Buch im Fokus #71

22.08.2026
Die Vögel teilen mit uns den Lebensraum, sie bevölkern den Himmel, sie markieren die Jahreszeiten. Vor wenigen Monaten erklang endlich wieder der unverwechselbar-laute Gesang der kleinen Mönchsgrasmücke: sicheres Zeichen für den Frühling. In wenigen Wochen werden wir mit leiser Wehmut beobachten, wie die Stare sich sammeln für den grossen Zug nach Süden, um dem hiesigen Winter zu entgehen. Wer sich für Vögel auch nur ein wenig interessiert, den erwartet mit dem „Buch der Vögel“ eine bereichernde Lektüre: Robert Macfarlane und die Illustratorin Jackie Morris porträtieren in eindringlicher Weise 49 Vogelarten, vom Eisvogel bis zum Spatz, vom Fischadler bis zur Waldschnepfe. Mehr dazu jetzt in „Buch in Fokus“. In der Nähe von grossen Schlafplätzen der Stare ist im Herbst allabendlich das Spektakel des Schwarms zu beobachten, das Macfarlane enthusiastisch beschreibt, als „die grösste Show der Welt“, nachzulesen in Zitat & Kommentar #32.
Mehr zeigen...
Dieses Buch wird besprochen in: Naturwissenschaften Bestellen
Partner-Buchhandlungen BuchRaumBasel, unabhängige Buchhandlungen der Region

Das Buch der Vögel

Autor/in: Robert Macfarlane, Jackie Morris
Verlag: Ullstein
Genre: Sachbuch
Erscheinungsjahr: 2026
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 9783550204586
Einbandart: Halbleinenband
Seitenzahl: 384
Sprache: Deutsch
Originaltitel: The Book of Birds
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr Originalausgabe: 2026
Übersetzung: Daniela Seel
Besprechung Moritz Th.

Bewertungen

Inhalt

Zugänglichkeit

Ausstattung

Besprechung

„Das Buch der Vögel“ klingt umfassend und allgemein. Vorgestellt wird darin aber eine nicht näher begründete bunte Auswahl von Vögeln, die in Grossbritannien vorkommen. Dazu sind es auch höchst subjektiv-poetische Porträts, die uns der Kulturhistoriker Robert Macfarlane mit den Texten und die Malerin Jackie Morris mit ihren Aquarellen in „Buch der Vögel“ bescheren. Ein Beispiel:

„Goldschmiedin der Hecken, Goldammer schmiedet Sonnenlicht zu Münzen und Ketten aus dem Edelmetall, auf dem Amboss aus Weissdornblatt, Spindelbeere und Schlehenblüte. Goldammer verwandelt Fussweg zu Schatztruhe, Feldweg zu Wunderkammer.“

Im Überschwang geht auch mal eine Metapher daneben, vielleicht fehlt es hier und dort auch bei den Aquarellen an Genauigkeit. Dieses Buch ersetzt kein wissenschaftliches Handbuch, das zuverlässig Auskunft gibt über Brutverhalten und Verbreitung. Aber es vergegenwärtigt für uns die Vögel auf grossartige Weise und macht sie lebendig, wie kein exakt-wissenschaftliches Handbuch es vermag. Die Dichte der einzelnen Kapitel erfordert Raum zum Nachklingenlassen, dies ist kein Buch zum Durchlesen in einem Zug. Wahrscheinlich nimmt man es dafür immer wieder mal zur Hand, vielleicht, wenn man draussen wieder einmal einen Grünfinken oder die bei uns allgegenwärtigen Saatkrähen beobachtet oder die Singdrossel gehört hat.

 

Macfarlane streut geschickt persönliche Begegnungen mit den Vögeln ein, oder er greift weit aus in die Kulturgeschichte, um die Bedeutung einer Vogelart für uns Menschen zu illustrieren. Immer wieder müssen wir aber auch nachlesen, wie wir den Vögeln zugesetzt haben; sie sind Kollateralschaden der Industrialisierung und insbesondere der intensiven Landwirtschaft. Kapitel wie diejenige zum Auerhuhn oder zum Ziegenmelker kommen fast schon wehmütigen Nachrufen gleich.

 

Für die meisten von uns Binnenländern sind wohl einige der vorgestellten Wat- und Wasservögel nicht so vertraut, die die britischen Küstengebiete bevölkern. Aber das trägt zum Reiz des Buches zusätzlich bei. Wir lernen beispielsweise die furchterregenden Skuas kennen, die Lämmern die Zunge herausreissen, Kälbern die Augen zerstechen und auch uns gefährlich werden können: „Aber Gott stehe jedem Menschen bei, der dein Revier in der Brutzeit durchqueren will.“

 

Macfarlane und Morris widmen sich zwischen den 49 Portraits «sieben Wundern» der Vogelwelt, vom Nest über die Feder bis hin zum Vogelzug. Dank der intensiven Schilderung sehen wir diese Phänomene mit neuen Augen und erkennen das Wunderbare daran. Eines dieser Kapitel feiert den Gesang der Vögel, endet aber auf einer düsteren Note, auch hier wieder das Lied vom Niedergang: „Doch wie wenig wir lauschen und wie selten wir hören. Der Frühling ist Milliarden Vögel stiller geworden als vor einem Jahrhundert.“

