Entscheidung in Spanien
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Besprechung
Moritz Th.
Im Juli 1936 unternahm eine Gruppe der spanischen Armee einen Putschversuch gegen die Regierung der Zweiten Spanischen Republik. Viele Militärs schloss sich der Operation der ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
«und aus dem gescheiterten Putsch wird ein Bürgerkrieg, der auch bei den Rebellen nicht auf der Rechnung stand.»
Obwohl 90 Prozent der Militärkasernen sich dem Aufstand der Rechten anschliesst, misslingt der Putsch, und in der unübersichtlichen Lage bricht ein Bürgerkrieg aus – kein Plan der Auständischen.
Eine Brillenträgerin an der Front
Der Enthusiasmus der linken Intellektuellen in Europa für die republikanische Sache in Spanien ist gross. Simone Weil will ein Teil des Kampfes sein, und schafft es tatsächlich zur Truppe Duruttis. Sie ist allerdings denkbar ungeeignet für den Krieg. Ingendaay erzählt lakonisch die kurze Episode ihrer Fronterfahrung.
Lorcas Freund kann es nicht glauben
Erst am 1. September erfährt man in Madrid von der Ermordung Federico Garcia Lorcas zwölf Tage zuvor in Granada. Ingendaay montiert aus einem Tagebucheintrag des chilenischen Diplomaten Carlos Morla Lynch eine Szene, wie dieser Freund Lorcas in den Strassen Madrids vom Tod Lorcas erfährt.
Miguel de Unamo fordert einen General heraus
Die katholische Kirche ergreift mit klaren Worten Partei, und dafür erleidet der frisch gekürte Caudillo Franco eine Frömmigkeitsattacke: er geht täglich zur Messe. In Salamanca, Ort der ältesten spanischen Universität, ruft in einer Feierstunde der rechten Militärs Millan Astray, Gründer der Fremdenlegion, Haudegen und Francos «Wachhund» die Parole: Es lebe der Tod! Darauf ergreift der empörte Rektor Miguel de Unamo das Wort: die Militärs werden siegen (vencer), aber nicht überzeugen (convencer). Die Antwort Astrays: Tod den Intellektuellen!
«Und am Wochenende zu kämpfen empfanden viele als Zumutung.»
Als ob auch im Krieg Gewerkschaftsregeln gelten würden. Mangelnde Disziplin auf Seiten der republikanisch-anarchistischen Truppen.
«(…) fällt Koestler auf, dass sie einander ähneln, die Wachleute und die Gefangenen: allesamt andalusische Taglöhner oder Bauern, entsprungen derselben Erde (…) durch Zufall auf gegenüberliegenden Seiten des Krieges gelandet.»
Von weitem mag man sich ein klares Bild von den beiden Kriegsparteien machen, von nahem wird das Bild unscharf. Stärke des Buches, dass es mit unterschiedlichen Brennweiten arbeitet, und die Unschärfe und Widersprüche stehen lässt.
Simone Weil schaut auf die verfeindeten Lager
… und stellt fest, dass sie sich immer mehr ähneln. Das Fatale in der Eskalation des Krieges aus der Sicht einer Anhängerin der republikanischen Seite: die Ideale werden über Bord geworfen, man wendet die selben Zwangsmittel an, wie der Gegner, und verrät die eigenen Ideale. – Diese Tendenz wird im spanischen Bürgerkrieg noch verstärkt durch die zunehmende Dominanz der sowjetisch inspirierten und unterstützten Kommunisten, die auch mit «Linksabweichlern», mit Anarchisten, kurzen Prozess machen. Fronten verlaufen auch innerhalb der eigenen Kriegspartei. –
«Disziplin ist, was unglückliche Menschen rettet.»
Ingendaay beschäftigt sich hier mit Thomas Mann, dem disziplinierten Briefeschreiber. Der Satz mag zutreffend und elegant sein, aber wäre wohl andernorts besser aufgehoben. – Arthur Koestler, dem Gefängnis im nationalistischen Spanien entronnen, hat an Thomas Mann geschrieben, die «Buddenbrooks» waren für Koestler in der Haftzeit wichtig.
Ein liberaler Kleinbürger ergreift das Wort
Eine Lobeshymne auf die Erzählungen von Chaves Nogales, die den Terror auf beiden Bürgerkriegs-Seiten denunzieren, und Helden aus beiden Lagern inszenieren. Der Erzähler repräsentiert für Ingendaay das „dritte Spanien“, dem unverhohlen auch die Sympathien des Autors gehören.
«Wir alle, sobald wir uns an einem Krieg beteiligen, werden schuldig. Wir verlieren etwas, geraten ausser uns. Das, nichts anderes, ist Krieg in den Augen Goyas.»
Die Druckgrafiken Goyas werden ein Thema, weil die Republikaner auf die Idee kommen, mit einer Sonderedition Geld einzuheimsen. – Die Grafiken deklinieren schonungslos das Elend des Krieges. Es ist so etwas wie das Leitmotiv von Ingendaays Buch: die Dynamik des Krieges hin zu Gewaltexzessen ist nicht kontrollierbar und erfasst alle Parteien.
«Sie haben auf die sinnliche Wahrnehmung vertraut, statt auf Militärkarte zu schauen und sich mit Panzern und Truppenstärken, mit Ressourcen und Nachschublinien zu befassen. Kurz, sie haben Menschen mit Kriegspolitik verwechselt.»
Erika und Klaus Mann, zu optimistisch nach der Spanienreise (Juni 1938). Etwas merkwürdige, wenig elegante Formulierung. – Kann man die Feststellung auch gegen Ingendaay selbst wenden? Hätten dem Buch neben all den Berichten von Intellektuellen und Künstlern eine sachliche Darstellung, eine Chronologie der Kriegsereignisse gut getan?
«Rund 200’000 Menschen säumen die Strassen der katalanischen Hauptstadt, von allen Seiten werden die Interbrigadisten bejubelt und durch Küsse und wilde Umarmungen buchstäblich zu Boden gerissen.»
Auflösung der Internationalen Brigaden, die ursprünglich 35’000 Männer (und einige hundert Frauen) umfassten, aus sechzig Ländern, 400 Mann auch aus der Schweiz. So etwas wie eine vorweggenommene Kapitulation der republikanischen Regierung. Capa dokumentiert mit seinen Fotos die Abschiedsparade am 28. Oktober 1938. Schade, dass nicht auch einige davon im Buch reproduziert werden.
Manche der Kämpfer erwarten zuhause Haftstrafen, oder weit Schlimmeres. Die Oesterreicher haben in der Zwischenzeit ihr Heimatland eingebüsst, es ist Teil des Deutschen Reiches geworden. Für viele manche sich die Frage: wie weiter? Wohin? Ingendaay prägt das einleuchtende Wort von «der kosmischen Einsamkeit» (p. 284)