Das Handwerk des Lebens
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Besprechung
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«Aus dem Dorf wird die Stadt, aus dem Natur wird das menschliche Leben, aus dem Jungen wird ein Mann.»
Pavese meint, dass sein dichterisches Werk seine Entwicklung vom Bauern-/Naturjungen zum Stadtmann reflektiert. Aber die Sehnsucht «nach den Hügeln» ist ein Leben lang geblieben.
«Ende der Verbannung.»
Pavese hatte klandestine Briefe für eine Kommunistin entgegengenommen, in die er wohl verliebt war (und von der er vermutlich in den Zeilen p. 37/8 handelt). Als das aufflog, musste er in die Verbannung nach Kalabrien (1935/36). Bemerkenswert, dass die Verbannung ausser in der zitierten Zeile kaum Erwähnung findet. «Das Handwerk des Lebens» versteht sich in dieser Phase vornehmlich als Handwerk des Dichtens, er reflektiert sein Werk und misst es beiläufig an den Grossen (Homer vor allem).
«Ich habe nie wirklich gearbeitet, und tatsächlich beherrsche ich kein Handwerk.»
«Gewissensprüfung» mit vernichtendem Urteil, zumal «Arbeit» ein entscheidender Wert zu sein scheint. Kurz darauf redet er von seinem «Selbstmörderleben», «mein Prinzip ist der Selbstmord». Rettung wäre vielleicht von einer bestimmten Frau her möglich gewesen. «Sie wäre ein Imperativ an meiner Seite gewesen» (p. 40), sie hätte ihn disziplinieren können.
«Dass in der Selbsterniedrigung eine Genugtuung liegt, ist eine Tatsache. Zu unterscheiden, ob man wollüstig oder tragisch geniesst, scheint unmöglich.»
Gibt es auch so etwas wie eine Wollust der seelischen Tiefenbohrung?
«Aus der – berechtigten – Begierde nach jener Lust sind sie bereit, jeden Frevel zu begehen. Sind gezwungen, ihn zu begehen. Das ist die fundamentale Tragik des Lebens, und für jenen Mann, der zu rasch ejakuliert, wäre es besser, er wäre nie geboren.»
Jeden Frevel: zum Beispiel verlassen dann Frauen Männer, die sie nicht befriedigen können. – Pavese versucht hier, die Frauen von jeder Schuld frei zu sprechen, und verwandelt sie dafür in vollkommen triebgesteuerte Wesen.
«Nein, sie sind nicht verrückt, diese Leute, die sich amüsieren, die geniessen, die reisen, die vögeln, die kämpfen – sie sind nicht verrückt, denn am liebsten würden wir es auch tun.»
Verzweifelte Sehnsucht nach einem gewöhnlichen Leben.
«Frauenhasser warst Du, und Frauenhasser bleibst Du.»
An Konfessionen herrscht keine Mangel in diesem Tagebuch.
Im Kontext ist die Impotenz Paveses von Belang. Statt die Impotenz von einer medizinisch-psychatrischen Seite her anzugehen, tendiert Pavese dazu, das Problem zu verabsolutieren, ins Allgemeine zu ziehen, mit noch mehr Bedeutung aufzuladen. Natürlich war es im damaligen Italien nicht selbstverständlich, Hilfe bei einem Psychiater zu suchen, aber wäre das für einen Intellektuellen wie Pavese nicht dennoch ein naheliegender Schritt gewesen?
«Dass es uns nie gelingen wird, uns in der Welt zu verwurzeln (eine Arbeit, eine Normalität), ist klar.»
Pavese fährt dann fort, dass es ihm auch nicht gelingen wird, eine Frau zu erobern, das sei auch klar. Lassen wir diese zweite «Klarheit» mal so stehen, Pavese hat den wichtigsten Grund dafür ausführlich erläutert.
Warum aber soll die Verwurzelung nicht gelingen? Pavese tritt sehr bald eine Stelle bei einem renommierten Verlag an, er ist vernetzt, er übersetzt, er schreibt. Damit kann man doch Wurzeln schlagen, würde man meinen. – Geht es hier um eine nicht rückgängig zu machende Entwurzelung des Intellektuellen, dem die Landschaft der Kindheit versperrt bleibt (vgl Anguilla in «Der Mond und die Feuer»)?
«Die Kunst zu leben – da man ja, um zu leben, andere zerfleischen muss (siehe Sexualleben, siehe Handel, siehe jede Tätigkeit) – besteht darin, dass man sich angewöhnt, jede Schweinerei zu machen, ohne dass unsere innere Ordnung Schaden nimmt. Zu jeder Schweinerei fähig zu sein, ist das beste Rüstzeug, das ein Mann haben kann.»
Dann ist der Nihilismus, das Verschwindenwollen, die einzig moralisch mögliche Haltung, die Impotenz vielleicht gar eine angemessene Reaktion? Impotenz wäre dann gewissermassen ein moralischer Akt. Aber so erfährt Pavese sein körperliches Versagen natürlich nicht.
«Die Religion besteht im Glauben daran, dass alles, was uns widerfährt, ausserordentlich wichtig ist. Aus ebendiesem Grund wird sie nie aus der Welt verschwinden können.
