es geht auch um eine grundsätzliche Fragestellung. Implizit stellt hier Pavese den freien Willen in Frage, an anderer Stelle tut er das auch explizit. Ich habe erkannt, dass ich etwas ändern sollte, ich bin dazu aber nicht in der Lage.

 

Pavese fährt fort:

„Das, was man tut, wird man wieder tun, bzw. man hat es auch schon in einer fernen Vergangenheit getan. Die Angst des Lebens ist dieses Gleis, das unsere Entscheidungen unter die Räder schieben. (Die Wahrheit ist, dass wir, schon ehe wir uns entschieden, der Richtung folgten.)“

 

Die Entscheidungen schieben Gleise unter die Räder – welch ein Bild*! Gleise beeinträchtigen die Manövrierfähigkeit, man folgt einer Richtung. Wenn ich einen bestimmten Akt vollzogen habe, dann schlägt das auf mich zurück, es prägt mich, und es gibt eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass ich bei nächster Gelegenheit ähnlich verfahre. Und: man hat schon immer eine bestimmte Richtung eingeschlagen, ohne dass man diese Richtung bewusst gewählt hätte. Das, was man tut, hat man schon immer getan. Man ist gefangen. Und auch die anderen sind in ihren Mustern gefangen.

 

Pavese hat diesen Befund über viele Seiten in Variationen durchexerziert, auf einer persönlichen, ontogenetischen wie auch auf einer allgemein-menschlichen, phylogenetischen Ebene. Seine Überlegungen sind von grosser Ernsthaftigkeit, sie haben aber auch etwas Selbstquälerisches. In gewisser Weise war Paveses Suizid wohl ein Versuch, aus diesem Gefangensein auszubrechen.

 

Elias Canetti hatte in ihm eine verwandte Seele erkannt, er schreibt in den „Nachträgen aus Hampstead“ vom „neuen Bruder“ Pavese (p. 34). Die Lektüre von „Das Handwerk des Lebens“ war für Canetti in der Phase einer tiefen Depression buchstäblich lebenswichtig. Canetti hat aber für sich, anders als Pavese, früh ein Heilmittel gegen eingeschliffene (Denk-)Muster entdeckt: das Prinzip der Verwandlung.

 

 

* Stelle im Original:

“L’angoscia della vita è questa rotaia che le nostre decisioni ci mettono sotte le ruote.” (p. 222, Einaudi 1990). Eine Fussnote in dieser Ausgabe verrät, dass Pavese das Bild von den Gleisen vermutlich aus dem von ihm übersetzten „Moby Dick“ übernommen hat.

Mehr zeigen...

Abonnieren Sie den «Buch im Fokus» - Newsletter

0
Wir freuen uns, wenn Sie einen Kommentar schreiben!x
()
x