Buch im Fokus #73

12.09.2026
Der Iran und das repressive Mullah-Regime beschäftigen die Weltöffentlichkeit seit vielen Jahren. Der Roman „Im Herzen der Katze“ eröffnet tiefe und aufwühlende Einblicke in das tägliche Leben im Iran, und insbesondere in den Kampf der Frauen um Selbstbestimmung. Die Autorin Jina Khayyer ist im Westen aufgewachsen, aber iranischer Herkunft. Sie weiss diese Doppelperspektive in einen mitreissenden Roman umzumünzen, wir entdecken gewissermassen mit der Heldin des Romans zusammen die Geschichte und Kultur Persiens und tauchen ein in die dramatischen Ereignisse der letzten Jahre. Mehr dazu jetzt in „Buch im Fokus“. Weitere neue Besprechung:
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Im Herzen der Katze

Autor/in: Jina Khayyer
Verlag: Suhrkamp
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2025
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-518-43248-8
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 254
Sprache: Deutsch
Besprechung Berthold H.

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Besprechung

„Im Herzen der Katze“ geht unter die Haut. Es handelt sich um einen Roman, allerdings einen, von dem man weiß, dass er über weite Strecken dokumentarische Züge aufweist. Es geht um den Iran, das seit bald 50 Jahren herrschende Mullah-Regime und darum, was dies vor allem für Frauen bedeutet.

Der Roman ist in der ersten Person geschrieben und er weist eine Reihe von autobiographischen Merkmalen auf – die Protagonistin Jina hat denselben Vornamen wie die Autorin, ist im gleichen Alter, als Iranerin in Deutschland geboren und aufgewachsen und wohnhaft in Frankreich. Sie ist eine Frau des Wortes und der Sprache. Und sie beobachtet die Vorgänge im Iran genau.

Die Schwester von Jina lebt mit Mann und Tochter in Teheran. Sie kommunizieren regelmäßig über Facetime. Der Roman setzt ein mit den Protesten im Iran, die im Herbst 2022 anlässlich des gewaltsamen Todes der jungen kurdischen Iranerin Jina Mahsi Amini aufflammen. Jina, die in ihrer Wohnung in der Provence sitzt, verfolgt die Nachrichten in den sozialen Medien. Aus Sorge um ihre Verwandten versucht sie sogleich Kontakt zu ihrer Schwester Roya und der aktivistisch eingestellten Nichte Nika aufzunehmen, was ihr auch gelingt. Was sie von ihnen hört, beunruhigt sie. Die Situation scheint unübersichtlich, es haben sich spontan große Menschenmengen gebildet, und man hört immer wieder die Losung „Zan, Zendegi, Azadi“ – „Frau, Leben, Freiheit“.

In langen Rückblenden erfährt man von Jinas Erfahrungen mit dem Iran. Sie hat im Jahre 2000, im Alter von 25 Jahren, zum ersten Mal ihre Verwandten dort besucht. Sie ist überwältigt von der überbordenden Gastfreundschaft der Menschen, von den aufwändigen Speisen, der Rosenpracht im Garten ihres Schwagers, und sie fühlt sich konfrontiert mit Fragen über Heimat, Identität, Zugehörigkeit wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie unternimmt mit ihrer Schwester eine Reise durch geschichtsträchtige Kulturstätten und die Wüste, und sie taucht ein in die lang zurückreichende vielfältige persischen Kultur mit ihren Geschichten, Legenden und den Werken großer Dichter und Mystiker wie Hafis und Saadi.

Allgegenwärtig sind die repressiven Übergriffe vor allem gegenüber Frauen, die in den Phasen gesellschaftlicher Unruhen wie etwa 2009 oder 2022 in besonders krasser Weise hervorstechen. Hier nimmt die Autorin kein Blatt vor dem Mund, benennt Ross und Reiter und beschreibt historisch dokumentierte Vorfälle schonungslos. Von der ersten Zeile an macht die Autorin keinen Hehl daraus, wo sie und ihr Umfeld mit Blick auf das Regime stehen: Sie stehen für Freiheit und Selbstbestimmung für alle, selbstverständlich auch die Frauen, sie sind gegen jede Form von Verschleierung und für sie ist der Glaube heilig, allerdings Privatsache. Die Vertreter des Regimes werden namentlich genannt und ohne jede Zurückhaltung abgeurteilt.

Man muss konstatieren, dass die Autorin ungemein mutig ist, zumal man den Roman auch als Appell an die westliche Welt lesen kann, nicht zu schweigen und die Dinge nicht einfach geschehen zu lassen, sondern ihren Beitrag dazu zu leisten, den Menschen und vor allem den Frauen im Iran eine Perspektive zu ermöglichen.

