Buch im Fokus #74

20.09.2026
Die amerikanische Schriftstellerin Ursula K. Le Guin (1929 – 2018) hat das Science Fiction-Genre genutzt, um unserer Welt einen Spiegel vorzuhalten und zugleich alternative Modelle des Zusammenlebens zu skizzieren, die sich auf anarchistisches Gedankengut stützen. Jetzt hat das Theater Basel aus ihrer Parabel „Das Wort für Welt ist Wald“, die die Kolonialisierung eines fremden Planeten durch Erdenmenschen zum Thema hat, ein Theaterstück geformt. Mehr zu Roman und Stück in „Buch im Fokus“. Eine weitere Besprechung des amerikanischen Originals findet sich hier: The word for world is forest : Lesart blog Das Theater Basel verschenkt für die Aufführung von „Das Wort für Welt ist Wald“ am 9.10. (20h, Kleine Bühne) einmal 2 Tickets. Interessiert? Schreiben Sie rasch eine Email an info@lesart.blog
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Das Wort für Welt ist Wald

Autor/in: Ursula K. Le Guin
Verlag: Büchergilde Gutenberg
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2026
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-7632-7669-1
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 248
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The word for world is forest
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr Originalausgabe: 1976
Übersetzung: Karen Nölle; Illustrationen von Hannah Brückner
Besprechung Moritz Th.

Bewertungen

Inhalt

Zugänglichkeit

Ausstattung

Besprechung

(Notiz zum Theaterstück am Ende der Buchbesprechung)

 

Ursula K. Le Guin hat sich früh für das Leben der amerikanischen indigenen Stämme interessiert, die beispielsweise das nordkalifornische Napa Valley besiedelten, bevor die Europäer sie töteten oder von dort vertrieben. „Das Wort für Welt ist Wald“ erzählt die verwandte Geschichte einer gewaltsamen Begegnung von Eingeborenen und Kolonialisten, nur hat die Autorin die Erzählung in die ferne Zukunft und auf einen anderen Planeten transferiert.

 

Auf der Erde sind die natürlichen Ressourcen erschöpft, es gibt kaum mehr Wald – der Planet „New Tahiti“ dagegen besteht nur aus Wald und Wasser. Die Menschen setzen sich nach der Entdeckung des Planeten hier fest und fällen systematisch Bäume, um sie dann per Raumschiff zur fernen Erde zu transportieren. Notiz am Rande: das scheint aus ökonomischer Perspektive kein sinnvolles Unterfangen, immerhin dauert die Raumschiffreise von „New Tahiti“ bis zur Erde 27 Planetenjahre. Diese Schwäche in der Anlage ist aber im gesamten Romankontext unerheblich.

Der Planet wird von den Athscheanern bewohnt, eine menschenähnliche Spezies, wenn sie auch deutlich kleiner sind und grün bepelzt. Mühelos unterwerfen die Erdenmenschen die Eingeborenen, die keinen Widerstand leisten, sich aber als wenig geeignet für Zwangsarbeit erweisen.

Die Kolonialisten bringen auch den Wissenschaftler Dr. Lyubov mit, der sich als einziger für die Kultur der Athscheaner zu interessieren scheint. Er freundet sich mit einem von ihnen namens Selver an, sie bringen sich gegenseitig die Sprache des anderen bei. Die Athscheaner sind in kleinen Gruppen organisiert, an deren Spitze jeweils eine Obfrau steht. Die Männer nehmen als „Träumer“ spirituelle Aufgaben wahr, die Verantwortung für weltliche Belange liegt bei den Frauen. Die matriarchalische Gesellschaft kennt kaum Gewalt.

Gegenpol zu Dr. Lyubov ist Don Davidson, der die „Krietschi“, wie die Eroberer die Athscheaner nennen, verachtet. Er ist der bis zur Karikatur überzeichnete herzlose, egoistische Imperialist und Kolonialist. Als er ausgerechnet die Frau von Selver vergewaltigt, löst er eine Wandlung unter den Athscheanern aus, die schliesslich in einer gewalttätigen Revolte des unterdrückten Volkes mündet.

Die Erzählung funktioniert gut auf der spannenden Handlungsebene, mit Schusswechseln und brutalen Überfällen, es gibt Elemente, die an einen Western erinnern, oder an den Vietnamkrieg. Bemerkenswert ist die Parabel aber vor allem auf der psychologischen und dann auch politischen Ebene. Selver wird zu einem „Gott“ der Athscheaner. Dr. Lyubov entdeckt, dass das athscheanische Wort für Gott auch Übersetzer bedeutet. Und Selver übersetzt das menschliche Gewaltgen ins Athscheanische. Er tut dies nicht mit rationalen Schlussfolgerungen, die Logik der Gewalt erlernt er durch Träume. Die Athscheaner teilen sich die Traumwelt genauso wie die Wachwelt, darum kann Selver seine neuen Einsichten mühelos mit seinem Volk teilen, das ihn als spirituellen Führer anerkennt und auf der Traumebene mit ihm kommuniziert. Für die Kolonialisten ist es völlig verblüffend, wie die lethargischen „Krietschis“, die kaum Hierarchien kennen und keine Regierung, mit einem Mal eine schlagkräftige Armee formen. Grandios, wie die Autorin diesen Wandel im Roman organisch und plausibel darstellt.

