Autor/in:
Lukas Bärfuss
Verlag: Rowohlt
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2025
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-499-01036-1
Einbandart: Taschenbuch
Seitenzahl: 224
Sprache: Deutsch
MT
Moritz Th.
Bewertungen
Besprechung
(Notiz zum Stück am Ende der Buchbesprechung)
Zu Tausenden kamen italienische Arbeiterinnen und Arbeiter in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg in die Schweiz. Viele dieser Migrationen mündeten in eine Erfolgsgeschichte, die Eingewanderten bereicherten die hiesige Kultur und wurden am Ende zu den besseren Schweizerinnen und Schweizern. Andere fanden sich weniger gut zurecht, vermochten sich nicht zu integrieren – was die Schweiz mit dem Saisonnierstatut auch erschwerte – und blieben in der Armutsfalle gefangen.
Lukas Bärfuss erzählt in «Die Krume Brot» die Geschichte von Adelina, einer Seconda, die nie aus den finanziellen Nöten, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, herausfindet, und am Ende sich weder in der Schweiz noch in Italien heimisch fühlt. Zu den Stärken dieses Buches gehört die Vorgeschichte, die vor allem die Schicksale von Adelinas Grossvater und Vater schildern. Das Unglück pflanzt sich fort, ohne dass der Autor auf simple Kausalketten setzt. Die Erzählung schreitet in grossem Tempo voran, aber mit gekonntem Timing nimmt der Autor hin und wieder einzelne Szenen in den Fokus. Rhythmik und Dynamik in diesen Passagen überzeugen.
Adelina wächst mit einer in der Schule nie korrigierten Leseschwäche als funktionale Analphabetin heran, das schränkt ihre Berufswahl von vorneherein stark ein. Sie beweist grosses Geschick als Näherin; doch die finanzielle Situation nach dem Tod des verschuldeten Vaters zwingt sie dazu, eine gerade begonnene Lehre abzubrechen. Sie arbeitet in einer Suppenfabrik, als sie auf ihrem Arbeitsweg den Fremdarbeiter und Saisonnier Salvatore kennenlernt. Sie verlieben sich, Adelina wird schwanger, «Toto» macht sich aus dem Staub.
Der Autor schreibt passagenweise implizit aus der Perspektive von Adelina. Spät lernt sie lesen und entdeckt dadurch die Welt neu für sich. Das ist ein spannender und potenziell ertragreicher Ansatz, den Bärfuss aber nur halbherzig verfolgt. Zudem stehen die Erkenntnisse, die die junge alleinerziehende und mittlerweile als Bardame arbeitende Mutter zum Beispiel aus Zeitschriften gewinnt, tendenziell im Dienst einer gesellschaftskritischen Ideologie, die ihr und uns dann ein Anführer der Roten Brigaden seitenweise doziert: Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und die herrschende Klasse unterdrückt die Arbeiterklasse. Adelina sieht ihr Leben in neuem Licht, und sie verliebt sich auch ein wenig in diesen Revolutionär Renato, der ihr verspricht, ihre unter mysteriösen Umständen verschwundene Tochter wiederzufinden. Es ist abenteuerlich, um nicht zu sagen arg konstruiert, wie Adelina in dieses Umfeld gerät.
Der 2023 publizierte Roman taucht tief ein in die Atmosphäre der 1970er Jahre, und repliziert die ideologischen Grabenkämpfe und Verstrickungen aus der Zeit. Das ist an sich verdienstvoll, zumal die Geschichte der italienischen Migration in die Schweiz im Rückblick gern glorifiziert wird. Aber der Roman weist nicht darüber hinaus, er bleibt quasi in dieser Zeit stecken. Wir verstehen: Adelina ist ein Opfer der Begebenheiten, das kapitalistische System beutet sie aus. Auch die Terroristen nutzen Adelinas Lage aus, sie wird als Kurierin rekrutiert und verheizt. Aber setzt am Ende nicht selbst der Autor seine Hauptfigur hauptsächlich dafür ein, ein exemplarisches Schicksal und marxistische Thesen (samt deren Aporien) durchzuexerzieren?
