Besprechung für The word for world is forest
Die Erde kolonisiert Planeten im Universum. Einer von ihnen ist das 27 Lichtjahre entfernte New Tahiti. Er ist reich an Wäldern, und Holz ist auf der Erde ein begehrtes Gut, weswegen es systematisch abgeschlagen und mit Raumschiffen zur Erde gebracht wird.
New Tahiti ist erdähnlich: Es gibt grosse Inseln, Atmosphäre und Klima sind vergleichbar, die Sonne geht auch dort im Osten auf, und die Tages- und Jahreszyklen sind wenig verschieden. Neben bekannten Pflanzen und Tieren gibt es dort mit den Athscheanern eine hochentwickelte Lebensform: Es sind Wesen, die auf zwei Beinen laufen, etwa ein Meter gross sind, auf ihrem gesamten Körper von einem grünlichen Fell bedeckt sind und neben einer feinteiligen Gestik über eine verbale Sprache verfügen. Sie leben in Siedlungen inmitten der Wälder und haben Behausungen, die zu zwei Dritteln unter der Erde und für ungeübte menschliche Augen kaum auszumachen sind. Sie weisen eine hochdifferenzierte Kultur mit religiös-spirituellen Elementen auf. So gibt es in jeder Siedlung die Headwomen, die die politisch-operativen Geschicke leiten, und Chefträumer, die das Tagträumen besonders gut beherrschen und daraus zukünftige Entwicklungen und strategische Handlungsempfehlungen ableiten. Unter den Athscheanern geht es friedlich zu, gegenseitiges Töten ist ihnen fremd.
Die Menschen, die sich auf New Tahiti breitgemacht haben, wissen wenig von den Athscheanern. Sie betrachten sie als unterlegene Lebensform, die sie für ihre Zwecke einsetzen und in einfachen Behausungen zusammenpferchen. Sie haben nur ein Ziel: Die Rohstoffvorkommen so gründlich wie möglich auszubeuten. Für New Tahiti heisst dies grossflächiges Roden von Wäldern. Einer der führenden Figuren ist Captain Davidson: ein Amerikaner, der ein sehr straffes Regime führt, mit Menschen und Athscheanern, die er verächtlich „creechies“ nennt, umspringt, als wären es Schachfiguren, und für den die Überlegenheit des Menschen (und unter diesen seine eigene) ausser Frage steht. Ein Narzisst, wie er im Lehrbuch steht.
Davidson macht sich die Athscheaner nicht nur dienstlich zunutze. Er vergewaltigt Thele, die daraufhin stirbt, was er nicht weiter beachtet – schliesslich nehmen wir auch kaum zur Kenntnis, wenn ein Tier stirbt. Und dennoch hat dies Konsequenzen.
Wenig später wird das von Davidson geleitete Holzfäller-Camp dem Erdboden gleich gemacht und Dutzende Menschen massakriert. Davidson, der zum Zeitpunkt des Überfalls in der Hauptstadt weilte, findet bei seiner Rückkehr ein brennendes Desaster vor. Dabei begegnet er drei Athscheanern, darunter Selver, dem Ehemann von Thele. Beim Versuch, diesen zu töten, gerät er plötzlich in die Defensive und wird zu Boden gedrückt – zum ersten Mal in seinem Leben muss er zu diesen Wesen hinaufblicken. Er nimmt dabei eine Haltung ein, die es den Athscheanern unmöglich macht, ihn zu töten – stattdessen vernimmt Davidson einen eigentümlichen Gesang von Selver. Letztlich lässt man ihn laufen, er flieht zurück in die Hauptstadt.
Dort muss Davidson vor der kolonialen Hauptverwaltung rapportieren – anwesend sind auch hochgestellte Gäste, die auf der Durchreise zu einer anderen Kolonie einen Zwischenstopp eingelegt haben und unter denen auch entwickelte Hominiden von anderen Planeten sind. Mit von der Partie ist Dr. Lyubov, einer der Wissenschaftler vor Ort, der die Athscheaner studiert und ein enges Verhältnis zu Selver aufgebaut hat. Sie haben sich sogar gegenseitig ihre Sprachen beigebracht. Dr. Lyubov ist wohl der einzige Mensch, der mittlerweile einen vagen Begriff von der Spezies der Athscheaner hat, allerdings wird er von den anderen Kolonialisten belächelt. Mit Davidson verbindet ihn abgrundtiefe Verachtung.
Ungeachtet der klaren Deeskalationsempfehlung der Besucher wollen einige der Kolonialisten nicht klein beigeben. Wenig überraschend steht Davidson an vorderster Front. Da er niemandem traut, kocht er sein eigenes Süppchen, was schliesslich zu einer weiteren dramatischen Eskalation führt.
Die Erzählung von De Guin ist Utopie und Dystopie zugleich. Der utopische Teil gründet auf den Athscheanern, die sich durch eine friedvolle Kultur und ein harmonisches Zusammenleben mit der Natur auszeichnen, und die vor allem eines beherzigen: Masshalten. Demgegenüber steht der Mensch, der die Kapazitäten seines Heimplaneten überdehnt hat und keine Skrupel kennt, andere Quellen im Universum rücksichtslos auszubeuten. Bezüge zu realen Tatbeständen auf der Erde sind vorhanden – etwa zum Kalten Krieg (das Buch wurde Mitte der 70er Jahre geschrieben), dem Vietnamkrieg und anderen imperialistischen Abenteuern. Es dürfte kein Zufall sein, dass der Name der Figur Dr. Lyubov das russische Wort für Liebe ist.
Die Erzählung ist plakativ, vieles ist unrealistisch und überzogen. Allein, dies ist völlig unerheblich. Der Roman ist wunderbar erzählt, bedient sich einer schönen, literarischen Sprache und ist trotz allem psychologisch feinfühlig. Bei der knallharten Botschaft, die die Autorin für uns parat hat, ist dies durchaus eine Meisterleistung.