Autor:
Jehona Kicaj
Verlag: Wallstein
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2025
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-8353-5949-9
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 176
Sprache: Deutsch
BH
Berthold H.
Bewertungen
Besprechung
Es ist wohl kein Zufall, dass die Ich-Erzählerin namenlos bleibt. Auch wenn sie, die mit ihren Eltern und Geschwistern Anfang der 90er Jahre im Kindergartenalter aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen ist, sehr persönlich von Erlebnissen und Traumata aus ihrem Leben erzählt, scheint es nicht in erster Linie um sie selbst zu gehen, sondern darum, wie es ist, den Kriegswirren im Kosovo zu entfliehen, Verwandte und Freunde zurückzulassen und in eine fremde Umgebung verpflanzt zu werden, die viele Selbstverständlichkeiten im Leben eines jungen Menschen ins Wanken bringt.
Der Roman handelt von Sprachlosigkeit. Etwa von der Unfähigkeit des jungen Mädchens, der Grundschullehrerin und der Klasse zu erklären, dass man im zerfallenen Jugoslawien nicht „jugoslawisch“ gesprochen hat, wie diese anzunehmen scheinen, sondern dass viele Menschen im Kosovo nur albanisch sprechen, was etwas ganz anderes ist als serbisch oder kroatisch. Oder von der Eigenart vieler Kosovoalbaner, den Tod von Familienmitgliedern, die den Kriegswirren und Massakern der 90er Jahre zum Opfer gefallen sind – und das waren viele -, nicht zu benennen, sondern nur von deren „Verschwinden“ zu sprechen.
Trotz der Sprachlosigkeit spielt Sprache eine prominente Rolle, wie auch der Titel des Romans nahelegt – "ë" kommt nur im Albanischen vor, es wird in einigen Konstellationen wie das „e“ in „Bäume“ ausgesprochen, in anderen Konstellationen gar nicht. Albanisch ist die Sprache der Familie, der Verwandten, auch die der Kindheitserinnerungen, von denen das auf Deutsch verfasste Buch zahlreiche Kostproben in Form von Sätzen, Phrasen und Ausdrücken in der Originalsprache bereithält.
"ë" ist ein nachdenklicher Roman. Die Protagonistin beobachtet genau, sie lässt uns an vielen Episoden aus ihrer Kindheit, Jugend und ihrem gegenwärtigen Leben teilhaben. Wir lernen ihren Zahnarzt mit seinem Hang zum Philosophischen kennen, oder eine forensische Anthropologin, die eindrücklich von ihren Untersuchungen an den Überresten der massenhaft Getöteten im Kosovo berichtet.
Einige Begebenheiten gehen unter die Haut, auch solche, die von Unwissenheit, penetranter Ignoranz, Geschichtsvergessenheit, Migrationsskepsis und Empathielosigkeit handeln. Dennoch ist der Ton selten vorwurfsvoll, die Sprache ist, immer auf der Suche nach den richtigen Worten, eher präzise beschreibend, auch dann, wenn es um die eigenen Gefühle geht, was am Ende alles eindrücklicher und authentischer wirken lässt.
Der Roman hat streckenweise etwas Verstörendes, und die Autorin hält die Beklemmung unbeirrt aufrecht, sie nimmt nichts zurück, sie ist standhaft in ihrer Ehrlichkeit und ihrem Anliegen, nicht die Augen zu verschließen und über Dinge hinwegzugehen, auch wenn es schwer zu ertragen ist. Die vielen Zeitsprünge, das episodische Erzählen und der Verzicht auf jegliche Gliederung in Form von Kapiteln oder Abschnitten unterstreichen noch die Verlorenheit, die Zerrissenheit und die Suche nach Orientierung.
"ë" ist ein gelungenes Romandebüt von Jehona Kicaj, das uns mit literarischen Mitteln näherbringt, wie wenig ausgestanden die Folgen des schon fast vergessenen Kosovokriegs noch sind.
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Der Roman handelt von Sprachlosigkeit. Etwa von der Unfähigkeit des jungen Mädchens, der Grundschullehrerin und der Klasse zu erklären, dass man im zerfallenen Jugoslawien nicht „jugoslawisch“ gesprochen hat, wie diese anzunehmen scheinen, sondern dass viele Menschen im Kosovo nur albanisch sprechen, was etwas ganz anderes ist als serbisch oder kroatisch. Oder von der Eigenart vieler Kosovoalbaner, den Tod von Familienmitgliedern, die den Kriegswirren und Massakern der 90er Jahre zum Opfer gefallen sind – und das waren viele -, nicht zu benennen, sondern nur von deren „Verschwinden“ zu sprechen.
Trotz der Sprachlosigkeit spielt Sprache eine prominente Rolle, wie auch der Titel des Romans nahelegt – "ë" kommt nur im Albanischen vor, es wird in einigen Konstellationen wie das „e“ in „Bäume“ ausgesprochen, in anderen Konstellationen gar nicht. Albanisch ist die Sprache der Familie, der Verwandten, auch die der Kindheitserinnerungen, von denen das auf Deutsch verfasste Buch zahlreiche Kostproben in Form von Sätzen, Phrasen und Ausdrücken in der Originalsprache bereithält.
"ë" ist ein nachdenklicher Roman. Die Protagonistin beobachtet genau, sie lässt uns an vielen Episoden aus ihrer Kindheit, Jugend und ihrem gegenwärtigen Leben teilhaben. Wir lernen ihren Zahnarzt mit seinem Hang zum Philosophischen kennen, oder eine forensische Anthropologin, die eindrücklich von ihren Untersuchungen an den Überresten der massenhaft Getöteten im Kosovo berichtet.
Einige Begebenheiten gehen unter die Haut, auch solche, die von Unwissenheit, penetranter Ignoranz, Geschichtsvergessenheit, Migrationsskepsis und Empathielosigkeit handeln. Dennoch ist der Ton selten vorwurfsvoll, die Sprache ist, immer auf der Suche nach den richtigen Worten, eher präzise beschreibend, auch dann, wenn es um die eigenen Gefühle geht, was am Ende alles eindrücklicher und authentischer wirken lässt.
Der Roman hat streckenweise etwas Verstörendes, und die Autorin hält die Beklemmung unbeirrt aufrecht, sie nimmt nichts zurück, sie ist standhaft in ihrer Ehrlichkeit und ihrem Anliegen, nicht die Augen zu verschließen und über Dinge hinwegzugehen, auch wenn es schwer zu ertragen ist. Die vielen Zeitsprünge, das episodische Erzählen und der Verzicht auf jegliche Gliederung in Form von Kapiteln oder Abschnitten unterstreichen noch die Verlorenheit, die Zerrissenheit und die Suche nach Orientierung.
"ë" ist ein gelungenes Romandebüt von Jehona Kicaj, das uns mit literarischen Mitteln näherbringt, wie wenig ausgestanden die Folgen des schon fast vergessenen Kosovokriegs noch sind.
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