Besprechung für Corpus Delicti
Wir befinden uns in der Zukunft, vermutlich irgendwo in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse haben sich verändert, alles wird systematisch der menschlichen Gesundheit untergeordnet. Das streng auf wissenschaftlichen Prinzipien beruhende technokratische Staatswesen wird DIE METHODE genannt. Die allgemeine Begrüßungsformel ist „Santé“.
Die Biologin Mia Holl, deren notorisch querulantischer älterer Bruder Moritz wegen Mordes an einer Dating-Bekanntschaft angeklagt wurde und sich in Haft das Leben genommen hat, fällt auf, weil sie ihren Ernährungs- und Schlafbericht nicht eingereicht hat und ihr sportliches Leistungsprofil einen abrupten Einbruch erkennen lässt. Sie wird zu einem Klärungsgespräch aufs Gericht vorgeladen. Die zuständige, junge und idealistische Richterin taxiert die Delinquentin als grundsätzlich umgänglich, einsichtsfähig und kooperationsbereit und strebt an, die Sache mit einer milden Strafe und wohlmeinenden Worten zu den Akten legen zu können.
Doch es kommt anders. Mia zeigt sich zwar nicht aufrührerisch, doch aber auch wenig gefügig und meint, ihre derzeitige Phase, die vor allem von der Trauer um ihren Bruder geprägt ist, am ehesten zu überwinden, wenn man sie in Ruhe ließe. Dies wiederum wird von den Vertretern des Systems als potenziell METHODEN-kritisch aufgefasst und zieht weitere Schritte nach sich.
Mia bekommt es mit dem landesbekannten, smart und formvollendet auftretenden Heinrich Kramer zu tun, der sich in den staatstreuen Medien als eloquenter Verfechter der METHODE hervortut. Er sucht sie mit dem Anliegen persönlich auf, sie mit der Macht des Arguments wieder auf die Spur zu bekommen. Dennoch bekommt es Mia nun mit einer richtigen Gerichtsverhandlung zu tun – sie wurde beim Rauchen in ihrer Wohnung erwischt -, allerdings weist ihr ansonsten eher tölpelhaft auftretender Pflichtverteidiger der METHODE Unstimmigkeiten in ihren Ermittlungen nach. Dies ist ein unverhoffter Erfolg für Mia und ihren Anwalt, der auch seinen Nachhall in der Öffentlichkeit findet. Allein die nach außen auf Unfehlbarkeit bedachte METHODE ruht nicht, sie sieht sich gezwungen, gröberes Besteck auszupacken.
Der Plot ist hochgradig konstruiert, allerdings auf so raffinierte und stimmige Art, dass man den Roman sehr gut als eine intelligente Satire auf gesellschaftliche Entwicklungen lesen kann. So besteht eine der vielen Ironien des Romans darin, wie die eigentlich unpolitische, in ihrer Denkweise dem System durchaus zugewandte Mia sich mehr und mehr auf die Weltsicht ihres nun toten Bruders besinnt, der immer offensiv Freiheit und Menschlichkeit gepredigt und Unzulänglichkeiten der herrschenden Ordnung angeprangert hat – und sie tut dies gar nicht so sehr aus eigenem, ursprünglichem Antrieb, sondern weil sie wird durch die repressiven Methoden des sich immer paranoider gebärdenden Systems erst dazu getrieben sieht. Somit schafft sich das System seine Probleme ohne Not selbst, und dadurch geraten die Dinge, die ursprünglich wenig Anlass zur Besorgnis gaben, immer weiter aus der Balance.
Wie es in den Romanen von Juli Zeh manchmal der Fall ist, sind ihre Figuren nicht um Worte verlegen. Und dies nicht in dem Sinne, dass sie besonders viel reden würden – sie drücken sich in ihrer sprachlichen Gewandtheit vielmehr gekonnt prägnant aus, parieren auf rhetorische Glanzleistungen ihrer Kontrahenten ihrerseits mit brillanten Formulierungen, so dass der Eindruck entsteht, dass die Dialoge nicht gerade aus dem Leben gegriffen sind. Dafür bereiten sie aber durch ihre Originalität großes Vergnügen.