Buch im Fokus #63

24.05.2026
Der Tessiner Schriftsteller Fabio Andina hat sich auch in der deutschen Schweiz eine gewisse Reputation erarbeitet. Dennoch hat sein Werk bei uns noch nicht die breite Anerkennung gefunden, die es verdient. Wir stellen heute die Romane «Davonkommen» und – in unserem Startseiten-Feature – «Tage mit Felice» vor. Ein uralter Mann geht im Tessiner Bleniotal Tag für Tag seinen Beschäftigungen nach, die ihn in tiefer Verbundenheit mit seiner Umgebung zeigen. Felices Weisheit zeigt sich weniger in seinen Worten – er schweigt ohnehin die meiste Zeit –, als im sorgsamen Umgang mit Mensch und Natur.  In «Buch im Fokus» erfahren Sie mehr zu diesem kleinen, feinen Buch, das man nicht so rasch wieder vergisst. Heute feiert Bob Dylan seinen 85. Geburtstag. Wir widmen «Zitat & Kommentar» einer Zeile aus seinem Song «Mississippi», der den Songwriter von einer eher ungewohnten Seite zeigt.
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Tage mit Felice

Autor/in: Fabio Andina
Verlag: Rotpunkt
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2020
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-85869-863-6
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 240
Sprache: Deutsch
Originaltitel: la pozza del Felice
Originalsprache: Italienisch
Erscheinungsjahr Originalausgabe: 2018
Übersetzung: Karin Diemerling
Besprechung Moritz Th.

Bewertungen

Inhalt

Zugänglichkeit

Ausstattung

Besprechung

Fabio Andina erzählt eine Tessiner Geschichte abseits vom Glanz Asconas und dem Prunk Luganos. Ins Bleniotal, Schauplatz des Romans, verirren sich eher selten Touristen, und im Buch wirken sie dort wie Fremdkörper, fehl am Platz.

Der Held Felice ist 90-jährig und er verlässt das Tal nur noch selten; bereits in Bellinzona wirkt er verloren, ein Waldschrat, ein Unikum. Dafür ist er im Bleniotal fest verwurzelt, und mit den Menschen, den Tieren, der Landschaft verbunden. Der Ich-Erzähler hat sich vorgenommen, ihn einige Tage zu begleiten. Von sich selbst gibt der Ich-Erzähler wenig preis, er kennt Felice, seit er als Kind immer wieder im Bergdorf in den Ferien war, seine Eltern hatten dort ein Haus gekauft. Wir erfahren lediglich, dass der Ich-Erzähler aus der Stadt dorthin «geflüchtet» ist. Mehr von seiner Vorgeschichte gibt Andinas Roman «Davonkommen» preis.

Felice ist immer in Bewegung, sein Tag fängt sehr früh an. Er macht sich jeden Morgen vor Tagesanbruch auf eine Bergtour, die er mit einem Bad in einer Bergbach-Gumpe krönt, bei jedem Wetter und jeder Temperatur. Der Ich-Erzähler muss sich etwas überwinden, zumal der Winter gerade über das Tal hereinbricht, tut es Felice dann aber gleich und setzt sich ins eiskalte Wasser. Felices Tour führt ihn in Bar und Beiz, aber er verzichtet, anders als viele anderen Bewohner des Tals, auf Alkohol und ist Vegetarier. Das würde ihn eigentlich zum Aussenseiter prädestinieren, aber Felice ist überall gern gesehen, er ist liebenswürdig und hilfsbereit. Im Dorf und im Tal leben einige ältere, alleinstehende Frauen, für die er kleine Besorgungen macht, die ihn dafür mit Gaben aus dem Garten beschenken. Nebenbei zeitigt dieses Buch auch eine wunderbare Typologie älterer Tessiner Frauen, der «Stummen» steht «La Radio» gegenüber, mit ihren sprechenden Übernamen, wir lernen die an Alzheimer erkrankte Schwester Felices Evelina kennen, oder Viola, die mit ihren arthritischen Fingern heilsame Massagen zu verabreichen versteht. Bei ihr zuhause spielt eine der schönsten Szenen des Buches, ein wortloser Tee-Besuch von Felice und dem Ich-Erzähler mündet in einem gemeinsamen Mittagsschläfchen. Felice ist ein grosser Schweiger, dabei aber hellhörig und kommunikativ, mit einem wachen Blick für die Mitmenschen, aber auch für die Schönheiten dieser Landschaft. Mehrfach hat der Ich-Erzähler den Eindruck, dass Felice seine Gedanken lesen kann.