 

Sigmund Freud hat die Bedeutung des Unbewussten und der Träume für uns Menschen erkannt. Aber er hat die Träume immer aus der Perspektive der Wachwirklichkeit verstanden, sie als Ressource begriffen, die man für das bewusste Leben instrumentalisieren kann. Le Guin geht hier einen entscheidenden Schritt weiter, indem sie die Traumwelt als eigenständig und gleichberechtigt skizziert. Für die Athscheaner sind die Träume, die man gezielt aufsucht und auch steuern kann, die Wurzel des Seins. Wichtig ist dabei, dass man diese Wurzeln mit den anderen teilt. Auch physisch sind die Eingeborenen stets in einem Netzwerk eingebunden. Wie schon der Romantitel verrät: Bäume und Wald sind essentiell für die Athscheaner.

 

Le Guin zeichnet mit ihrem 1976 publizierten Roman eine utopische Gegenwelt, die nicht frei ist von Klischees, aber mit gedanklicher Tiefe zu faszinieren vermag. Und die verhandelten Themen der psychisch-spirituellen Balance, der Ökologie, oder des (Post-)Kolonialismus scheinen heute aktueller denn je.

 

 

 

 

 

Theaterstück „Das Wort für Welt ist Wald“, 18. September 2026, Schauspielhaus Theater Basel (Uraufführung)

Inszenierung und Text: Franz Broich

Schauspielerinnen: Maja Beckmann, Birte Schnöink

 

Aus Japan kommt der Begriff des „Waldbadens“. Er meint das Eintauchen in diesen Kosmos, mit allen Sinnen, man überlässt sich der Umgebung und seinem Instinkt. Das Waldbaden wird eher zu therapeutischen Zwecken eingesetzt; das Theaterstück „Das Wort für Welt ist Wald“ erhebt dagegen das Walderlebnis zu einer (vergessenen) Grundlage unseres Daseins.

Am Beginn der Uraufführung von „Das Wort für Wald ist Welt“ sehen wir ein in Tücher von warmem Orange gehülltes Bühnenbild (dafür verantwortlich: Jana Furrer); auf der rechten Seite einen Schnurvorhang, den man mit Regen assoziieren kann, oder mit Lianen. Grosse Wurzelstücke suggerieren einen Mangrovenwald. Im Hintergrund der Bühne produziert die Musikerin Ameli tranceartige Klänge, die das Publikum in die Szenerie hineinziehen. Die Aufführung lässt sich hier und an anderen Stellen Zeit, mutet dem Publikum auch mal längere Schweigephasen zu. Erst allmählich entpuppen sich aus dieser Landschaft zwei Figuren, sie streifen den zeltartigen Überwurf ab und beginnen zu reden.

 

Als Basis für das Stück dient nicht nur der Roman „Das Wort für Welt ist Wald“ von Ursula K. Le Guin, sondern auch ihre Essaysammlung „Am Anfang war der Beutel“ (mehr dazu hier: https://de.wikipedia.org/wiki/The_Carrier_Bag_Theory_of_Fiction). Die Erzählung, wie unsere Urahnen mit dem Speer ein Mammut erlegten, ist einfach attraktiver als diejenigen vom Sammeln von Früchten, Beeren oder Pilzen – darum dominieren in unserem kollektiven Gedächtnis Jagd- und Schlachtgeschichten. Aber das Sammeln war für das Überleben und die Weiterentwicklung die entscheidende Tätigkeit, mit dem Beutel als Arbeitsinstrument. Le Guin überträgt nun das Prinzip des Sammelns auf die Erzählkunst. Was der Autorin auf ihren mentalen Streifzügen begegnet, soll in den Textkorpus integriert werden. Das Resultat ist dann nicht mehr die lineare, zurechtgestutzte Heldenerzählung, sondern ein gleichberechtigtes, multiperspektivisches Sammelsurium von Eindrücken, Gefühlen, Denkfiguren, Mini-Geschichten.

