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Besprechung für Ausradiert

Berthold H. Keine Kommentare Kommentar hinzufügen
Besprechung:

„Ausradiert“ ist ein wunderbar gelungener Streifzug durch verschiedene Genres. Der Schriftsteller und Ich-Erzähler Theolonious „Monk“ Ellison beginnt mit der Aussage, er habe nicht viel übrig für Romane mit Schriftstellern als Protagonisten. Diese Eröffnung ist symptomatisch für die Zerrissenheit, die die schreibende Hauptfigur durch den gesamten Roman hindurch begleitet.

Monk ist Schriftsteller aus Leidenschaft. Schon als Kind wurde schnell klar, dass er aus der Mediziner-Phalanx seiner Familie ausscheren (Großvater, Vater, Bruder und Schwester hatten sich jeweils dem Arztberuf verschrieben) und ein Mann des Wortes sein würde.

Als er als Jugendlicher beim Basketballspielen einmal einen völlig misslungenen Wurf gespielt hatte, fragten ihn seine Mitspieler mit rollenden Augen, was los sei. „Ich habe gerade über Hegels Geschichtskritik nachgedacht“, lautete seine Antwort, die vor allem eine Reaktion zeitigte: Kopfschütteln und Verständnislosigkeit.

Ähnlich geht es dem erwachsenen Monk mit seinen Romanen und Essays, vorzugsweise über griechische Mythologie. Sie kommen überaus elaboriert daher und zeugen von hoher Bildung, sind allerdings auch kaum lesbar und somit bestimmt keinem breiten Publikum zugänglich. Über einige verstörende Seiten hinweg gibt er der Leserschaft eine Kostprobe, wie er denkt und schreibt. Als er in einer Buchhandlung nach seinen Büchern sucht, findet er seine Bücher nicht da, wo man sie erwarten würde, erst in der Abteilung für afroamerikanische Kultur sieht er sie „völlig unberührt“.

Monk ist frustriert und gleichzeitig wütend, dass niveaulose Schundliteratur über das angeblich wahre Leben schwarzer Menschen die Bestsellerlisten stürmt. Er stürzt in eine immer tiefere Depression, die auch gespeist wird vom Zerfall seiner eigenen Familie, in der er mit seinen Talenten und mitunter verschroben wirkenden Art schon immer eine Sonderrolle eingenommen hat, wie er es sich und der Leserschaft mit zahlreichen Rückblenden in seine Kindheit und Jugend vor Augen führt. Auch, dass seine alte Mutter zunehmend Hilfe benötigt und er sich praktisch allein um sie kümmern muss, macht die Sache nicht leichter. In einer verzweifelten und verrückt anmutenden Aktion versucht Monk den Befreiungsschlag, indem er versuchsweise einen für ihn völlig untypischen „Ghettoroman“ schreibt. Dieser entwickelt eine erstaunliche Eigendynamik, über die Monk zunehmend die Kontrolle verliert und die ihn schließlich in eine prekäre Situation bringt.

Der Roman ist abwechslungsreich, originell, intelligent und gespickt mit zahlreichen, gelegentlich schwer zu entschlüsselnden Einschüben. Auch der Mittelwertsatz der Mathematik und die Insektenfamilie der Halipidae finden ihren Platz. Im Allgemeinen ist er aber sehr gut lesbar, der Stil ist gar von einer Leichtigkeit geprägt, was die Bruchstellen umso deutlicher hervortreten lässt. Brillant sind auch der Witz, die feine Ironie und der milde Spott, mit der der Autor einige Absonderlichkeiten in der amerikanischen Gesellschaft, zuvorderst den Umgang mit schwarzen Menschen oder etwa die militante Szene der Abtreibungsgegner, gekonnt aufs Korn nimmt.

In jedem Fall ist „Ausradiert“ eine Lektüre, die bleibenden Eindruck hinterlässt und das Leserherz ähnlich hoch schlagen lässt wie Everetts spätere Romane „James“ und „Die Bäume“.

 

 

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