Lesenswert machen diesen Roman die sprachliche Energie, die Dynamik der grossen Bögen über die Generationen hinweg, so wie einzelne Momente von Adelinas zaghafter Emanzipationsgeschichte.
Theaterstück Die Krume Brot, 12. April 2026, Schauspielhaus Theater Basel (Wiederaufnahme)
Autor: Lukas Bärfuss
Regie: Antú Romero Nunes
Lukas Bärfuss hat den Roman für das Stück um eine Rahmenhandlung erweitert, wir begegnen der erwachsenen Tochter Adelinas, Emma (Gina Haller), die nach einer Adoption durch eine wohlhabende Familie in ganz anderen ökonomischen Verhältnissen lebt als ihre Mutter. Sie interessiert sich gar nicht mehr für die Mutter, aber ihr Freund Lukas (Jörg Pohl), ein Schriftsteller, insistiert und fragt sie beharrlich nach dem Schicksal Adelinas.
Jetzt blendet auch das Stück in die italienische Vorgeschichte zurück, wir lernen in klamaukhaften Szenen Adelinas Grosseltern kennen; ihrem Vater wird wegen der faschistischen Vergangenheit des Grossvaters die akademische Karriere verbaut, und er endet als verbitterter und verarmter Privatgelehrter mit seiner kleinen Familie in der kalten, unfreundlichen Schweiz.
Das Stück zeigt die Stationen von Adelinas Lebensweg in grosser Treue zum Romangeschehen. Das glänzend aufgelegte Ensemble spielt in wechselnden Rollen die verschiedenen Bezugspersonen Adelinas. Herausragend etwa die nuancierte Darstellung der erste Arbeitgeberin Adelinas, Frau Gastweiler (Elmira Bahrami), als Deutsche selbst eine Fremde in der Schweiz. Der emotionale Höhepunkt in Adelinas Leben ist die Begegnung mit dem Saisonnier Salavatore «Toto» - und auch im Stück ist die Begegnung Adelinas mit Toto ein Höhepunkt, Toto (Kay Kysela) setzt seine ganze tänzerische Verführungskunst ein, und plötzlich werden auch die Bewegungen von Adelina (Gala Othero Winter) geschmeidiger. Das Glück ist von kurzer Dauer, der Saisonnier muss sich bald von der schwangeren Adelina verabschieden, das wird mit der zeitgenössischen Schnulze «Tornero» von I Santo California wunderbar zelebriert, wobei die Pointe natürlich ist, dass Toto allen Beteuerungen zum Trotz nicht zurückkehren wird.
Ein Höhepunkt anderer Art ist der knapp 10-minütige Monolog des Terroristen und Rotbrigadisten Renato (Jörg Pohl). Hier wird, nach bereits mehr als zwei Stunden Spielzeit, dem Publikum etwas zugemutet, aber die revolutionäre Suada ist geschickt komponiert und vorgetragen und schlägt die Zuschauenden in Bann. Wir verstehen, warum er Adelina (nach all den trostlosen Erfahrungen) für seine Sache rekrutieren kann.
Das vom Autor selbst adaptierte Stück erweist sich in der Inszenierung von Antú Romero Nunes als weit mehr als eine bebilderte Illustration des Romanstoffs. Hier werden vor einem spartanisch ausgestatteten Bühnenbild (Matthias Koch) mit bemerkenswert wenigen Requisiten - sie werden durch Pantomimen der Schauspielerinnen und Schauspieler ersetzt, die auch mal als Möbelstück fungieren – viele Facetten der Theaterkunst effektvoll eingesetzt, in einer herausragenden Ensemble-Darbietung. Der pessimistische Grundton des Romans wird etwas aufgehellt durch Emma, die in vierter Generation endlich der Negativspirale von Armut und Unglück zu entrinnen vermag.
