Toteninsel
Autor:
Gerhard Meier
Verlag: Suhrkamp
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2024
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-518-24352-7
Einbandart: broschiert
Seitenzahl: 133
Sprache: Deutsch
MT
Moritz T.
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Besprechung
Die Freunde Kaspar Baur und Rudolf Bindschädler spazieren durch Olten, durch das Industriequartier der Aare entlang, mit einem Kaffeehalt im unspektakulären EPA-Restaurant. Bindschädler berichtet von diesem Spaziergang und der Unterhaltung mit Baur.
Die Erzählung setzt ein mit Gedanken Baurs zur eigenen Lebensgeschichte, Erinnerungen an die «Jahrzehnte erfüllter Bürgerpflichten» – an dieser Stelle wird seine Rede erstmals durch ein hübsch lakonisches «Baur stolperte» unterbrochen –, all die Kleider, die man getragen hat, an Frau und Kinder. Aus dieser Vogelperspektive gleitet Baur in die Erinnerung an einen Besuch seiner drei Schwestern in Amrain, eine ersten Einführung in die Verwandtschaft Baurs und in die Amrainer Welt. Nach weiteren Abstechern in die Oltner Erzählgegenwart – Baur streicht mit der Hand über eine Plakatwand, die mit «99 Jahre Patria» für eine Versicherung wirbt: wir schreiben vermutlich das Jahr 1977 – taucht Baur tief in die Vergangenheit zu seinem Schulschatz Linda, um dann über Seiten zu schildern, wie sich in seinem Haus in Amrain einmal eine Schmeissfliege in Spinnennetzen verfing.
Die Erzählung bewegt sich auf kleinem Raum in den verschiedensten Ebenen, fast möchte man sagen mit der Virtuosität eines Kunstturners, wichtige Sportart in Amrain. Meier ist ein Meister der Durchlässigkeit; er lässt seinen Protagonisten Baur im Dorfleben Anknüpfungspunkte für Kunst finden – ein verhangener Tag verwandelt Amrain in ein Turner-Gemälde – oder für Ausflüge in die Literatur oder in die Geschichte: nicht hier das Dorf und da die Welt, sondern das Dorf ist die Welt.
Rosskastanien oder ein einzelnes Wort (Arakanga, Name eines Zoo-Hauses) werden mit derselben Aufmerksamkeit bedacht wie die grosse Frage, was «es» ist, was das Salz des Lebens ist, was Gott ist: Poesie, Bewegung, Stille, Liebe, Licht?
Im Zentrum steht Baurs Verbundenheit mit Amrain, seinen Bewohnern, Häusern, Geräuschen, Blumen und Bäumen – seiner Landschaft. Das Dorfleben wird betont nüchtern geschildert, ungeschönt, inklusive Unglück, Wahnsinn, Selbstmord. Der Tod ist zentral, und die Toten bleiben präsent in dieser Erzählung, aber der Tod ist eben auch eine Station im Kreislauf des Lebens.
Aus Baurs Erinnerungen und Abschweifungen werden wir immer wieder in die Oltner Strassen zurückgeholt. Bindschädler muss aufpassen, dass der unvorsichtige Baur, der sich selbst als «Phantast» bezeichnet, im Oltner Kleinstadtverkehr nicht vor ein Auto gerät. Schnürsenkel müssen gebunden werden, ein Mantel wird auf-, dann wieder zugeknöpft, das Wolkentreiben am Himmel will kommentiert sein, die Strassennamen notiert.
Der Rhythmus des Gehens und Stehens, des schweifenden Blicks spiegelt sich in der Sprache. Der Spaziergang ist kein blosser Vorwand für den Dia- respektive weitgehenden Monolog Baurs, den Bindschädler referiert; das mäandernde Gespräch selbst ist ein Gedanken-Gang, der sich assoziativ treiben lässt, von Momentaufnahmen des Spaziergangs weniger unterbrochen als begleitet und inspiriert.
(Mit Dank an Fritz R.)
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Die Erzählung setzt ein mit Gedanken Baurs zur eigenen Lebensgeschichte, Erinnerungen an die «Jahrzehnte erfüllter Bürgerpflichten» – an dieser Stelle wird seine Rede erstmals durch ein hübsch lakonisches «Baur stolperte» unterbrochen –, all die Kleider, die man getragen hat, an Frau und Kinder. Aus dieser Vogelperspektive gleitet Baur in die Erinnerung an einen Besuch seiner drei Schwestern in Amrain, eine ersten Einführung in die Verwandtschaft Baurs und in die Amrainer Welt. Nach weiteren Abstechern in die Oltner Erzählgegenwart – Baur streicht mit der Hand über eine Plakatwand, die mit «99 Jahre Patria» für eine Versicherung wirbt: wir schreiben vermutlich das Jahr 1977 – taucht Baur tief in die Vergangenheit zu seinem Schulschatz Linda, um dann über Seiten zu schildern, wie sich in seinem Haus in Amrain einmal eine Schmeissfliege in Spinnennetzen verfing.