Macfarlane und Morris huldigen neben der Nachtigall mit der Lerche einer weiteren kleinen grossen Sängerin, die man etwa in der Region Basel nur noch mit viel Geduld und Glück hören oder sehen kann: „Du bist eine geborene Preformerin, eine Levitationskünstlerin mit Vorliebe fürs Melodramatische: der senkrechte Start, der Divengesang, laut von den dreihundert Meter hohen Cremepompons einer Cumuluswolke geworfen.“

 

Dies ist auch ein Triumph des traditionellen Buches. Vor 20 Jahren konnte man lesen, dass ein Buch nur noch dann eine Daseinsberechtigung haben wird, wenn es – voller Hyperlinks – ein multimediales Erlebnis bescheren kann. In „Das Buch der Vögel“ verzichtet man gern auf solche Ablenkung und lässt sich allein durch die gemalten Vogelportraits und die dichte Sprache in den Bann schlagen, auch in der bravourösen deutschen Übersetzung, die Daniela Seel hier vorlegt.

Mehr zeigen...

Zitat & Kommentar #32

22.08.2026
Dieses Buch wird besprochen in: Naturwissenschaften
Bestellen
Partner-Buchhandlungen BuchRaumBasel, unabhängige Buchhandlungen der Region

Robert Macfarlane, Jackie Morris : Das Buch der Vögel

Das Buch der Vögel_p. 296/7

Im späten Tageslicht schrillt und kreischt und wirbelt und kreist und schlingt sich der Schwarm über gefrorenem Schilfrohr. Jetzt ist er eine zorbende, formwandelnde, rollende, mythenschaffende Gestalt und Kraft; jetzt ist er flüssig und kolloid und quallensolide; jetzt ist er Rorschachbild, Chimäre, Metapher, Fata Morgana, ein Gott auf dem Berge; jetzt ist er eine Trauminsel, er ist Hy Brasil; er ist tastend, pulsierend, ein Schwarmwissen, ein Bienenstock, sehr ähnlich einem Wal, einem Löwen, einem Fohlen, einer Galeere; jetzt ist er Nebel, ist Wachs, das ins Wasser tropft, und dann – oh! – plötzlich – oh! – senst Sperber mitten durch all das hindurch (…), doch der Schwarm ist zu schnell, zu schlau, zu weich, und wie der Umhang des Matadors dem stossenden Stierhorn elegant entkommt, so faltet die Schar und formiert sich neu um den Sperber herum, unangetastet von Schnabelspiess oder Krallenschnitt, und der Klang – oh der Klang! – wenn der Schwarm eindreht und wendet, ist das Surren einer Abfahrtstafel am Bahnhof, die ihre Änderungen ausruft, ist zigfaches Kameraverschlussklacken, und der Schwarm ruckelt und trudelt und stromert und strömt weiter, bis schliesslich, wenn die Schatten länger werden, irgendwie, irgendwie die Entscheidung fällt, sich niederzulassen, und – huuuusch! – ist die Formation vom Himmel verschwunden, als hätte die Erde sie selbst in einem jähen, immensen Inhalieren verschluckt (…) – und die Abendluft ist schockierend still, ohrenbetäubend ruhig.

Kommentar

Macfarlane unternimmt hier den Versuch, einen hunderttausendköpfigen Starenschwarm zu beschreiben.

Ist das etwas übertrieben? Was bitte schön ist eine „zorbende Gestalt“?

 

Das Phänomen ist nun einmal enorm schwierig in Worte zu fassen. Tatsächlich scheint dem Schwarm eine eigentümliche Gestaltungskraft inne zu wohnen, die sich rauschhaft in immer neuen Mustern manifestiert, und die uns Zuschauer erst so richtig die Dreidimensionalität des Raums erfahren lassen. Macfarlane lässt uns mit seiner enthusiastischen Schilderung an dieser Erfahrung teilhaben.  Im „Buch der Vögel“ beschreiben und bebildern Macfarlane und Morris sieben Wunder der Vogelwelt, vom Nest zum Ei über den Flug zum Zug. Eigentlich verdient der Schwarm, als achtes Wunder bezeichnet zu werden.

 

Der dänische Fotograf Soren Solkaer hat sich auf die Staren spezialisiert und atemberaubende Formationen fotografiert, die er auch in empfehlenswerten Bildbänden publiziert, s. Beispielfotos hier: https://www.sorensolkaer.com/photographs/blacksun/1545

Das Spektakel lässt sich ab Mitte September in allerdings sehr kleinem, quasi helvetischem Rahmen auch in der Region Basel beobachten. Mindestens in den vergangenen Jahren befand sich ein Schlafplatz für ein paar Hundert Staren am südlichen Ende des Zollis, gut einsehbar vom Margarethenhügel. Wer dort bei einem Abendspaziergang eine knappe Stunde vor Sonnenuntergang den Himmel beobachtet, kann mit etwas Glück die Stare bei ihrem Abendritual beobachten.

Mehr zeigen...

Abonnieren Sie den «Buch im Fokus» - Newsletter

0
Wir freuen uns, wenn Sie einen Kommentar schreiben!x
()
x