Besprechung für Odysseus
Althistoriker erzählen von der Vorvergangenheit, die für ein breites Publikum manchmal wie eine reine Mythen- oder Märchenwelt anmutet. Raimund Schulz knüpft in seinen Erläuterungen zum historischen Hintergrund der Odyssee didaktisch geschickt mit dem Hinweis an die Gegenwart an, dass in Bergdörfern auf Kreta Viehdiebstahl auch heute noch zu einem Initiationsritual für Jugendliche gehört. Nicht anders mag es vor 3000 Jahren gewesen sein, als die Geschichte vom See- und Viehräuber Odysseus entstand.
Schulz zeigt auf, wie im archaischen bäuerlichen Griechenland Schutz und (Rechts-) Sicherheit durch staatliche Institutionen noch fast vollkommen fehlten, anders als in den Grossreichen weiter östlich. Schlauheit, Eloquenz, Talent zu Lüge und Betrug, aber auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit und Brutalität waren Eigenschaften, die im damaligen gesellschaftlichen Kontext durchaus positiv konnotiert waren, woran der Altphilologe Friedrich Nietzsche in seine Zur Genealogie der Moral (1887) nachdrücklich erinnert. Odysseus war ein zeitgenössischer Held, weil er sich in den zeitgenössischen Tugenden besonders hervortat. Wenn mir der Staat mein Hab und Gut nicht schützt, muss ich für den Schutz meines oikos, d.h. meinen Haushalt mit Frau, Kinder, Gesinde und Vieh, situativ in der Lage sein, ganz unterschiedliche Massnahmen zu ergreifen und ad hoc Allianzen zu schmieden.
Πολύμητις (polýmētis) ist das in der Odyssee am häufigsten verwendete Beiwort für den Titelhelden, man könnte übersetzen: der mit den vielen Plänen. Er spielt viele Rollen und muss sich auf seiner Reise in vielen verschiedenen Situationen zurechtfinden, die teilweise wie (Alp-)Träume anmuten oder wie Trips. Tatsächlich gibt es in der Odyssee Hinweise auf bewusstseinsverändernde Substanzen, und Schulz verweist darauf, dass der Handel mit Opiaten schon damals verbreitet war. Omnipräsent in der Odyssee ist sowieso der Wein, der gelegentlich auch noch mit rauschverstärkenden Zutaten versetzt wird.
Die Odyssee führte an die Grenzen der damals bekannten Welt und darüber hinaus. Weitgehend unerschlossen waren für die Griechen damals das Schwarze Meer und die Zone jenseits der Strasse von Gibraltar; das Epos siedelt quasi am Rande der Welt Figuren aus der zeitgenössischen Sagen- und Mythenwelt an.
Wo und ob überhaupt sich die Schauplätze der Odyssee verorten lassen, ist umstritten. Schulz vertritt entschieden die Position, dass Scheria, die Insel der Phäaken, wo die zauberhafte Begegnung mit der Königstochter Nausikaa statthat, vor der andalusischen Atlantikküste lag, vor dem heutigen Cadiz. Andere meinen, dass Scheria mit Korfu gleichgesetzt werden kann.
Raimund Schulz bindet – in elegant-lockerer Prosa – Erscheinungen des Epos an die Historie des vor-antiken Griechenlands zurück. Erhellend sind insbesondere auch seine Ausführungen zum irritierend brutalen Schlussakt, dem von Odysseus sorgfältig geplanten Freiermord und der Rückeroberung des oikos nach der Rückkehr nach Ithaka. Ein empfehlenswertes Buch, das neue Zugänge zur Odyssee eröffnet.