Odysseus
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Besprechung
Moritz Th.
Althistoriker erzählen von der Vorvergangenheit, die für ein breites Publikum manchmal wie eine reine Mythen- oder Märchenwelt anmutet. Raimund Schulz knüpft in seinen Erläuterungen zum ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
«Land und Leben wurden bestimmt von Grossbauern, rauen Gesellen, die ihren Besitz über Generationen zusammengerafft hatten und nicht zimperlich waren, ihn zu erweitern. … Viehraub, Betrug und Totschlag waren an der Tagesordnung.»
Kontext im archaischen, bäuerlichen Griechenland, aus dem die Odyssee hervorgeht. Odysseus kann man sich als einen dieser «rauen Gesellen» vorstellen, für die (Vieh-) Raub zur Tradition gehörte.
«Feste und sportliche Aktivitäten fanden in engem Kontakt zu den Göttern statt, indem man ihnen opferte. Und sie wurden früh mit dichterischen Darbietungen verbunden…»
Sport als wichtiges Element – bei den Phäaken wird Odysseus zum Wettkampf aufgefordert, im neunten Gesang der Odyssee. Die Phäaken sind sehr ambitioniert im Wettrennen, Rudern, Tanzen, quasi ihre Spezialitäten.
«Noch heute gilt in manchen Bergdörfern Kretas das ‹Stehlen von Vieh› als ein Ritus, den Jugendliche absolvieren müssen, um erwachsen zu werden …»
Wenn man so tief in die Vorvergangenheit taucht, die dem Leser ein wenig märchenhaft erscheinen mag, ist es sehr wertvoll, wenn man Anknüpfungspunkte in der Gegenwart findet. Didaktisch geschickt.
Überlegungen zur Position von Odysseus Vater im Epos
Man könnte ja annehmen, dass Laertes seine Schwiegertochter vor den aufdringlichen Freiern schützt, oder seinen Enkel Telemachos unterstützt. Beides ist nicht der Fall. Schulz referiert Mutmassungen dazu, bis hin zu der Spekulation, dass Laertes nicht der biologische Vater von Odysseus gewesen sein könnte.
«Dieser Zwischenbereich zwischen bekannten Zonen der Kolonisation und Handelskontakte und der noch nicht erschlossenen Ferne, von der man sich aber vieles erzählen und ausmalen konnte – das ist genau der Bereich, in den die Zuhörer Homers den Grossteil der Fahrten seines Helden hineinprojizierten.»
Wichtiger Aspekt – die «unerschlossene Ferne» macht es leichter, Ungeheuer und Fabelwesen in die Geschichte zu platzieren.
«Ein heroischer Seeräuber muss eben, auch wenn er nur um Informationen bittet, mit tödlichen Antworten rechnen.»
Odysseus ist eben nicht nur ein Kriegsheld, er ist auch ein Räuber. Sein Ruf eilt ihm voraus, und darum wird er auf seinen verschiedenen Stationen auch unfreundlich empfangen.
8. Sex und Tod – Von der Insel der Kirke zur Unterwelt der Persephone
Die Zauberin Kirke ist eine faszinierende Figur, für uns Leser und für den Held Odysseus. Nur hier vergass er für eine Weile das eigentliche Ziel seiner Reise, nach einem Jahr mussten ihn die verbliebenen Gefährten zum Aufbruch drängen (den die Gefährten dann alle mit dem Tod bezahlen). Odysseus lebte mit Kirke, nach dem er ihrem Anschlag auf seinen Verstand überstanden hatte, in einer sexuell erfüllten Partnerschaft. Schulz bettet die Figur der Kirke mit ihrer Eros-Kraft ein in die Mythologie der Epoche. Einzig die Spekulationen, warum Odysseus Gefährten zu Beginn der Episode in Schweine verwandelt wurden, wollen nicht so ganz überzeugen.
«Medea, die Tochter des Aietes, half dem Helden, allerdings nicht ganz unfreiwillig, nachdem sie von den Pfeilen des Liebesgottes getroffen worden war.»
Krux der doppelten Verneinung.
