Anarchie
Fügen Sie Ihre Bewertungen hinzu
Besprechung
ALLE BESPRECHUNGENAnmerkungen zu einzelnen Stellen
«Man geht gewiss nicht fehl, wenn man behauptet, dass die East India Company den Konzernlobbyismus erfunden hat.»
Skandal im Jahr 1693: die EIC hatte systematisch Parlamentsabgeordnete bestochen. Fast ein Viertel der MP besass Aktien der EIC.
Gründung der EIC als Aktiengesellschaft
1599 Gründung als Aktiengesellschaft; erst 40 Jahr zuvor war die erste AG weltweit überhaupt gegründet worden, mit einem ähnlichen Zweck wie jetzt die EIC, die Muscovy Company. Dalrymple nennt die AG eine «der brillantesten und revolutionärsten Innovationen» der Tudorzeit, die es Investoren erlaubte, sich an einer Firma zu beteiligen, ohne über das Investment hinaus aktiv zu werden.
Aus politischen Gründen verzögerte sich die Ausstellung eines königlichen Freibriefs bis im Dezember 1600, fiel aber dann überaus grosszügig ein: der EIC wurden «semisouveräne Privilegien» eingeräumt, die zudem von der EIC in der Folge sehr extensiv ausgelegt wurden, von der Aufstellung einer eigenen Armee bis zu eigenen Gesetzerlassen (und entsprechender Gerichtsbarkeit), Münzprägung und einer unabhängigen Aussenpolitik in den vage definierten «East Indies».
Staatliche Unterstützung, Auftritt Thomas Roe
Mit ihren Handelsschiffen allein vermochte die EIC wenig auszurichten in Indien; um sich Handelsprivilegien zu sichern, sandte der britische Königshof den Botschafter Thomas Roe nach Agra zum Grossmogul Jahangir, der aber mit seinen Bemühungen nur mässige Erfolge erzielte, vielleicht auch, weil die mitgebrachten Geschenke für den anspruchsvollen Mogul zu mickrig ausgefallen waren. Vgl. zu Roes Mission die Besprechung dieses Buches hier: Courting India : Lesart blog
«Während im Land der Anarchismus um sich griff (…)»
Gemeint wohl: die Anarchie (Übersetzung?). Die Agonie der Mogul-Herrschaft führt zu Fragmentierung des Reiches, Raubzüge, Unsicherheiten.
Jagat Seth – Banker der Welt
Sehr (einfluss)reiche Bankiers, vergleichbar mit den Rothschilds im Europa des 19. Jahrhunderts. Eine Jain-Familie, für die das muslimische Zins-Verbot nicht galt; die Jains hatten eine Reputation für zuverlässiges und ethisches Wirtschaften.
«Neben dem Export von Textilien, dem Handel mit Pfeffer und den Einkünften aus Grundbesitz war nun ein weiteres Standbein hinzugekommen, das profiabler war als alle anderen: topmodern ausgestattete Einheiten von Söldnern.»
Der Zerfall des Mogulreiches zeitigte eine Vielzahl von Kriegen, und die EIC und ihr französisches Pendant stellten den Kriegsparteien eine begehrte Ressource zur Verfügung: gut ausgebildete und ausgerüstete Soldaten, die in der Kampfführung einheimischen Truppen überlegen waren. Ein sehr profitables Geschäft für die Handelsgesellschaften, die so ihren Besitz und ihren Einfluss stetig vergrössern konnten.
Fall Kalkuttas
Ein Mogulen-Heer erobert Kalkutta von der EIC. Symptomatisch für die etwas unübersichtliche Darstellung Darymples: Zu Beginn des Kapitels ist vom «13. Juni» die Rede, der Leser muss sich selbst zusammenreimen, von welchen Jahr hier gehandelt wird: 1756.
«So etwas hatte es in der indischen Geschichte noch nie gegeben: Eine Gruppe indischer Finanziers machte gemeinsame Sache mit einem internationalen Handelskonzern, um mit Hilfe von dessen privaten Sicherheitskräften ein Regime zu stürzen, das sie als Bedrohung für ihre Einnahmen ansahen.»
Die EIC als entscheidende Partei einer Verschwörung gegen den allseits unbeliebten Nawab von Bengalen Sirid ud-Daula. Den Engländern winken enorme Belohnungen für diese Einmischung in die indische Innenpolitik; die Verschwörung war angezettelt und finanziert durch die Bankiersfamilie des Jagat Seth.
«In den folgenden zwei Jahren, 1761/62, schlug die Rivalität zwischen den beiden regierenden Parteien in offene Feindseligkeit um. Der Grund für die stete Verschlechterung der Beziehungen waren die gewalttätigen Methoden, mit denen die raffgierigen privaten Händler der Company ihre Privilegien zunehemnd missbrauchten, um die bengalische Wirtschaft zu unterwandern und Mir Qasims Herrschaft zu untergraben.»
Das Muster wiederholt sich. Keine übergeordnete Strategie der EIC (und schon gar nicht der britischen Regierung), die ihre Händler aber nicht unter Kontrolle bringen konnten, die erneute Destabilisierung eines bengalischen Nawabs folgte ökonomischer Logik, und auch die Herrschaft des persisch-stämmigen, von der lokalen EIC-Leitung geschätzten Mir Quasim, der 1760 gegen seinen Schwiegervater einen Putsch durchgeführt hatte, war von kurzer Dauer. E