Buch im Fokus #61 25.04.2026

Suche deine Tür

Die Autorin Eugenia Senik lebt heute in Basel, stammt aber ursprünglich aus der Ostukraine. Sie hat schon beim Angriff der Russen auf diese Region im Jahr 2014 ihre Eindrücke protokolliert, und nach der intensivierten Fortsetzung des russischen Angriffskriegs ab Februar 2022 hat sie ein Tagebuch geführt. Jetzt liegen die Texte in Buchform unter dem Titel «Suche deine Tür» vor. «Buch im Fokus» widmet sich diesen berührenden Notizen, die die furchtbaren Folgen des Kriegs im Alltag der Ukrainerinnen und Ukrainer aufzeichnen, im Kriegsland selbst oder im westeuropäischen Exil.

Eugenia Senik wird am 2. Literaturfestival der Trafohalle Bottmingen (5. – 9. Mai) aus ihrem Buch vorlesen. Aus mehr als 90 eingereichten Texten hat die Festival-Jury eine Auswahl getroffen und 25 Autorinnen und Autoren eingeladen, ihre Texte live vorzutragen. Reservieren Sie sich die Termine, es erwartet Sie vielfältige, anregende Literatur aus der Region!

Dieses Buch wird besprochen in: Literaturfestival_Literatur in der Trafohalle Bestellen
Birsig Buchhandlung Binningen, Partner-Buchhandlung des 2. Literaturfestivals Trafohalle Bottmingen
Autor/in: Eugenia Senik
Untertitel: Ein ukrainisches Tagebuch
Verlag: BoD
Erscheinungsjahr: 2026
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-695-12581-4
Einbandart: Taschenbuch
Seitenzahl: 268
Sprache: Deutsch
MT Moritz Th.

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Besprechung

Der abstrakte Begriff «Krieg» konkretisiert sich in diesem «ukrainischen Tagebuch 2014 – 2025» auf verschiedenen Ebenen, und man begreift, dass genau diese Fortwirkung des Krieges in vielen Verästelungen das Verheerende ist. Es geht eben nicht nur um Raketenbeschuss, Tod, Folter, Vergewaltigung, Heimatverlust, als ob das nicht alles grauenhaft genug wäre. Der Vater der Autorin stirbt allein, die Angehörigen können nicht zu dem kranken Verwandten zurückkehren. Kinder sind traumatisiert, manche, die der grössten Not entronnen sind, fallen in eine tiefe Depression, Freundschaften zerbrechen, viele sind erschöpft, krank und ausgelaugt. Auch diejenigen, die sich ausserhalb der Ukraine rechtzeitig in Sicherheit haben bringen können, leiden – vor allem an der «Überlebensschuld», die so etwas wie ein Leitmotiv des Tagebuchs ist, das in grossen Teilen (ab Februar 2022) ursprünglich auf der Basler Online-Plattform «Bajour» publiziert wurde.

Die Autorin stammt aus dem Donbas, lebte aber 2014 in der Schweiz, als diese Region von den Russen angegriffen und teilweise erobert wurde. Der Schock sass tief bei der Autorin, aber sie musste feststellen, dass in Westeuropa und teilweise sogar im Westen der Ukraine nicht sehr viel Solidarität mit den Opfern in der Ostukraine zu spüren war. Manche Leute im Donbas nahmen allerdings auch eine kritische Haltung gegenüber dem eigenen ukrainischen Staat ein, die geschilderten Begegnungen ermöglichen spannende und differenzierte Einblicke in die innerukrainischen Verhältnisse.

Eugenia Senik berichtet offen und, so hat man den Eindruck, weitgehend ungefiltert von ihren Gefühlen und Erfahrungen. Das ist mutig, allerdings für die Leserin und den Leser gelegentlich auch ermüdend, wenn sie wiederholt ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit zum Ausdruck bringt. Das gehört zum Konzept der Unmittelbarkeit dieses Buches, wir hören quasi dem Selbstgespräch der Autorin zu, die sich immer wieder selbst Mut zusprechen muss und sich gegen ihre Verzweiflung wehrt. Bemerkenswert selten richtet sich ihre Wut gegen Russland und die russischen Soldaten, die ihre Heimat zerstören. Es dominiert das absolute Unverständnis für diesen Krieg und Krieg überhaupt.
In den einzelnen Kapiteln erfahren wir in Ausschnitten, vom Tagesgeschehen ausgehend, wie es den Familienmitgliedern, Freundinnen oder Bekannten der Autorin in der Ukraine oder im westeuropäischen Exil geht. Der letzte Teil des Buches widmet sich dann ganz diesen Personen und ihren Schicksalen, eine kluge Idee der emphatischen Autorin, die damit die Auswirkungen des Kriegs auf unterschiedliche Biographien zeigt.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist für uns beinahe zu einem Hintergrundrauschen in unserem Alltag geworden. Es ist das grosse Verdienst von Eugenia Senik, mit ihrem überaus engagierten und couragierten Buch daran zu erinnern, welche psychischen und physischen Verwüstungen dieser Krieg jeden Tag anrichtet.

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