Bewertungen
Besprechung
Die Autorin stammt aus dem Donbas, lebte aber 2014 in der Schweiz, als diese Region von den Russen angegriffen und teilweise erobert wurde. Der Schock sass tief bei der Autorin, aber sie musste feststellen, dass in Westeuropa und teilweise sogar im Westen der Ukraine nicht sehr viel Solidarität mit den Opfern in der Ostukraine zu spüren war. Manche Leute im Donbas nahmen allerdings auch eine kritische Haltung gegenüber dem eigenen ukrainischen Staat ein, die geschilderten Begegnungen ermöglichen spannende und differenzierte Einblicke in die innerukrainischen Verhältnisse.
Eugenia Senik berichtet offen und, so hat man den Eindruck, weitgehend ungefiltert von ihren Gefühlen und Erfahrungen. Das ist mutig, allerdings für die Leserin und den Leser gelegentlich auch ermüdend, wenn sie wiederholt ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit zum Ausdruck bringt. Das gehört zum Konzept der Unmittelbarkeit dieses Buches, wir hören quasi dem Selbstgespräch der Autorin zu, die sich immer wieder selbst Mut zusprechen muss und sich gegen ihre Verzweiflung wehrt. Bemerkenswert selten richtet sich ihre Wut gegen Russland und die russischen Soldaten, die ihre Heimat zerstören. Es dominiert das absolute Unverständnis für diesen Krieg und Krieg überhaupt.
In den einzelnen Kapiteln erfahren wir in Ausschnitten, vom Tagesgeschehen ausgehend, wie es den Familienmitgliedern, Freundinnen oder Bekannten der Autorin in der Ukraine oder im westeuropäischen Exil geht. Der letzte Teil des Buches widmet sich dann ganz diesen Personen und ihren Schicksalen, eine kluge Idee der emphatischen Autorin, die damit die Auswirkungen des Kriegs auf unterschiedliche Biographien zeigt.
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist für uns beinahe zu einem Hintergrundrauschen in unserem Alltag geworden. Es ist das grosse Verdienst von Eugenia Senik, mit ihrem überaus engagierten und couragierten Buch daran zu erinnern, welche psychischen und physischen Verwüstungen dieser Krieg jeden Tag anrichtet.