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Besprechung für Unter Freunden

Berthold H. Keine Kommentare Kommentar hinzufügen
Besprechung:

Amos und Emerson sind seit dem College eng befreundet. Zusammen mit ihren Frauen Claire und Retsy und den gleichaltrigen Töchtern Anna und Sophie sehen sie sich regelmässig. Der Roman setzt ein mit der Fahrt von Amos, Claire und Anna zur befreundeten Familie, die sie in deren Haus auf dem Land unweit von New York besuchen, um gemeinsam den 52. Geburtstag von Emerson zu begehen. Schon während der Autofahrt bekommt die Leserschaft einen Vorgeschmack, worum es in diesem Roman geht: um Beziehungen und Eitelkeiten, Reflexionen und Perspektiven, wobei den Innenwelten der Romanfiguren eine zentrale Rolle zukommt.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Das gemeinsame Wochenende und die Zeit danach. Das Wochenende beginnt unspektakulär: Freunde treffen sich wieder, begrüssen sich, tauschen Höflichkeiten aus, führen unverfängliche Gespräche, nehmen einen Drink zu sich. Diese Dinge passieren aber nicht einfach. Bei jedem noch so unbedeutend anmutenden Detail – und es wird in diesem Roman überaus fein beobachtet – schaltet sich eine weitere Ebene ein: die der Reflexion. Hier wird das faktische Geschehen jeweils durch die Perspektive einer der Romanfiguren und durch zahlreiche Vorgeschichten, die über Rückblenden aus den Erinnerungen gleichsam hervorgekramt werden, von der individuellen Sicht eingefärbt und psychologisch hochgradig aufgeladen.

Die Sphäre der Innenwelt, die immer dominanter wird, lässt erwarten, dass eine Dramaturgie am Werk ist, die unweigerlich auf etwas zuläuft. Und so kommt es zu einer Szene, die die Erzählstimme detailliert und nüchtern schildert: In einem unbeobachteten Moment vergreift sich Emerson an Anna, der Tochter seines Freundes Amos, indem er seine Hand in ihre Hose steckt. Dieser Moment ist schnell wieder vorbei, aber er bestimmt das gesamte folgende Geschehen.

Im zweiten Teil begleitet die Leserschaft zunächst Anna, die durch die Strassen New Yorks zieht und das Klauen zu einem regelmässigen Ritual macht. Nicht, um sich zu bereichern, eher, um sich zu spüren. Eines Tages wird sie erwischt, sie wird gezwungen, ihren Vater zu verständigen. Er kommt, und sie erzählt ihm alles. Wie kann es jetzt weitergehen? Ist es denkbar, dass der engste Freund, den man je hatte, sich eines Übergriffs an der eigenen Tochter schuldig gemacht hat? Es entspinnt sich eine weitere Dynamik, in deren Zentrum – neben Anna – Amos und Claire stehen und die jeweils ihre eigene Sicht darauf haben, wie man in dieser delikaten Situation verfahren sollte. Claire kennt Emerson noch länger als Amos, sie ist im selben Quartier wie er aufgewachsen und stammt ebenfalls aus wohlhabenden Verhältnissen, wohingegen Amos in Armut gross geworden ist und Traumata aus seiner Kindheit und Jugend mit sich herumschleppt. Emerson, dem viel an seiner Freundschaft mit Amos liegt, weiss das, und er, der gewiefte Anwalt, hat auch eine Idee, wie er sich das zunutze machen kann.

Abgesehen vom Übergriff bewegt sich der Roman überwiegend im Rahmen des Alltäglichen, gelegentlich gar Belanglosen. Durch die Sphäre des Psychischen erscheinen alle diese kleinen Dinge aber immer wieder in einem besonderen Licht und bekommen eine Bedeutung, die ihnen erst durch Kontext und Perspektive verliehen wird. Der Autor versteht es hervorragend, sich in dieser Welt zu bewegen, dem Menschen in seinem Ringen um Selbstbehauptung, Verständnis, Anerkennung und Erfolg nachzuspüren und die Komplexität von innenweltlichen Verstrickungen auszuloten.

Auch wenn es gelegentlich herausfordernd ist, den Volten der psychischen Maschinerie in ihren verschlungenen Verästelungen zu folgen, und man an der einen oder anderen Stelle auch ein Überpsychologisieren vermuten mag, ist die Lektüre in jedem Fall lohnend.

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