Autor:
Miguel Delibes
Verlag: Aufbau
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2022
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-351-03878-6
Einbandart: Hardcover
Seitenzahl: 149
Sprache: Deutsch
Originaltitel: Los santos innocentes
Originalsprache: Spanisch
Erscheinungsjahr Originalausgabe: 1981
Übersetzung: Petra Strien
b
bheym
Bewertungen
Besprechung
Azarías ist ein Mann der Vögel. Nicht in einem ornithologischen Sinn – er ist einfach einer, der ein besonderes Verhältnis zu ihnen entwickeln kann, besonders zu einem mächtigen Uhu sowie zu einer Dohle, die er hegt und pflegt, vor dem Hungertod bewahrt und die ihm im wahrsten Sinne des Wortes aus der Hand frisst. Zu beiden Vögeln, dem Uhu und der Dohle, sagt er immer wieder hübscher Milan, hübscher Milan.
Azarías ist ein einfacher, wunderlicher Mensch mit eigensinnigen Marotten, er kann nicht lesen und schreiben und arbeitet auf einem Gutshof im nordwestlichen Spanien in leibeigenschaftsähnlicher Abhängigkeit vom Señorito, seinem Gutsherren. Auf einem benachbarten Gutshof leben seine Schwester Régula und ihr Mann Paco mit ihren Kindern, sie sind zu Diensten des dortigen Señorito Ivan. Paco ist eine Art Wachmann und Jagdhelfer. Zwischen ihm und seinen Señorito gibt es freilich noch eine ganze Reihe von Stufen in der ländlichen Gesellschaftsordnung; da wären etwa der Oberaufseher Crespo und der Gutsverwalter Don Pedro mit seiner Frau Dona Purita, die schon recht weit oben in der Gutshof-Hierarchie angesiedelt sind.
Eines Tages werden Régula und Paco von entfernteren Ausläufern des weiterverzweigten Gutes unverhofft zurückbeordert in die zentralen Gemäuer des Anwesens. Ohne den Grund dafür zu kennen und dadurch einer ungewissen Zukunft entgegenblickend, hegen die beiden doch die Hoffnung, nach dem kargen und von schwerer körperlicher Arbeit geprägten Landleben zusammen mit ihren Kindern in den Genuss von ein wenig mehr Komfort zu kommen, auch wenn sie sich ihrer Stellung und Abhängigkeit im Gutsgefüge wohlbewusst sind, das ihnen vom höhergestellten Personal in steter Regelmässigkeit gespiegelt wird. An ihrer neuen Wohnstatt angelangt, wird ihnen verklausuliert bedeutet, dass der Señorito Ivan ein Auge auf eines ihrer Kinder, die aufgeweckte und bildhübsche Nieves, geworfen hat und sie als eine Art Dienstmädchen direkt im Herrschafts-Haus engagieren will. Régula und Paco ist dabei nicht wohl zumute, aber in gewohnter Manier machen sie gute Miene zum bösen Spiel, und sie sind sogar noch imstande, der fremdbestimmten Lage etwas Positives abzugewinnen – zum einen wird sie ihrer im gesellschaftlichen Umgang überaus gewandten Nieves womöglich als eine Art Sprungbrett dienen, zum anderen sind sie so näher dran an den Vorgängen auf der höchsten Hierarchieebene des Gutshofs.
Und dies gilt auch für die Leserschaft, die so einen Einblick erhält, was die hohen Herren (und Damen) der Gutsverwaltung um- und antreibt. Sie wird gewahr, dass es dort nicht weniger menschelt als anderswo, es wird gestichelt, gelästert, intrigiert und gehurt, und man beschäftigt sich vorwiegend mit sich selbst.
Es ist keine gewöhnliche Geschichte, die hier erzählt wird; der Erzählstil hat durch die immerwährende Wiederholung von persönlichen Attributen – es heisst etwa fortwährend „Paco, der Kurze“, „Pedro, der Verwalter“, „Facundo, der Schweinehirt“ oder „der lange Señorito, der mit den Geheimratsecken“ – etwas Kindlich-Märchenhaftes und etwas Allegorisches. Dies wird verstärkt durch den fliessenden Stil ohne Interpunktionen, durch die einfache, teilweise derbe und flapsige Sprache sowie die feine Ironie, die in der ansonsten ganz sachlichen und wertfreien Erzählerstimme immer wieder durchscheint, und nicht zuletzt dadurch, dass massgeblich die Perspektive von den einfachen Menschen wie Paco, Régula oder Azarías eingenommen wird.
Nach und nach erschliesst sich uns das gesellschaftliche Umfeld und die zeitliche Einordung, und fast ohne jede direkte Benennung kristallisiert sich heraus, dass wir es mit der ländlichen Gesellschaft in den bereits fortgeschrittenen Franco-Jahren zu tun haben. Einer Gesellschaft, die in die Jahre gekommen ist, in der sich die Verkrustung zunehmend festsetzt und in der die Elite gar nicht einmal in erster Linie als böse zu bezeichnen ist, sondern sich in ihrer Verwöhntheit und Verfettung geradezu lachhaft gedankenlos und unreflektiert geriert und der das Gespür für das Eigentliche immer weiter abhandenkommt. Soweit, dass ein Narr wie Azarías unversehens in die Lage kommt, das verknöcherte und menschenverachtende Gefüge ins Wanken zu bringen.