Spätestens seit Salman Rushdie wissen wir, wie es missliebigen Personen ergehen kann, und es scheint, dass sich Jina Khayyer in eine ähnliche Gefahrenzone begibt.

Ihr Roman ist allerdings viel mehr als ein Appell, er ist gut geschrieben, wirkt überaus authentisch, und er ist gefühlvoll, poetisch und sogar humorvoll. Der Leserschaft werden zahlreiche persische Wendungen nahegebracht (jeweils in Farsi und in der Übersetzung), und überhaupt erfährt man einiges über Leben und Kultur im Iran.

Mit literarischen und poetischen Qualitäten gelingt es „Im Herzen der Katze“, eine komplexe und an Widersprüchen reiche Welt der Ereignisse, Gedanken und Empfindungen auf subtile Weise einzufangen.

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Zitat & Kommentar #32

22.08.2026
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Robert Macfarlane, Jackie Morris : Das Buch der Vögel

Das Buch der Vögel_p. 296/7

Im späten Tageslicht schrillt und kreischt und wirbelt und kreist und schlingt sich der Schwarm über gefrorenem Schilfrohr. Jetzt ist er eine zorbende, formwandelnde, rollende, mythenschaffende Gestalt und Kraft; jetzt ist er flüssig und kolloid und quallensolide; jetzt ist er Rorschachbild, Chimäre, Metapher, Fata Morgana, ein Gott auf dem Berge; jetzt ist er eine Trauminsel, er ist Hy Brasil; er ist tastend, pulsierend, ein Schwarmwissen, ein Bienenstock, sehr ähnlich einem Wal, einem Löwen, einem Fohlen, einer Galeere; jetzt ist er Nebel, ist Wachs, das ins Wasser tropft, und dann – oh! – plötzlich – oh! – senst Sperber mitten durch all das hindurch (…), doch der Schwarm ist zu schnell, zu schlau, zu weich, und wie der Umhang des Matadors dem stossenden Stierhorn elegant entkommt, so faltet die Schar und formiert sich neu um den Sperber herum, unangetastet von Schnabelspiess oder Krallenschnitt, und der Klang – oh der Klang! – wenn der Schwarm eindreht und wendet, ist das Surren einer Abfahrtstafel am Bahnhof, die ihre Änderungen ausruft, ist zigfaches Kameraverschlussklacken, und der Schwarm ruckelt und trudelt und stromert und strömt weiter, bis schliesslich, wenn die Schatten länger werden, irgendwie, irgendwie die Entscheidung fällt, sich niederzulassen, und – huuuusch! – ist die Formation vom Himmel verschwunden, als hätte die Erde sie selbst in einem jähen, immensen Inhalieren verschluckt (…) – und die Abendluft ist schockierend still, ohrenbetäubend ruhig.

Kommentar

Macfarlane unternimmt hier den Versuch, einen hunderttausendköpfigen Starenschwarm zu beschreiben.

Ist das etwas übertrieben? Was bitte schön ist eine „zorbende Gestalt“?

 

Das Phänomen ist nun einmal enorm schwierig in Worte zu fassen. Tatsächlich scheint dem Schwarm eine eigentümliche Gestaltungskraft inne zu wohnen, die sich rauschhaft in immer neuen Mustern manifestiert, und die uns Zuschauer erst so richtig die Dreidimensionalität des Raums erfahren lässt. Macfarlane ermöglicht uns mit seiner enthusiastischen Schilderung an dieser Erfahrung teilzuhaben.  Im „Buch der Vögel“ beschreiben und bebildern Macfarlane und Morris sieben Wunder der Vogelwelt, vom Nest zum Ei über den Flug zum Zug. Eigentlich verdient der Schwarm, als achtes Wunder bezeichnet zu werden.

 

Der dänische Fotograf Soren Solkaer hat sich auf die Staren spezialisiert und atemberaubende Formationen fotografiert, die er auch in empfehlenswerten Bildbänden publiziert, s. Beispielfotos hier: https://www.sorensolkaer.com/photographs/blacksun/1545

Das Spektakel lässt sich ab Mitte September in allerdings sehr kleinem, quasi helvetischem Rahmen auch in der Region Basel beobachten. Mindestens in den vergangenen Jahren befand sich ein Schlafplatz für ein paar Hundert Staren am südlichen Ende des Zollis. Wer bei einem Abendspaziergang auf dem Margarethenhügel eine knappe Stunde vor Sonnenuntergang den Himmel im Auge behält, kann mit etwas Glück den Staren bei ihrem Abendritual zusehen.

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