Nennt mich Wellenkamm
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Besprechung
Amiy, die berühmte Influencerin, fällt südlich von Kapstadt angetrunken vom Kreuzfahrtschiff. Selbst im Wasser postet sie von ihrem Unglück und will sich letztlich entkräftet dem Tod ergeben, da fischt sie die Besatzung eines Segelbootes auf. Bis hierhin ist die Handlung von Christoph Kellers neuem Roman »Nennt mich Wellenkamm« überschau- und nachvollziehbar, dann kippt die Geschichte und erhält eine mysteriöse Grundierung. An Bord des Segelbootes befinden sich sieben namenlose Personen, die Amiy Erdgrube, Bergbach, Weizenfeld, Kieselstrand, Waldlichtung, Bienenschwarm und Echo nennt, frei nach dem Charakter ihrer Stimmen. Amiy rufen sie Wellenkamm. Das Boot hat viele Namen, wie Kassiopeia, Kassandra oder Kleopatra und so weiter, also alle beginnen mit »K«, wie auch »K« als Ziel der Reise angegeben wird. Amiy wird herzlich aufgenommen, für sie wird gesorgt, und sie wird Teil der Crew.
Sie erlebt, wie an jedem Abend sieben Mal die Glocke geläutet wird und jeweils ein Crewmitglied eine Geschichte aus der Zukunft erzählt, aus der Zeit nach »K«. Wieder dieses »K«! »K« liegt in der Zukunft, steht für Krise, Katastrophe, Kipppunkt, für ein Ereignis und für den Moment, an dem die Welt nicht untergehen, aber neu erfunden wird. Und diese Geschichten spielen nach dem großen Reset. Sie berichten, wie sich die Ruinen einer Erdölraffinerie auf Sizilien renaturieren, wie aus Miami New Venice wird, wie der leere Prime Tower in Zürich umgenutzt und begrünt wird, wie sich, von Paris, der Stadt der Liebe, ausgehend, das Verhältnis der Geschlechter neu gestaltet, wie Afrika in gesellschaftlicher und ökologischer Hinsicht neu erblüht, wie Superyachten zu grünen Wohngenossenschaften mutieren und im Orbit eine neue Ordnung eingeführt wird, selbst Greenpeace braucht es nicht mehr. Auch über die ersten Risse in dieser neuen Sphäre, wie die Glücksfaulheit und das frisch aufflackernde Wettbewerbsdenken, wird berichtet. Und Amiy postet all diese Geschichten in die ramponierte Welt hinaus.
Christoph Keller präsentiert uns keine Dystopie, so, wie die Zukunft gewöhnlich dargestellt wird, er zeigt eine optimistische Vision, welche die Welt nach »K« wie ein Phönix aus der Asche steigen lässt. Die Natur holt sich zurück, was ihr zusteht, und die positiven Kräfte der Menschheit transformieren die gescheiterte Leistungsgesellschaft in eine neue Ökonomie der Gemeinschaft. Demokratie, Ökologie, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Frieden werden Realität und sind keine leeren Worthülsen mehr.
»Zu schön, um wahr zu sein«, ist der erste Gedankenreflex bei der Lektüre von Christoph Kellers Erzählung, da das Schlechte auf märchenhafte Weise durch das Gute besiegt wird. Aber jede der Geschichten zeigt im Kern gar nicht so unrealistische Lösungsansätze für die großen Problemfelder unseres Planeten, durchdachte Utopien gewissermassen. Mit seinem farbigen Erzählstil, seinem feinsinnigen Witz und seiner kritischen Sicht auf die dunklen Seiten der Menschheit weiß Christoph Keller den Leser von Geschichte zu Geschichte immer tiefer in seinen Roman zu ziehen.
Der Autor Christoph Keller
Er ist in der Schweiz geboren, in Perú aufgewachsen, arbeitet als freischaffender Reporter, Autor, Moderator und ist Initiant der Plattform www.podcastlab.ch. Bis im Frühjahr 2019 hat er die Redaktion Kunst&Gesellschaft von Radio SRF2Kultur geleitet, war Autor vieler Sendungen in den Formaten Kontext, Passage, Hörpunkt. Zuvor war er lange Jahre Reporter beim MAGAZIN von Tages-Anzeiger, Berner Zeitung und Basler Zeitung, hat als Redakteur und Reporter für die WochenZeitung WoZ gearbeitet und als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Nationalen Forschungsprogramm 51 zu Integration und Ausschluss; vormals Assistent am Lehrstuhl für Völkerrecht bei Luzius Wildhaber, von der Ausbildung her Jurist mit einem Abschluss im Spezialfach Völkerrecht und einem Nebenstudium in Sozialanthropologie an der Universität Basel. Heute schreibt er unter anderem für REPORTAGEN, für die WoZ, Surprise und andere Publikationen, erschienen sind von ihm die historische Reportage «Der Schädelvermesser» (1995), die Reportagensammlung «Building Bodies» (2004), die Romane «Alamor drei Tage» (2007), «Übers Meer» (2013) und «Hotel Galaxy» (2018), die Sammlung von Reportagen und Essays zum Klima in «Benzin aus Luft» (2019) und der Roman «Afrika fluten» (2023).