Die Erzählung bewegt sich auf kleinem Raum in den verschiedensten Ebenen, fast möchte man sagen mit der Virtuosität eines Kunstturners, wichtige Sportart in Amrain. Meier ist ein Meister der Durchlässigkeit; er lässt seinen Protagonisten Baur im Dorfleben Anknüpfungspunkte für Kunst finden – ein verhangener Tag verwandelt Amrain in ein Turner-Gemälde – oder für Ausflüge in die Literatur oder in die Geschichte: nicht hier das Dorf und da die Welt, sondern das Dorf ist die Welt.
Rosskastanien oder ein einzelnes Wort (Arakanga, Name eines Zoo-Hauses) werden mit derselben Aufmerksamkeit bedacht wie die grosse Frage, was «es» ist, was das Salz des Lebens ist, was Gott ist: Poesie, Bewegung, Stille, Liebe, Licht?
Im Zentrum steht Baurs Verbundenheit mit Amrain, seinen Bewohnern, Häusern, Geräuschen, Blumen und Bäumen – seiner Landschaft. Das Dorfleben wird betont nüchtern geschildert, ungeschönt, inklusive Unglück, Wahnsinn, Selbstmord. Der Tod ist zentral, und die Toten bleiben präsent in dieser Erzählung, aber der Tod ist eben auch eine Station im Kreislauf des Lebens.
Aus Baurs Erinnerungen und Abschweifungen werden wir immer wieder in die Oltner Strassen zurückgeholt. Bindschädler muss aufpassen, dass der unvorsichtige Baur, der sich selbst als «Phantast» bezeichnet, im Oltner Kleinstadtverkehr nicht vor ein Auto gerät. Schnürsenkel müssen gebunden werden, ein Mantel wird auf-, dann wieder zugeknöpft, das Wolkentreiben am Himmel will kommentiert sein, die Strassennamen notiert.
Der Rhythmus des Gehens und Stehens, des schweifenden Blicks spiegelt sich in der Sprache. Der Spaziergang ist kein blosser Vorwand für den Dia- respektive weitgehenden Monolog Baurs, den Bindschädler referiert; das mäandernde Gespräch selbst ist ein Gedanken-Gang, der sich assoziativ treiben lässt, von Momentaufnahmen des Spaziergangs weniger unterbrochen als begleitet und inspiriert.
(Mit Dank an Fritz R.)
Kommentar
«Mangel ist mein Geschick»: Die Zeile findet sich in einem frühen Gedicht Robert Walsers, «Im Bureau», 1897/98 verfasst (s. unten). Es ist eines der ersten Gedichte überhaupt, das sich mit der Situation des Büro-Angestellten, des «Kommis», befasst.
Das Gedicht selbst weist aus formaler Sicht Mängel auf, Versschema und Reime sind höchst inkonsequent eingesetzt. Aber der Dichter vermehrt mit diesem Defizit nur unser Interesse am Gedicht. Geschickt, wie er den Mangel einsetzt.
In seiner Arbeitsexistenz erfährt der Kommis allerdings den Mangel als Schicksal, er muss hinnehmen, dass er auf der dunklen Seite lebt. Er setzt seine Bescheidenheit dagegen, die auch sein Wissen ist: Er durchschaut, welches Spiel gespielt wird. Der Mond aber «bleibt die Wunde der Nacht».
Robert Walsers Helden sind häufig «Mängelwesen»; sie phantasieren von (Liebes-)Abenteuern oder verlieren sich in Gedankenspielen. Sie imaginieren herbei, was ihnen fehlt, aber zugleich durchzieht die Wehmut des Wissens die Zeilen, dass eine Realisierung der Träume verwehrt bleibt. Die Helden akzeptieren den Mangel und zelebrieren ihn sogar, häufig mit überspitzt humoristisch-subversiver Note. Das Spielerisch-Leichte im Vordergrund geht einher mit einer scharfen Analyse der (gesellschaftlichen) Positionen im Hintergrund. Das macht den Reiz von vielen Gedichten und Prosastücken Walsers aus. Er schlägt aus dem Mangel seiner Helden grosses poetisches Kapital.
(Mit Dank an Hubert Th.)
Im Bureau
Der Mond sieht zu uns hinein,
er sieht mich als armen Commis
schmachten unter dem strengen Blick
meines Prinzipals,
ich kratze verlegen am Hals.
Nein, dauernden Lebenssonnenschein
hab ich noch nie gekannt, noch nie
so ganz. Mangel ist mein Geschick;
errötend kratzen zu müssen am Hals
unter dem Blick des Prinzipals.
Der Mond ist die Wunde der Nacht,
Blutstropfen sind alle Sterne.
Ob ich dem blühenden Glück auch ferne,
ich bin dafür bescheiden gemacht,
der Mond ist die Wunde der Nacht.