 

Während mehr als 90 Minuten unterhalten sich die beiden Schauspielerinnen auf der Bühne über diese Themen. Sie berühren etwa die Frage nach Brutalität und Gewalt – können wir uns eine Welt ohne Gewalt vorstellen? Oder ist sie den Menschen, der Natur insgesamt inhärent? Mit fasziniertem, manchmal etwas gar kindlich anmutendem Gruseln erzählen sie sich die Geschichten von der Männchen fressenden Gottesanbeterin oder von Frösche aussaugenden Riesenwasserwanzen. Sie tauchen ein in Rollenspiele, eines davon bezieht sich auf den Roman: der militärisch gedrillte Kolonialist und Eroberer begegnet einem friedfertigen Eingeborenen, der mit seiner Passivität die Aggression des Eroberers anstachelt; eher noch ein Beispiel linearen Erzählens, das die beiden Protagonistinnen dann etwas ratlos zurücklässt. Aber auch das im Roman zentrale Motiv des Träumens wird zitiert, mit der eine spirituelle Gegenwelt aufgerufen wird. Geschickt arbeitet die Inszenierung immer wieder mit Musik und Geräuschen – ein Höhepunkt ist das Umherstreifen von Birte Schnöink im Schnurvorhang, untermalt von Klängen. Jetzt redet das Bühnenbild, der Wald selbst. Dies ist ein mutiges, in Teilen experimentelles und zum Nachdenken anregendes Theaterstück.

 

Es gibt auch die eine oder andere Klamaukszene, die vielleicht für etwas Auflockerung sorgen soll. Hatte die Regie etwas Sorge, mit den vielen, ziemlichen anspruchsvollen Textteilen das Publikum zu überfordern? Aber das erweist sich als unbegründet, die Zuschauerinnen und Zuschauer folgen der Aufführung gebannt und spenden am Schluss den beeindruckenden Schauspielerinnen frenetischen Applaus.

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Zitat & Kommentar #32

22.08.2026
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Robert Macfarlane, Jackie Morris : Das Buch der Vögel

Das Buch der Vögel_p. 296/7

Im späten Tageslicht schrillt und kreischt und wirbelt und kreist und schlingt sich der Schwarm über gefrorenem Schilfrohr. Jetzt ist er eine zorbende, formwandelnde, rollende, mythenschaffende Gestalt und Kraft; jetzt ist er flüssig und kolloid und quallensolide; jetzt ist er Rorschachbild, Chimäre, Metapher, Fata Morgana, ein Gott auf dem Berge; jetzt ist er eine Trauminsel, er ist Hy Brasil; er ist tastend, pulsierend, ein Schwarmwissen, ein Bienenstock, sehr ähnlich einem Wal, einem Löwen, einem Fohlen, einer Galeere; jetzt ist er Nebel, ist Wachs, das ins Wasser tropft, und dann – oh! – plötzlich – oh! – senst Sperber mitten durch all das hindurch (…), doch der Schwarm ist zu schnell, zu schlau, zu weich, und wie der Umhang des Matadors dem stossenden Stierhorn elegant entkommt, so faltet die Schar und formiert sich neu um den Sperber herum, unangetastet von Schnabelspiess oder Krallenschnitt, und der Klang – oh der Klang! – wenn der Schwarm eindreht und wendet, ist das Surren einer Abfahrtstafel am Bahnhof, die ihre Änderungen ausruft, ist zigfaches Kameraverschlussklacken, und der Schwarm ruckelt und trudelt und stromert und strömt weiter, bis schliesslich, wenn die Schatten länger werden, irgendwie, irgendwie die Entscheidung fällt, sich niederzulassen, und – huuuusch! – ist die Formation vom Himmel verschwunden, als hätte die Erde sie selbst in einem jähen, immensen Inhalieren verschluckt (…) – und die Abendluft ist schockierend still, ohrenbetäubend ruhig.

Kommentar

Macfarlane unternimmt hier den Versuch, einen hunderttausendköpfigen Starenschwarm zu beschreiben.

Ist das etwas übertrieben? Was bitte schön ist eine „zorbende Gestalt“?

 

Das Phänomen ist nun einmal enorm schwierig in Worte zu fassen. Tatsächlich scheint dem Schwarm eine eigentümliche Gestaltungskraft inne zu wohnen, die sich rauschhaft in immer neuen Mustern manifestiert, und die uns Zuschauer erst so richtig die Dreidimensionalität des Raums erfahren lässt. Macfarlane ermöglicht uns mit seiner enthusiastischen Schilderung an dieser Erfahrung teilzuhaben.  Im „Buch der Vögel“ beschreiben und bebildern Macfarlane und Morris sieben Wunder der Vogelwelt, vom Nest zum Ei über den Flug zum Zug. Eigentlich verdient der Schwarm, als achtes Wunder bezeichnet zu werden.

 

Der dänische Fotograf Soren Solkaer hat sich auf die Staren spezialisiert und atemberaubende Formationen fotografiert, die er auch in empfehlenswerten Bildbänden publiziert, s. Beispielfotos hier: https://www.sorensolkaer.com/photographs/blacksun/1545

Das Spektakel lässt sich ab Mitte September in allerdings sehr kleinem, quasi helvetischem Rahmen auch in der Region Basel beobachten. Mindestens in den vergangenen Jahren befand sich ein Schlafplatz für ein paar Hundert Staren am südlichen Ende des Zollis. Wer bei einem Abendspaziergang auf dem Margarethenhügel eine knappe Stunde vor Sonnenuntergang den Himmel im Auge behält, kann mit etwas Glück den Staren bei ihrem Abendritual zusehen.

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