Besprechung für Im Herzen der Katze
„Im Herzen der Katze“ geht unter die Haut. Es handelt sich um einen Roman, allerdings einen, von dem man weiss, dass er über weite Strecken dokumentarische Züge aufweist. Es geht um den Iran, das seit bald 50 Jahren herrschende Mullah-Regime und darum, was dies vor allem für Frauen bedeutet.
Der Roman ist in der ersten Person geschrieben und er weist eine Reihe von autobiographischen Merkmalen auf – die Protagonistin Jina hat denselben Vornamen wie die Autorin, ist im gleichen Alter, als Iranerin in Deutschland geboren und aufgewachsen und wohnhaft in Frankreich. Sie ist eine Frau des Wortes. Und sie beobachtet die Vorgänge im Iran genau. Und die haben es in sich.
Die Schwester von Jina lebt mit Mann und Tochter in Teheran. Sie kommunizieren regelmässig über Facetime. Der Roman setzt ein mit den Protesten im Iran, die im Herbst 2022 anlässlich des mutmasslich gewaltsamen Todes der jungen kurdischen Iranerin Jina Mahsi Amini aufflammen. Jina, die in ihrer Wohnung in der Provence sitzt, verfolgt die Nachrichten in den sozialen Medien. Aus Sorge um ihre Verwandten versucht sie sogleich Kontakt zu ihrer Schwester Roya und der aktivistisch eingestellten Nichte Nika aufzunehmen, was ihr auch gelingt. Was sie von ihnen hört, beunruhigt sie. Die Situation scheint unübersichtlich, es haben sich spontan grosse Menschenmengen gebildet, und man hört immer wieder die Losung „Zan, Zendegi, Azadi“ – „Frau, Leben, Freiheit“.
In langen Rückblenden erfährt man von Jinas Erfahrungen mit dem Iran. Sie hat im Jahre 2000, im Alter von 25 Jahren, zum ersten Mal ihre Verwandten dort besucht. Sie ist überwältigt von der überbordenden Gastfreundschaft der Menschen, von den aufwändigen Speisen, der Rosenpracht im Garten ihres Schwagers, und sie fühlt sich konfrontiert mit Fragen über Heimat, Identität, Zugehörigkeit wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie unternimmt mit ihrer Schwester eine Reise durch geschichtsträchtige Kulturstätten und die Wüste, und sie erlebt hautnah die lange zurückreichende vielfältige persische Kultur mit ihren Geschichten, Legenden und den Werken grosser Dichter und Mystiker wie Hafis und Saadi.
Allgegenwärtig sind die repressiven Übergriffe vor allem gegenüber Frauen, die in den Phasen gesellschaftlicher Unruhen wie etwa 2009 oder 2022 in besonders krasser Weise hervorstechen. Hier nimmt die Autorin kein Blatt vor dem Mund, benennt Ross und Reiter und beschreibt historisch dokumentierte Vorfälle schonungslos. Von der ersten Zeile an macht die Autorin keinen Hehl daraus, wo sie und ihr Umfeld mit Blick auf das Regime stehen: Sie stehen für Freiheit und Selbstbestimmung für alle, selbstverständlich auch die Frauen, sie sind gegen jede Form von Verschleierung und für sie ist der Glaube heilig, allerdings Privatsache. Die Vertreter des Regimes werden namentlich genannt und ohne jede Zurückhaltung abgeurteilt.
Der Roman ist eindrücklich. Er ist gut geschrieben, wirkt überaus authentisch, und er ist gefühlvoll, poetisch und sogar humorvoll. Der Leserschaft werden zahlreiche persische Wendungen nahegebracht (jeweils in Farsi und in der Übersetzung), und überhaupt erfährt man einiges über Leben und Kultur im Iran. Und man muss konstatieren, dass der Roman ungemein mutig ist, zumal man ihn auch als Appell an die westliche Welt lesen kann, nicht zu schweigen und die Dinge nicht einfach geschehen zu lassen, sondern ihren Beitrag dazu zu leisten, den Menschen und vor allem den Frauen im Iran eine Perspektive zu ermöglichen.
Spätestens seit Salman Rushdie wissen wir, wie es missliebigen Personen ergehen kann, und es scheint, dass sich Jina Khayyer in eine ähnliche Gefahrenzone begibt.
Der Roman von ihr ist allerdings viel mehr als ein Appell – mit seinen literarischen und poetischen Qualitäten gelingt es ihm, eine komplexe und an Widersprüchen reiche Welt der Ereignisse, Gedanken und Empfindungen auf subtile Weise einzufangen.