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Besprechung für Für Polina

Berthold H. Keine Kommentare Kommentar hinzufügen
Besprechung:

In „Für Polina“ ist vieles unkonventionell. Die 18-jährige Fritzi, klug, selbständig und eine gute Schülerin mit vielversprechenden Aussichten, wird durch eine flüchtige Urlaubsbekanntschaft ungeplant schwanger. Gegen den Rat des Arztes und ungeachtet der emotionalen Kälte und ausbleibenden Unterstützung ihrer Eltern bringt sie das Kind zur Welt. Sie schlägt sich mit einfachen Jobs durch, zieht mit ihrem Sohn Hannes in eine heruntergekommene, abgelegene Villa in einer Moorlandschaft nahe Hannover und lebt dort in einer Art WG mit dem dreimal so alten kauzigen, aus Österreich stammenden grantelnden Aussteiger Heinrich, der ihr das Zimmer eigentlich gar nicht vermieten will, sich dann aber doch irgendwie überrumpeln lässt.

Hannes ist ein ruhiges, bedächtiges, ein wenig wunderliches Kind, er spricht wenig und lernt langsam, ist aber pflegeleicht. Und er stellt sich nach und nach als sehr musikalisch heraus. Seine ersten Töne spielt er auf dem uralten, imposanten, lang nicht genutzten, verstimmten Flügel in der Villa. Hannes findet schwer Anschluss, mit Ausnahme der quirligen Polina: Beide sind sie im selben Spital nahezu gleichzeitig zur Welt gekommen, die beiden Mütter sind Freundinnen geworden. Mutter und Tochter kommen fast täglich zu Besuch in die Villa, wo Hannes und Polina fast wie Geschwister aufwachsen und ein besonderes Verhältnis zueinander entwickeln. Für Polina komponiert Hannes im Jugendalter ein eigenes Thema, das über viele Jahre und für den ganzen Roman ein wiederkehrendes musikalisches Motiv sein wird.

Es kommt zu mehreren Brüchen. Hannes zieht nach Hamburg, hört auf Klavier zu spielen, verliert Polina aus den Augen und beginnt als Klavierträger zu arbeiten. Der Chef der Firma ist selbst versiert in der Klaviermusik und spielt regelmässig in einer Band, den grossen musikalischen Durchbruch hat er allerdings verpasst, was er nie so richtig verwinden konnte. Er weiss eigentlich, dass der kleine, schmächtige Hannes denkbar ungeeignet ist für diesen Knochenjob, aber irgendetwas scheint er in ihm zu sehen. Hannes merkt auch, dass diese Arbeit eigentlich nichts für ihn ist, aber er arrangiert sich, findet einen guten Freund in der Firma, der, wie Polina, ganz anders ist als er selbst. Hannes ist bewusst, dass er nicht sein Leben lebt, er ist traurig und niedergeschlagen, er sehnt sich nach Polina, aber er hadert nicht und lebt einfach weiter. Eines Tages verliebt sich unerwartet die adrette und erfolgreiche Leonie in ihn – Hannes kann es kaum fassen. Er greift für sie sogar wieder in die Tasten, sein Leben scheint eine unerwartete Wendung zu nehmen.

Aber Polina bleibt in seinen Gedanken präsent, und sie ist nicht aus der Welt. Sie kommen wieder in Kontakt, sie sehen sich sporadisch, die Wege trennen sich aber auch immer wieder. Die Dinge spitzen sich zu, in Hannes verfestigt sich der Gedanke, dass er etwas tun muss. Und er tut etwas – etwas Harmloses, aber Unkonventionelles. Dann allerdings entwickeln sich die Dinge in einer Art und Weise, wie sie Hannes niemals in den Sinn gekommen wären. Alles kommt ins Rollen, im Leben von Hannes bleibt kein Stein auf dem anderen, und natürlich gibt es ein Wiedersehen mit Polina – aber am Ende doch wieder anders als man denkt.

Der Roman ist wunderbar erzählt. Er bedient sich einer einfachen, lakonischen Sprache und ist voller Witz. Er gerät mehrfach in die Nähe des Kitsches, kriegt aber immer rechtzeitig die Kurve. Seine Figuren sind originell und sie sind samt ihren Abgründen liebevoll und überaus gekonnt gezeichnet. Mit seiner ruhigen, unprätentiösen Art strahlt der Roman etwas Versöhnliches aus, das Brüche und Schicksalsschläge in einem weicheren Licht erscheinen lässt. Die Geschichte hat etwas von einem im realen Leben verorteten Märchen. Einem sehr schönen Märchen, das grosses Lesevergnügen bereit.

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