Ein unscheinbarer Satz in Cesare Paveses Tagebuch „Das Handwerk des Lebens“, der es aber in sich hat. Isoliert betrachtet ist damit noch keine Wertung verbunden. Pavese versucht auch leise eine positive Deutung, aber im gesamten Kontext des Tagebuchs liegt eine negative Lesart nahe. Ein Verhaltensmuster, das man als moralisch fragwürdig oder schädlich erkannt hat, lässt sich nicht so einfach abschütteln. Im Hintergrund geht es, wie so häufig bei Pavese, um gescheiterte Beziehungen zu Frauen. Aber es geht auch um eine grundsätzliche Fragestellung. Implizit stellt hier Pavese den freien Willen in Frage, an anderer Stelle tut er das auch explizit. Ich habe erkannt, dass ich etwas ändern sollte, ich bin dazu aber nicht in der Lage.
Pavese fährt fort:
„Das, was man tut, wird man wieder tun, bzw. man hat es auch schon in einer fernen Vergangenheit getan. Die Angst des Lebens ist dieses Gleis, das unsere Entscheidungen unter die Räder schieben. (Die Wahrheit ist, dass wir, schon ehe wir uns entschieden, der Richtung folgten.)“
Die Entscheidungen schieben Gleise unter die Räder – welch ein Bild*! Gleise beeinträchtigen die Manövrierfähigkeit, man folgt einer Richtung. Wenn ich einen bestimmten Akt vollzogen habe, dann schlägt das auf mich zurück, es prägt mich, und es gibt eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass ich bei nächster Gelegenheit ähnlich verfahre. Und: man hat schon immer eine bestimmte Richtung eingeschlagen, ohne dass man diese Richtung bewusst gewählt hätte. Das, was man tut, hat man schon immer getan. Man ist gefangen. Und auch die anderen sind in ihren Mustern gefangen.
Pavese hat diesen Befund über viele Seiten in Variationen durchexerziert, auf einer persönlichen, ontogenetischen wie auch auf einer allgemein-menschlichen, phylogenetischen Ebene. Seine Überlegungen sind von grosser Ernsthaftigkeit, sie haben aber auch etwas Selbstquälerisches. In gewisser Weise war Paveses Suizid wohl ein Versuch, aus diesem Gefangensein auszubrechen.
Elias Canetti hatte in ihm eine verwandte Seele erkannt, er schreibt in den „Nachträgen aus Hampstead“ vom „neuen Bruder“ Pavese (p. 34). Die Lektüre von „Das Handwerk des Lebens“ war für Canetti in der Phase einer tiefen Depression buchstäblich lebenswichtig. Canetti hat aber für sich, anders als Pavese, früh ein Heilmittel gegen eingeschliffene (Denk-)Muster entdeckt: das Prinzip der Verwandlung.
* Stelle im Original:
“L’angoscia della vita è questa rotaia che le nostre decisioni ci mettono sotte le ruote.” (p. 222, Einaudi 1990). Eine Fussnote in dieser Ausgabe verrät, dass Pavese das Bild von den Gleisen vermutlich aus dem von ihm übersetzten „Moby Dick“ übernommen hat.
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Ein unscheinbarer Satz in Cesare Paveses Tagebuch „Das Handwerk des Lebens“, der es aber in sich hat. Isoliert betrachtet ist damit noch keine Wertung verbunden. Pavese versucht auch leise eine positive Deutung, aber im gesamten Kontext des Tagebuchs liegt eine negative Lesart nahe. Ein Verhaltensmuster, das man als moralisch fragwürdig oder schädlich erkannt hat, lässt sich nicht so einfach abschütteln. Im Hintergrund geht es, wie so häufig bei Pavese, um gescheiterte Beziehungen zu Frauen. Aber es geht auch um eine grundsätzliche Fragestellung. Implizit stellt hier Pavese den freien Willen in Frage, an anderer Stelle tut er das auch explizit. Ich habe erkannt, dass ich etwas ändern sollte, ich bin dazu aber nicht in der Lage.
Pavese fährt fort:
„Das, was man tut, wird man wieder tun, bzw. man hat es auch schon in einer fernen Vergangenheit getan. Die Angst des Lebens ist dieses Gleis, das unsere Entscheidungen unter die Räder schieben. (Die Wahrheit ist, dass wir, schon ehe wir uns entschieden, der Richtung folgten.)“
Die Entscheidungen schieben Gleise unter die Räder – welch ein Bild*! Gleise beeinträchtigen die Manövrierfähigkeit, man folgt einer Richtung. Wenn ich einen bestimmten Akt vollzogen habe, dann schlägt das auf mich zurück, es prägt mich, und es gibt eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass ich bei nächster Gelegenheit ähnlich verfahre. Und: man hat schon immer eine bestimmte Richtung eingeschlagen, ohne dass man diese Richtung bewusst gewählt hätte. Das, was man tut, hat man schon immer getan. Man ist gefangen. Und auch die anderen sind in ihren Mustern gefangen.
Pavese hat diesen Befund über viele Seiten in Variationen durchexerziert, auf einer persönlichen, ontogenetischen wie auch auf einer allgemein-menschlichen, phylogenetischen Ebene. Seine Überlegungen sind von grosser Ernsthaftigkeit, sie haben aber auch etwas Selbstquälerisches. In gewisser Weise war Paveses Suizid wohl ein Versuch, aus diesem Gefangensein auszubrechen.
Elias Canetti hatte in ihm eine verwandte Seele erkannt, er schreibt in den „Nachträgen aus Hampstead“ vom „neuen Bruder“ Pavese (p. 34). Die Lektüre von „Das Handwerk des Lebens“ war für Canetti in der Phase einer tiefen Depression buchstäblich lebenswichtig. Canetti hat aber für sich, anders als Pavese, früh ein Heilmittel gegen eingeschliffene (Denk-)Muster entdeckt: das Prinzip der Verwandlung.
* Stelle im Original:
“L’angoscia della vita è questa rotaia che le nostre decisioni ci mettono sotte le ruote.” (p. 222, Einaudi 1990). Eine Fussnote in dieser Ausgabe verrät, dass Pavese das Bild von den Gleisen vermutlich aus dem von ihm übersetzten „Moby Dick“ übernommen hat.