Besprechung für Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Der Roman endet wie er anfängt: Bei einem Humanversuch soll ermittelt werden, wie ein Wirkstoff die Stimmung von Probanden beeinflusst. In der Anfangsszene wird die Leserschaft unvermittelt mit der Erklärung einer die Probanden anleitenden Person konfrontiert. Bei der letzten Szene ist mehr bekannt: Es ist die Protagonistin Lada Molot, eine junge Frau Mitte dreissig mit russischem Migrationshintergrund, die an der Studie teilnimmt, da sie knapp bei Kasse ist und am Honorar interessiert ist und ihr ausserdem ein paar ruhige Tage am Durchführungsort der Studie in der Nähe vom Berliner Wannsee ganz recht sind – das Ende des Romans ist dabei nicht weniger unvermittelt als die Einstiegsszene.
In den 630 dazwischen liegenden Seiten wird vornehmlich von Lada und ihrem um 13 Jahre älteren Bruder Konstantin erzählt, es gibt aber auch wiederkehrende Nebengeschichten, etwa von einer fundamentalistischen christlichen Sekte in Westsibirien, offiziellen Agenturmeldungen über die Vorgänge in der russischen Politik, einem in La Paz ansässigen forensischen Experten im Ruhestand, der des Öfteren vom Vatikan beauftragt wurde, die Echtheit von religiösen Wundern zu überprüfen – durchaus packend aus der Ersten-Person-Perspektive erzählt -, oder auch von einer Folge der deutschen Fernsehreihe „Bares für Rares“, in dem ein paar feine Hirnschnitte von Lenin feilgeboten werden.
Es bleibt lange im Dunkeln, was das verbindende Element dieser Episoden ist. Nach und nach häufen sich Indizien, dass eine weitere Figur von Bedeutung ist: Sie heisst Boris, und bei ihr handelt es sich um einen russischen Oligarchen, über den man überwiegend in den jeweiligen Episoden über Lada und Konstantin erfährt. Er ist der Patenonkel von Konstantin, tritt aber maximal im Rahmen von Zoom-Gesprächen auf oder wird von seiner Assistentin vertreten. Er ist an zahlreichen Firmen beteiligt, von denen sich viele auf Verjüngungsforschung oder die Verlängerung von menschlichem Leben spezialisiert haben. Diese Firmen werden an einer Stelle im Roman über mehrere Seiten einzeln mit mehr oder weniger ausführlichen Tätigkeitsberichten aufgeführt – es war sicher eine gute Idee der Autorin, sich hier auf solche mit dem Anfangsbuchstaben „A“ zu beschränken. Für Lada und Konstantin macht Boris sich vor allem dadurch bemerkbar, dass er sie gelegentlich um einen Gefallen bittet. So sollte Lada nach Kyiv reisen – wo sie nebenbei die Verwandtschaft mütterlicherseits besuchen konnte -, um dort ein Päckchen entgegenzunehmen und es nach Berlin zu bringen. Konstantin ist seinerseits am Institut für Strukturelle Biologie in Moskau tätig, wo Boris ihn irgendwie hineingeschleust hat – dort beschäftigt man sich auf acht unterhalb der Erdoberfläche gelegenen Stockwerken vornehmlich mit der Konservierung von Lenins Leichnam – und aus dem er ebenfalls den einen oder anderen Gegenstand beschaffen sollte.
Die Ereignisse, von denen erzählt wird, sind zunehmend skurril und haben etwas Dystopisches. In Russland, das sich im Krieg mit der Ukraine befindet – Jahreszahlen der Gegenwart werden nicht genannt, Monat und Tag allerdings schon – , setzen sich zunehmend autoritäre Tendenzen durch bis hin zu einer Wiedereinführung des Zarenreiches, die sibirische Sekte scheint einen schwerwiegenden Anschlag zu planen, und Lada lebt auf Gedeih und Verderb in einer Hochhauswohnung in Berlin, um die herum mehr oder weniger alles im Verfall begriffen ist, da sie sich eine andere Bleibe nicht leisten kann. Als Lesender ist man gut beraten, nicht mit einer durchkomponierten Geschichte zu rechnen, sondern eher von einer Aneinanderreihung von zahllosen, mal längeren, mal kürzeren Episoden, die lediglich durch drei Pluszeichen voneinander getrennt sind. Natürlich schält sich so etwas wie in Plot heraus, er wird aber nicht stringent ausgearbeitet und von Anfang bis Ende durcherzählt.
Gelegentlich verliert sich der Text in endlosen Details, etwa wenn Konstantin dabei ist, einen Papierstau bei einem Laserdrucker zu beseitigen, was die Leserschaft über mehrere engbedruckte Seiten begleiten darf. Immerhin erfährt man so einiges über die verschiedenen Komponenten eines Druckers, eine weitergehende Bewandtnis ist allerdings kaum auszumachen. Mitunter mag man vermuten, dass sich die Autorin einfach hat treiben lassen und sich in die eine oder andere Begebenheit hineinvertieft hat, was allerdings oftmals den Eindruck der Beliebigkeit aufkommen lässt.
Der Roman ist passagenweise durchaus gut erzählt, allerdings hat die Sprache, insbesondere wenn es um Lada und Konstantin geht, immer wieder etwas Jugendlich-Flapsiges, was sich mit der Zeit abnutzt. Originell wirkt zunächst, dass der Text an vielen Stellen durch Grafiken unterbrochen wird, die mutmasslich illustrativen Charakter haben sollen, manchmal allerdings allzu banal anmuten und an anderen Stellen einfach nur unverständlich sind.
Am Ende bleibt die Frage, nach welchen Kriterien es dieser Roman auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.