(Mit Dank an Berthold H. und Hubert Th.)
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Zu Tausenden kamen italienische Arbeiterinnen und Arbeiter in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg in die Schweiz. Viele dieser Migrationen mündeten in eine Erfolgsgeschichte, die Eingewanderten bereicherten die hiesige Kultur und wurden am Ende zu den besseren Schweizerinnen und Schweizern. Andere fanden sich weniger gut zurecht, vermochten sich nicht zu integrieren – was die Schweiz mit dem Saisonnierstatut auch erschwerte – und blieben in der Armutsfalle gefangen.
Lukas Bärfuss erzählt in «Die Krume Brot» die Geschichte von Adelina, einer Seconda, die nie aus den finanziellen Nöten, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, herausfindet, und am Ende sich weder in der Schweiz noch in Italien heimisch fühlt. Zu den Stärken dieses Buches gehört die Vorgeschichte, die vor allem die Schicksale von Adelinas Grossvater und Vater schildern. Das Unglück pflanzt sich fort, ohne dass der Autor auf simple Kausalketten setzt. Die Erzählung schreitet in grossem Tempo voran, aber mit gekonntem Timing nimmt der Autor hin und wieder einzelne Szenen in den Fokus. Rhythmik und Dynamik in diesen Passagen überzeugen.
Adelina wächst mit einer in der Schule nie korrigierten Leseschwäche als funktionale Analphabetin heran, das schränkt ihre Berufswahl von vorneherein stark ein. Sie beweist grosses Geschick als Näherin; doch die finanzielle Situation nach dem Tod des verschuldeten Vaters zwingt sie dazu, eine gerade begonnene Lehre abzubrechen. Sie arbeitet in einer Suppenfabrik, als sie auf ihrem Arbeitsweg den Fremdarbeiter und Saisonnier Salvatore kennenlernt. Sie verlieben sich, Adelina wird schwanger, «Toto» macht sich aus dem Staub.
Der Autor schreibt passagenweise implizit aus der Perspektive von Adelina. Spät lernt sie lesen und entdeckt dadurch die Welt neu für sich. Das ist ein spannender und potenziell ertragreicher Ansatz, den Bärfuss aber nur halbherzig verfolgt. Zudem stehen die Erkenntnisse, die die junge alleinerziehende und mittlerweile als Bardame arbeitende Mutter zum Beispiel aus Zeitschriften gewinnt, tendenziell im Dienst einer gesellschaftskritischen Ideologie, die ihr und uns dann ein Anführer der Roten Brigaden seitenweise doziert: Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und die herrschende Klasse unterdrückt die Arbeiterklasse. Adelina sieht ihr Leben in neuem Licht, und sie verliebt sich auch ein wenig in diesen Revolutionär Renato, der ihr verspricht, ihre unter mysteriösen Umständen verschwundene Tochter wiederzufinden. Es ist abenteuerlich, um nicht zu sagen arg konstruiert, wie Adelina in dieses Umfeld gerät.
Der 2023 publizierte Roman taucht tief ein in die Atmosphäre der 1970er Jahre, und repliziert die ideologischen Grabenkämpfe und Verstrickungen aus der Zeit. Das ist an sich verdienstvoll, zumal die Geschichte der italienischen Migration in die Schweiz im Rückblick gern glorifiziert wird. Aber der Roman weist nicht darüber hinaus, er bleibt quasi in dieser Zeit stecken. Wir verstehen: Adelina ist ein Opfer der Begebenheiten, das kapitalistische System beutet sie aus. Auch die Terroristen nutzen Adelinas Lage aus, sie wird als Kurierin rekrutiert und verheizt. Aber setzt am Ende nicht selbst der Autor seine Hauptfigur hauptsächlich dafür ein, ein exemplarisches Schicksal und marxistische Thesen (samt deren Aporien) durchzuexerzieren?
