Besprechung für Die Krume Brot
Die Richtung des Romans ist von Anfang an vorgegeben: Es geht um das Unglück einer Person, aus dem es anscheinend kein Entrinnen gibt. Und der Autor löst ein, was er verspricht: Er beschreibt den Fall der Protagonistin Adelina, der sich kein Weg zu einem selbstbestimmten Leben eröffnet, sie bleibt in einer Bahn gefangen, die von Familie und Gesellschaft wie vorbestimmt ist..
Adelina ist die Tochter eines italienischen Einwandererehepaars, das für sich in seiner Heimat keine Perspektiven mehr sieht und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts auswandert, um kurz vor Adelinas Geburt in Zürich den Neustart zu wagen. Dieser verläuft harzig: Die Familie lebt vom schmalen Einkommen von Adelinas Mutter, die als schlecht bezahlte Sekretärin eine Anstellung findet, ihr Vater versinkt in seine Bücher, schreibt Artikel für italienische Nischenblätter, für die er kein Honorar bekommt, vertieft sich immer weiter in seine privaten historischen Studien und entfernt sich im gleichen Takt von den Lebenswelten seiner Frau und seiner Tochter, die er anfangs abgöttisch liebt. Aber auch von ihr wendet er sich ab, als er gewahr wird, dass Adelina weder Lesen noch Schreiben gelernt hat und somit auch keinen Zugang haben wird zu seiner Welt der Bücher und des Schreibens. Er stirbt früh, hinterlässt einen Haufen Schulden, die Mutter hält nichts mehr in der Schweiz, sie geht allein zurück nach Italien, und überlässt die knapp volljährige Tochter ihrem Schicksal in Zürich.
Was nur soll aus einer jungen Frau werden angesichts solcher katastrophalen Startbedingungen? Der Autor hat es im ersten Satz des Romans vorweggenommen, und nun buchstabiert er es aus: erniedrigende Arbeiten in der Fabrik, Hungerlöhne, fristlose Kündigungen, Mutterschaft mit zwanzig, der Kindsvater, ein Saisonarbeiter aus Italien, macht sich bald aus dem Staub, der Vermieter erweist sich als skrupelloser Lüstling, der beim geringsten Verzug der Mietzahlung zu üblen Schikanen greift, worin er noch übertroffen wird vom Geldverleiher, der Adelina mit Wucherzinsen und drakonischen Bedingungen drangsaliert.
Gelegentlich flackert ein Schimmer der Hoffnung auf, die Dinge scheinen sich zum Besseren zu wenden – es gibt eben auch gute Menschen – , allein: es sind nur kurze Episoden, die Adelina zeitweilig glauben lassen, endlich Fuss zu fassen und sich zu behaupten, aber sie kann der Abwärtsspirale nicht entrinnen, die Dinge spitzen sich zu. Am Ende gerät sie in die Fänge der kommunistischen Brigaden in Italien, und schliesslich gipfelt die Handlung in einer dramatischen Einsicht Adelinas.
Der Autor versteht es vortrefflich, die Lebensgeschichte Adelinas Schritt für Schritt zu entfalten. Er holt weit aus, beginnt mit ihrem Grossvater in Istrien in Zeiten des Ersten Weltkriegs, beleuchtet historische Hintergründe, etwa die Entstehung der faschistischen Bewegung Italiens unter Mussolini, und ergeht sich zwischendurch auch in eine kurzweilige Abhandlung über Termini meteorologischer Phänomene. Mit Zeitangaben ist der Erzähler sparsam, dafür findet man Orientierungspunkte in Form von stichpunktartig benannten politischen Ereignissen irgendwo in der Welt, gelegentlich fallen Namen demokratisch gewählter oder selbst ernannter Führungsfiguren.
Der Roman bewegt sich mit seiner kraftvollen Sprache erzählerisch durchgängig auf hohem Niveau, und auch wenn sich das eine oder andere poetische Stilmittel mit der Zeit abnutzt, vermag der Autor einen Sog zu erzeugen, der zum Weiterlesen drängt, obwohl das von Beginn an vorgezeichnete Geschehen wenig Spannung aufkommen lässt. Die Erzählstimme nimmt phasenweise die Perspektive von Adelina ein, wodurch sie ein differenziertes, geradezu sympathisches Bild eines liebenswerten und empathischen Mädchens zeichnet, das zur Selbstreflexion in der Lage ist und sich redlich abmüht.
Gelegentlich stolpert man über Vorgänge, die gar zu unwahrscheinlich anmuten, oder Kleinigkeiten, die in der kritischen Nachbetrachtung schlicht nicht stimmig sind, aber solche geringfügigen Absonderlichkeiten lassen sich vielleicht am ehesten mit der Einsicht auflösen, dass es in diesem Roman am Ende eben nicht um die kleinen Dinge geht, nicht einmal um das eindrücklich dargestellte Einzelschicksal Adelinas, es geht vielmehr ums grosse Ganze, das sich in aller Unerbittlichkeit dahinter abzeichnet und in das wir alle und die gesamte Gesellschaft eingewoben sind.
So kommt „Die Krume Brot“, nach der sich Adelina unermüdlich streckt, ganz unpolitisch daher, entpuppt sich dann aber bald als beissende Gesellschaftskritik in literarisch hochwertiger Verpackung.