«Der Opiumhandel blühte seit der Bronzezeit: die berauschende Wirkung anderer Säfte (z.B. Alraunen) war bekannt.»
Schulz macht auf die Bedeutung bewusstseinsverändernder Substanzen in der Epoche der «Odyssee» und im Epos selbst aufmerksam. Dabei geht es nicht nur um den omnipräsenten, manchmal mit Zusatzstoffen versetzten Wein.
10. Die Prinzessin und der Schiffbrüchige – Zarte Liebe im Wunderland der Phäaken
Schulz vermerkt, dass die Episode auf der Phäakeninsel Scheria von zentraler Bedeutung für die Geschichte ist, ein Wiedereintritt in die menschliche Sphäre, während Odysseus sich zuvor lange mit Ungeheuern und Göttinnen hatte herumschlagen müssen. Es ist die zweitletzte Station vor der Rückkehr nach Ithaka, Odysseus nähert sich seiner Heimat.
Interessanterweise aber platziert Schulz Scheria mit ziemlich überzeugenden Argumenten weit weg von Ithaka, an die andalusische Atlantikküste bei Gadir, beim heutigen Cadiz. Er erkennt in der Inselbeschreibung passende geographische Merkmale und identifiziert in Architektur und Geschichte der Inselbewohner Aspekte, die auf die Phönizier hindeuten.
Unerörtert lässt Schulz ein gewichtiges Argument, dass gegen die Gadir/Cadiz-These spricht, und für die häufig vorgeschlagene Alternative Korfu: Die Fahrt von der Insel Scheria bis Ithaka dauert nur eine Nacht (die Odysseus im Tiefschlaf verbrachte).
12. Showdown – Die Rache an den Freiern und die Rückeroberung des Oikos
Die Ermordung der Freier und die Hinrichtung der nicht-loyalen Sklavinnen und Diener im Schlussakt des Epos irritiert. War diese Brutalität notwendig?
Schulz erläutert, dass es im archaisch-bäuerischen Griechenland kaum Sicherheit oder Gerechtigkeit durch staatenähnliche Institutionen gab. Der Verlust des «Oikos», von Haus und Hof, ging auch einher mit sozialer Ächtung. Es ging für Odysseus also um viel, und er musste die Angelegenheit mit den renitenten Freiern selbst in die Hand nehmen und für klare Verhältnisse sorgen.
Schulz weist aber auch daraufhin, dass die Rückkehr nach Ithaka noch aus einem anderem Grund eine schwierige war: als einziger kehrte er nach Ithaka zurück, mit reicher Kriegsbeute, aber alle seiner rund 600 Gefährten waren unterwegs getötet worden. Das musste Nachfragen, Anklagen, vielleicht auch gewalttätige Reaktionen bei den betroffenen Familien hervorrufen.
Sollte der Gewaltexzess des Freiermords vielleicht auch gleich diese Reaktionen im Keim ersticken? War das ein erwünschter Nebeneffekt?
Schliesslich: Nach 20 Jahren im Kriegermodus hat vielleicht Odysseus Mühe gehabt, wieder einen zivilen Umgang zu finden. Schulz referiert das Wort vom «Prototyp des Vietnam-Veteranen». – Und Brutalität galt im arachaischen Griechenland ohnehin als Ausweis von Männlichkeit.
Erhellende Ausführungen von Schulz. Die Irritation über das brutale und abrupte Ende des Epos bleibt.
«Odysseus immer auch ein politischer Mensch»
Interessanter Gedanke, Odysseus ist nur ein Dulder, er ist auch ein Verhandler, ein Deuter, ein Taktiker, manchmal ein Betrüger, kurz, in der jeweilig kleinteiligen Welt – ein Politiker.
«Lügen, Täuschen und Betrügen sind die Waffen des kleinen Mannes …»
Schulz vergleicht «die grossen Herrscher des Ostens», die es sich erlauben können, «Wahrheit als Panier ständig vor sich herzutragen», mit den bäuerlichen Griechen, den homerischen Helden, die sich von Tag zu Tag auch mal mit Gewalt durchschlagen müssen, und dabei Rede- und Schauspieltalent schulen, aber auch das Lügen zu einem Mittel der Wahl machen.