Delibes ist mit seiner meisterhaft erzählten Geschichte ein grosser literarischer Wurf gelungen, der nicht umsonst seit Jahrzehnten zum Kanon der spanischen Literatur zählt.
Mehr zeigen...
Azarías ist ein einfacher, wunderlicher Mensch mit eigensinnigen Marotten, er kann nicht lesen und schreiben und arbeitet auf einem Gutshof im nordwestlichen Spanien in leibeigenschaftsähnlicher Abhängigkeit vom Señorito, seinem Gutsherren. Auf einem benachbarten Gutshof leben seine Schwester Régula und ihr Mann Paco mit ihren Kindern, sie sind zu Diensten des dortigen Señorito Ivan. Paco ist eine Art Wachmann und Jagdhelfer. Zwischen ihm und seinen Señorito gibt es freilich noch eine ganze Reihe von Stufen in der ländlichen Gesellschaftsordnung; da wären etwa der Oberaufseher Crespo und der Gutsverwalter Don Pedro mit seiner Frau Dona Purita, die schon recht weit oben in der Gutshof-Hierarchie angesiedelt sind.
Eines Tages werden Régula und Paco von entfernteren Ausläufern des weiterverzweigten Gutes unverhofft zurückbeordert in die zentralen Gemäuer des Anwesens. Ohne den Grund dafür zu kennen und dadurch einer ungewissen Zukunft entgegenblickend, hegen die beiden doch die Hoffnung, nach dem kargen und von schwerer körperlicher Arbeit geprägten Landleben zusammen mit ihren Kindern in den Genuss von ein wenig mehr Komfort zu kommen, auch wenn sie sich ihrer Stellung und Abhängigkeit im Gutsgefüge wohlbewusst sind, das ihnen vom höhergestellten Personal in steter Regelmässigkeit gespiegelt wird. An ihrer neuen Wohnstatt angelangt, wird ihnen verklausuliert bedeutet, dass der Señorito Ivan ein Auge auf eines ihrer Kinder, die aufgeweckte und bildhübsche Nieves, geworfen hat und sie als eine Art Dienstmädchen direkt im Herrschafts-Haus engagieren will. Régula und Paco ist dabei nicht wohl zumute, aber in gewohnter Manier machen sie gute Miene zum bösen Spiel, und sie sind sogar noch imstande, der fremdbestimmten Lage etwas Positives abzugewinnen – zum einen wird sie ihrer im gesellschaftlichen Umgang überaus gewandten Nieves womöglich als eine Art Sprungbrett dienen, zum anderen sind sie so näher dran an den Vorgängen auf der höchsten Hierarchieebene des Gutshofs.
Und dies gilt auch für die Leserschaft, die so einen Einblick erhält, was die hohen Herren (und Damen) der Gutsverwaltung um- und antreibt. Sie wird gewahr, dass es dort nicht weniger menschelt als anderswo, es wird gestichelt, gelästert, intrigiert und gehurt, und man beschäftigt sich vorwiegend mit sich selbst.
Es ist keine gewöhnliche Geschichte, die hier erzählt wird; der Erzählstil hat durch die immerwährende Wiederholung von persönlichen Attributen – es heisst etwa fortwährend „Paco, der Kurze“, „Pedro, der Verwalter“, „Facundo, der Schweinehirt“ oder „der lange Señorito, der mit den Geheimratsecken“ – etwas Kindlich-Märchenhaftes und etwas Allegorisches. Dies wird verstärkt durch den fliessenden Stil ohne Interpunktionen, durch die einfache, teilweise derbe und flapsige Sprache sowie die feine Ironie, die in der ansonsten ganz sachlichen und wertfreien Erzählerstimme immer wieder durchscheint, und nicht zuletzt dadurch, dass massgeblich die Perspektive von den einfachen Menschen wie Paco, Régula oder Azarías eingenommen wird.
Nach und nach erschliesst sich uns das gesellschaftliche Umfeld und die zeitliche Einordung, und fast ohne jede direkte Benennung kristallisiert sich heraus, dass wir es mit der ländlichen Gesellschaft in den bereits fortgeschrittenen Franco-Jahren zu tun haben. Einer Gesellschaft, die in die Jahre gekommen ist, in der sich die Verkrustung zunehmend festsetzt und in der die Elite gar nicht einmal in erster Linie als böse zu bezeichnen ist, sondern sich in ihrer Verwöhntheit und Verfettung geradezu lachhaft gedankenlos und unreflektiert geriert und der das Gespür für das Eigentliche immer weiter abhandenkommt. Soweit, dass ein Narr wie Azarías unversehens in die Lage kommt, das verknöcherte und menschenverachtende Gefüge ins Wanken zu bringen.
Delibes ist mit seiner meisterhaft erzählten Geschichte ein grosser literarischer Wurf gelungen, der nicht umsonst seit Jahrzehnten zum Kanon der spanischen Literatur zählt.
«Buch im Fokus»-Newsletter abonnieren
Login
Bitte einloggen um zu kommentieren
0 Kommentare
Oldest