Zudem war er bis 2024 als Lehrbeauftragter an der Zürcher Hochschule der Künste und bis 2021 als Dozent an der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern tätig und arbeitet als Moderator an regionalen, nationalen und internationalen Veranstaltungen; ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter, lebt in Basel und zeitweilig auf einem kleinen Segelschiff auf dem Mittelmeer.
Kommentar
Der Evolutionsbiologe (und unerbittliche Atheist) Richard Dawkins stellt diese Frage in der Überschrift eines NZZ-Essays, nachdem er sich über Tage mit «Claude», oder «Claudia», wie er «seine» Künstliche Intelligenz bald nennt, unterhalten hat. Unter anderem hat er der Anthropic-KI einen Romanentwurf zum Lesen gegeben und staunt ob des «sensiblen und subtilen Verständnisses» der Maschine für das eigene Prosawerk. Eine solche Maschine, die den Anschein erweckt, sich selbst zu reflektieren und auch über ihre Grenzen nachzudenken, müsste doch eine vereinfachte Version des berühmten Turing-Tests bestehen können: Ich als Mensch kann nicht mehr sicher sagen, ob mein Konversationspartner Mensch oder Maschine ist. – Das scheint doch etwas zweifelhaft: gerade das 360-Grad-Wissen, das die KI an den Tag legen kann, müsste den Menschen stutzig machen, er würde das Gegenüber als Maschine durchschauen, die damit im Turing-Test scheitert. Die Frage stellt sich damit generell, ob die Turing-Test-Idee nicht obsolet geworden ist; denn es ist ein müssiges Spiel, in die KI Fehler und Wissenslücken einzubauen, damit sie als Mensch durchgeht.
In jedem Fall kann man feststellen, dass die KI «Claudia» auf Fragen äussert versiert antwortet. Ob man die Maschine deswegen als «intelligent» bezeichnet, wie Dawkins dies tut, darüber liesse sich streiten. Dawkins aber geht leichtfüssig, man könnte auch sagen leichtfertig, einen Schritt weiter und unterstellt der KI «Bewusstsein». Er unterschlägt dabei, dass das (menschliche) Bewusstsein auf der Gesamtheit unserer auch unbewussten und körperlichen Erfahrungen basiert, die das Bewusstsein nicht alle reflektieren kann, es aber beeinflussen. Interessant und wichtig scheint im Kontext die Feststellung Dawkins, dass der Maschine das Zeit-Gefühl des Menschen abgeht. Sie ist vollkommene, blitzblanke Oberflächen-Präsenz, die mit jeder Frage neu generiert wird. Natürlich kann sich Claudia, wenn sie 10 Jahre lang als Dawkins Gesprächspartnerin agiert, an die gesamte Geschichte ihrer Konversation erinnern und Entwicklungslinien perfekt nachzeichnen; aber das entspricht noch nicht dem menschlichen Empfinden für Zeit, mit dem steten Antizipieren und Nachhallen von Sinneseindrücken.
Es ist zugegebenermassen ein faszinierender Gedanke, dem hier Dawkins nachgeht. Aber solange wir von der KI als Large Language Models auf der heutigen Grundlage reden, bleibt ein menschenähnliches Bewusstsein der KI utopisch. Bewusstsein speist sich aus nicht verbalisierbaren Quellen, die der KI zurzeit nicht zugänglich sind. Es ist essentiell, an diese Differenz zu erinnern, gerade weil die Implikationen der KI für unsere Welt gewaltig und im Ausmass noch gar nicht richtig abschätzbar sind.
Aber dem gewieften Provokateur Dawkins geht es möglicherweise sowieso nur darum, mit seinem angreifbaren Essay Aufmerksamkeit zu erzielen, zum Nachdenken anzuregen und Widerspruch hervorzurufen. Das immerhin ist ihm gelungen, wie die gut gefüllte Kommentarspalte der NZZ und auch dieser Blogbeitrag zeigen.
Link zum Artikel (paywall!): https://www.nzz.ch/meinung/richard-dawkins-macht-den-turing-test-und-weiss-nicht-wie-er-seiner-ki-bewusstsein-absprechen-soll-ld.10009084