Lesenswert machen diesen Roman die sprachliche Energie, die Dynamik der grossen Bögen über die Generationen hinweg, so wie einzelne Momente von Adelinas zaghafter Emanzipationsgeschichte.
Theaterstück Die Krume Brot, 12. April 2026, Schauspielhaus Theater Basel (Wiederaufnahme)
Autor: Lukas Bärfuss
Regie: Antú Romero Nunes
Lukas Bärfuss hat den Roman für das Stück um eine Rahmenhandlung erweitert, wir begegnen der erwachsenen Tochter Adelinas, Emma (Gina Haller), die nach einer Adoption durch eine wohlhabende Familie in ganz anderen ökonomischen Verhältnissen lebt als ihre Mutter. Sie interessiert sich gar nicht mehr für die Mutter, aber ihr Freund Lukas (Jörg Pohl), ein Schriftsteller, insistiert und fragt sie beharrlich nach dem Schicksal Adelinas.
Jetzt blendet auch das Stück in die italienische Vorgeschichte zurück, wir lernen in klamaukhaften Szenen Adelinas Grosseltern kennen; ihrem Vater wird wegen der faschistischen Vergangenheit des Grossvaters die akademische Karriere verbaut, und er endet als verbitterter und verarmter Privatgelehrter mit seiner kleinen Familie in der kalten, unfreundlichen Schweiz.
Das Stück zeigt die Stationen von Adelinas Lebensweg in grosser Treue zum Romangeschehen. Das glänzend aufgelegte Ensemble spielt in wechselnden Rollen die verschiedenen Bezugspersonen Adelinas. Herausragend etwa die nuancierte Darstellung der erste Arbeitgeberin Adelinas, Frau Gastweiler (Elmira Bahrami), als Deutsche selbst eine Fremde in der Schweiz. Der emotionale Höhepunkt in Adelinas Leben ist die Begegnung mit dem Saisonnier Salavatore «Toto» - und auch im Stück ist die Begegnung Adelinas mit Toto ein Höhepunkt, Toto (Kay Kysela) setzt seine ganze tänzerische Verführungskunst ein, und plötzlich werden auch die Bewegungen von Adelina (Gala Othero Winter) geschmeidiger. Das Glück ist von kurzer Dauer, der Saisonnier muss sich bald von der schwangeren Adelina verabschieden, das wird mit der zeitgenössischen Schnulze «Tornero» von I Santo California wunderbar zelebriert, wobei die Pointe natürlich ist, dass Toto allen Beteuerungen zum Trotz nicht zurückkehren wird.
Ein Höhepunkt anderer Art ist der knapp 10-minütige Monolog des Terroristen und Rotbrigadisten Renato (Jörg Pohl). Hier wird, nach bereits mehr als zwei Stunden Spielzeit, dem Publikum etwas zugemutet, aber die revolutionäre Suada ist geschickt komponiert und vorgetragen und schlägt die Zuschauenden in Bann. Wir verstehen, warum er Adelina (nach all den trostlosen Erfahrungen) für seine Sache rekrutieren kann.
Das vom Autor selbst adaptierte Stück erweist sich in der Inszenierung von Antú Romero Nunes als weit mehr als eine bebilderte Illustration des Romanstoffs. Hier werden vor einem spartanisch ausgestatteten Bühnenbild (Matthias Koch) mit bemerkenswert wenigen Requisiten - sie werden durch Pantomimen der Schauspielerinnen und Schauspieler ersetzt, die auch mal als Möbelstück fungieren – viele Facetten der Theaterkunst effektvoll eingesetzt, in einer herausragenden Ensemble-Darbietung. Der pessimistische Grundton des Romans wird etwas aufgehellt durch Emma, die in vierter Generation endlich der Negativspirale von Armut und Unglück zu entrinnen vermag.
(Mit Dank an Berthold H. und Hubert Th.)
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