Manche der Dorfbewohner leben am Rande der Armut, einige der Männer wirken etwas verwahrlost. Alkohol spielt eine grosse Rolle, gelegentlich wird dem Grappa auch schon früh am Morgen zugesprochen. Die «Tage mit Felice» vergehen einer nach den anderen, mit vielen kleinen Begegnungen und Entdeckungen, die manchmal auch an Geheimnisse aus Felices Vergangenheit rühren.

Geschickt platziert der Erzähler gegen Ende des Romans ein kleines Drama, das die Dorfgemeinschaft in Aufruhr versetzt und zusammenführt: Vittorinas Maultier ist ausgebüchst und hat einen Hund mit einem Huftritt verletzt; der «Wilderer», immer schnell mit dem Gewehr zur Hand, will das Maultier erschiessen. Felice erweist sich als Retter in der Not, sein letzter Dienst an der Gemeinschaft, wie sich am nächsten Morgen zeigt.

Auch wenn wir hier einen Roman lesen, die Figur Felice ist nicht völlig frei erfunden, wie uns diese Tessiner Tourismus-Website verrät: https://www.bellinzonaevalli.ch/de/hike/details/Leontica-Pozza-del-Felice/801528751.html

Fabio Andina hat ein schön nuanciertes, angemessen zurückhaltendes Porträt von Felice geschaffen, der bis ins hohe Alter sein Leben im Einklang mit der Natur aktiv gestaltet. Ein beglückendes Buch, von Karin Diemerling stilsicher ins Deutsche übertragen.

 

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Zitat & Kommentar #30

23.05.2026

Bob Dylan : Lyrics 1962 – 2001

Mississippi_p. 1094

I’ve got nothin’ but affection for all those who’ve sailed with me

Deutsch (Gisbert Haefs): Ich habe nichts als Zuneigung für alle, die mit mir gesegelt sind.

Kommentar

Bob Dylan hat sich gegen die Vereinnahmung seiner Fans zur Wehr gesetzt, er hat provoziert, sich als Aussenseiter inszeniert, ihm zugeschriebene Positionen verlassen, programmatisch im frühen «It ain’t me, babe» (1964). Die Protagonisten seiner Songs sind häufig einsam und gehen allein einer düsteren Zukunft entgegen. Zugleich legen viele Songs Zeugnis ab von einem hellwachen Blick auf die Gegenwart oder die Geschichte, von «It’s a hard rain gonna fall» (1963) bis zu «Murder Most Foul» (2020).

Im 1996 geschriebenen Song «Mississippi» ist der Held in schwieriger Mission unterwegs, sein Schiff ist zersplittert und sinkt schnell, er ertrinkt im Gift und hat keine Zukunft und keine Vergangenheit. In diesem Moment setzen aber die versöhnlichen Zeilen ein:

But my heart is not weary, it’s light and it’s free

I’ve got nothin´

but affection for all those who’ve sailed with me.

Bei aller Schärfe des häufig zynischen Blicks auf die Mitwelt (in diesem und vielen anderen Songs) demonstriert hier der Protagonist seine Zuneigung zu den Menschen in seiner näheren und vielleicht auch weiteren Umgebung, auf berührende Weise.

 

Aus demselben zeitlichen Umfeld wie «Mississippi» stammt «Tryin’ to get to heaven», ähnliche Stimmungslage, resigniert, welt-müde und lebenssatt. Darin finden sich die Zeilen:

People on the platforms

Waiting for the trains

I can hear their hearts a-beatin´

Like pendulums swinging on chains

Deutsch (Gisbert Haefs): Leute auf den Bahnsteigen / Warten auf die Züge / Ich kann ihre Herzen klopfen hören / Wie Pendel, die an Ketten schwingen

Bedeuten die Ketten eine Fremdbestimmung, symbolisiert das Pendel die unbarmherzig vergehende Zeit? Vielleicht, aber das betrifft dann auch den Helden selbst, der hier im warmherzigen Tonfall seine Verbundenheit zu den «Leuten» zum Ausdruck bringt, auch indem die Musik das Schlagen der Herzen wiederzugeben scheint. – Bob Dylans Helden sind wohl in der Regel nicht das, was man leutselig nennen würde. Aber in einigen seiner besten Songs ist so etwas wie eine innige Zeitgenossenschaft zu erahnen.

 

Die Songs:

Mississippi

Tryin to get to heaven

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