Besprechung für Davonkommen
«Davonkommen» ist die Geschichte eines Trennungsdramas, das der Ich-Erzähler nur mit einem zünftigen Medikamentencocktail übersteht. Seine Frau hat ihn aus der Wohnung geworfen, und sie verweigert ihm zeitweise den Kontakt zum gemeinsamen kleinen Sohn. Der Ich-Erzähler ist seinen Ohnmachts- und Sehnsuchtsgefühlen hilflos ausgeliefert; zum Glück findet er in Dr. Bianchi einen pragmatischen Psychiater, der ihm die Antidepressiva und Beruhigungsmittel verschreibt und eindringlich vor Alkoholkonsum warnt, ihm aber auch deutlich macht, dass er sich von seiner Frau lösen muss, sonst springe er am Ende aus dem Fenster.
Der Ich-Erzähler ist hoffnungslos desorientiert und im Alltag massiv überfordert, einmal findet er sich bloss in Unterhosen auf der Strasse, ohne rekonstruieren zu können, wie er dahin gekommen ist. Er hat sich in eine Hütte in einem Tessiner Bergdorf zurückgezogen, wo ihn die Einsamkeit zu überwältigen droht. Er hat kaum die Energie für die vielen kleinen Probleme des Alltags, endlose «Scherereien» zermürben ihn, die Druckerpatrone ist sofort leer, sein Volvo hat Macken, die Heizung in der Hütte funktioniert nicht. Zuflucht findet er in der Bar, es genügt, dass er still die Zeitung lesen und Bier trinken kann. In dieser Phase möchte man ihm eigentlich den 5-jährigen Knaben nur ungern anvertrauen, der ihn jetzt an den Wochenenden besuchen darf. Doch die intensiven Momente des Zusammenseins mit seinem Sohn, der ihn um sechs Uhr morgens aus dem Bett reisst, um mit ihm zu spielen, sind Lichtblicke in dieser wirren, dunklen Zeit.
Es plagen ihn auch Geldnöte, er verdingt sich an eine Sicherheitsagentur, die ihn als Wachmann in Nobel-Boutiquen (in Lugano?) und Baustellen abstellt. Eine langweilige Arbeit, viel Leerlauf; in einer hübschen Szene spielt er für ein kleines Mädchen bewegungslos eine Schaufensterpuppe und zwinkert ihr im letzten Moment zu. Bei allen psychischen Turbulenzen bleibt er empfänglich für erotische Signale einer Praxisassistentin, einer Coop-Verkäuferin oder seiner Scheidungsanwältin Samantha.
Die tagebuchartigen Einträge verdichten sich gegen Ende zu einem langen Brief vom Vater an den Sohn, dem er in Rückblenden auch von glücklichen Momenten mit dessen Mutter erzählt, der Schwangerschaft und der Geburt. Als überflüssig und seltsam leblos erweisen sich die Erinnerungen an Sexszenen mit diversen Partnerinnen, und auch die Besuche im Leichenschauhaus tragen nichts zur Substanz des Buches bei, das mit der Verzweiflung des Helden genug existenzielle Themen verhandelt.
Diesen Schwächen zum Trotz ist «Davonkommen» ein intensiver Roman, der mit knappen Kapiteln und atemlosen Sätzen eine adäquate Form für die Darstellung der Konfusion und Depression findet, die sich erst gegen Ende etwas aufklart, als der Ich-Erzähler im Bergdorf Fuss fasst und etwas Abstand gewinnt zu der gescheiterten Ehegeschichte. Er erinnert sich auch an seine künstlerischen Ambitionen und beginnt wieder zu malen, ein Zeichen, dass er allmählich zur Ruhe kommt.
Fabio Andina zeigt mit diesem Buch und mit dem Roman «Tage mit Felice», der – mit einem anderen Fokus – an «Davonkommen» anknüpft, dass er ganz unterschiedliche Register beherrscht.