Ohne Emphase keine Religion (aber wohl auch überhaupt keine Kultur). Der Indifferentismus misst dann der Bedeutungslosigkeit schon wieder zu viel Bedeutung zu.
«Ich habe intellektuell die Gewandtheit und die verhaltene Kraft einer Katze.»
Anfang des Jahres 1940 ein etwas optimistischer Ausblick, endlich, möchte man sagen!
«Beim Träumen bemerkt, dass im Traum keine Vorgeschichte existiert, alles ist Handlung: nichts ist zusammengefasst, Beispiel evokativer Kunst.»
Oder die Vorgeschichte ist Teil des Jetzt, es gibt keine zeitliche Tiefenerfahrung. Satte Präsenz des Traums. Das Geschehen im Traum ist kaum vorhersehbar, weil es sich in unserer Wahrnehmung nicht herleitet. Respektive die Herleitung ist immer im Jetzt. – Interessante Beobachtung Paveses. Merkwürdige Verwandtschaft mit Chat-GPT und anderen KI-Agenten.
«Das, was man tut, wird man wieder tun, bzw. man hat es auch schon in einer fernen Vergangenheit getan. Die Angst des Lebens ist dieses Gleis, das unsere Entscheidungen unter die Räder schieben. (Die Wahrheit ist, dass wir, schon ehe wir uns entschieden, der Richtung folgten.)»
Fatalistische Sicht auf das Leben. Scheint wenig Raum zu lassen für einen freien-gestalterischen Willen. Welch ein Bild von den Entscheidungen, die Gleise unter die Räder schieben!
«Keine Frau geht eine Ehe aus Berechnung ein: Alle haben sie die Umsicht, sich, bevor sie einen Millionär heiraten, in ihn zu verlieben.»
Humor findet sich kaum in den Aufzeichnungen; hier wenigstens mal ein Versuch in Sarkasmus.
Auseinandersetzung mit dem Werk Shakespeares
Verrät eine systematische Lektüre Shakespeares. Faszination des «wit». – Das Motto für «Der Mond und die Feuer» stammt dann auch von Shakespeare: «Ripeness is all» (King Lear).
«… sondern mit Lust erkundet, wie in der Kindheit diese Gleise verlegt werden.»
Positive Deutung der fatalistischen Gleis-Metapher (vgl p. 265). Siehe auch p. 332 «jede Düsterkeit verloren».
«Genuss, auf den Hügelkämmen entlangzugehen.»
Verteilt über die Tagebücher einige Reflexionen zur Schwierigkeit, in der Kunst und Literatur Landschaft adäquat darzustellen. Gemessen aber an der Bedeutung der (Hügel-) Landschaft in seinen Romanen, gibt es in den Tagebüchern wenige Stellen, die die Wichtigkeit der Landschaft (des Piemonts) für Pavese erahnen lassen. Dies ist eine davon.
«Die Intellektuellen, die sich in der Frage der Freiheit von der KPI distanzieren, sollten sich fragen, was sie mit dieser Freiheit anfangen wollen, um die sie so besorgt sind.»
KPI = «PC» im Original, Partito Comunista.
Eine der wenigen politischen Äusserungen im Tagebuch, und sie ist ganz im Sinne der Kommunistischen Partei Italiens, die damals auf der Linie Stalins politisierte, zumindest offiziell. Vom Eurokommunismus sind wir noch Jahrzehnte entfernt.
Sehr schade, dass die deutsche Ausgabe des Tagebuchs nicht im Anhang Paveses «Il Taccuino segreto» publiziert, der viele heikle politische Passagen enthält, die deutlich von der offiziellen linken Linie abweichen, und teilweise eine Nähe zu Faschismus und Nationalsozialismus erkennen lassen. Die (linken) Freunde Pavese wie Italo Calvino oder Natalie Ginzburg hatten den Taccuino lange unter Verschluss gehalten, erst 1990 wurde er publiziert.
«Man strebt danach, eine Arbeit zu tun, um das Recht zu haben, sich auszuruhen.»
Auch wenn eine Publikation nicht beabsichtigt gewesen sein mag, eine gelegentliche Ambition in Richtung Kalenderspruch ist nicht zu verkennen.
«Si aspira ad avere un lavoro, per avere il diritto di risposarsi.»
«Meine wachsende Antipathie gegenüber N. …»
Spitze gegenüber Natalia Ginzburg, die in dieser deutschen Ausgabe, ohne Fussnoten, anonymisiert bleibt.
«Wenn du kein Vertrauen ins Tun hättest, in dein Handwerk, in den Stoff, den du behandelst, in die Seiten, die du schreibst, welch ein Grauen, welche Wüste, welche Leere wäre das Leben? (…) Im Grund schreibst du, um wie tot zu sein, um von ausserhalb der Zeit zu sprechen, um dich für alle zur Erinnerung werden zu lassen. Dies für die anderen, aber für Dich? Für Dich selbst Erinnerung, viele Erinnerungen zu sein, genügt dir das?»
Pavese auf dem Höhepunkt seines literarischen Ruhms. Merkwürdiger Gedankengang. Er scheint im Werk sein Ich aus der Gegenwart zu eskamotieren.