Besprechung für Das Handwerk des Lebens
Der italienische Schriftsteller Cesare Pavese führte von 1935 bis 1950 ein Tagebuch, das postum 1952 unter dem schönen Titel „Il mestiere di vivere“, „Das Handwerk des Lebens“, publiziert wurde.
Zwei Themenbereiche dominieren das Tagebuch: Ein poetologischer, die Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte und seinem eigenen Werk, und ein existenzialistisch-biographischer.
Kaum Eingang in das Tagebuch finden Geschichte und Politik, obwohl die Ereignisse in Italien und der Welt sich während dieser Jahre überstürzten. Das Tagebuch setzt ein mit den Monaten der Verbannung, in die die Mussolini-Regierung Pavese schickte, weil er für eine kommunistische Aktivistin Briefe entgegengenommen hatte. Das Exil selbst und die Gründe dafür werden kaum reflektiert, genauso wenig wie später die Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg oder der Sturz des faschistischen Regimes.
Erst 1990 wurde “Il taccuino segreto” publiziert, den die linken Gesinnungsgenossen Paveses lange unter Verschluss gehalten hatten. Dort gibt es Überlegungen Paveses nachzulesen, die nicht so recht in das Bild des linken Vorzeige-Intellektuellen passen wollen, zu dem Pavese nach seinem Tod gern stilisiert wurde. Er lässt durchaus Sympathien für die Faschisten und Nationalsozialisten erkennen. Es ist schade, dass der Rotpunkt-Verlag in der vorliegenden, verdienstvollen Ausgabe nicht im Anhang des Tagebuchs eine Übersetzung des „taccuinos“ abdruckt – vielleicht eine Idee für eine künftige Auflage?
Am Ende des 2. Weltkriegs trat Pavese dem Partito Comunista Italiano (PCI) bei. Aber er scheint im Grund eher ein unpolitischer Mensch gewesen zu sein. Mehr als ideologische Programme interessierten ihn anthropologische Fragen. Und auf einer persönlichen Ebene beschäftigen ihn seine gescheiterten Liebesbeziehungen. Pavese scheint mindestens zeitweise unter Impotenz gelitten zu haben. Sein offen eingestandener Frauenhass lässt sich vor diesem Hintergrund auch als Selbsthass verstehen. Pavese gibt seinen Frustrationen in drastischen, sexuell expliziten Worten Ausdruck, die lange zensuriert worden waren. Erst 2010 wurden diese Passagen erstmals publiziert, und dann auch in die vorliegende deutsche Ausgabe integriert.
Pavese ist ein unerbittlicher Analytiker seines Verhaltens. Retrospektiv erstaunt es, dass er nicht auf die Idee gekommen zu sein scheint, sich in medizinisch-psychiatrische Behandlung zu begeben. Aber natürlich war ein solcher Ansatz im Italien vor 1950 weniger naheliegend, als er es vielleicht heute wäre. Stattdessen projiziert Pavese seine persönlichen Probleme immer wieder auf eine grundlegend-anthropologische Ebene. Er sieht den Menschen eingespannt in ein System, das ihm kaum Spielraum oder Willensfreiheit lässt. Seine existenzialistischen Einsichten sind auch im 21. Jahrhundert relevant und teilweise verstörend. Gelegentlich spitzt er seine Erkenntnisse zu Aphorismen zu.
Anfang 1950 verliebt sich Pavese noch einmal. Auch diese Beziehung scheitert, und im August scheidet er im Hotel Roma in Turin aus dem Leben. Der Suizid hatte ihn schon früh beschäftigt, bereits im April 1936 schreibt er von seinem „Selbstmörderleben“.
Als er stirbt, ist Pavese auf dem Höhepunkt seiner literarischen Karriere, im Juni 1950 hatte er noch den renommierten Premio Strega erhalten. In den Tagebüchern kann man die Entwicklung seines Werkes mitverfolgen, er stellt theoretische Überlegungen zu seiner Dichtung an, und er versucht sein Schaffen immer wieder auch im Kontext der Weltliteratur einzuordnen. Einige dieser Passagen sind heute vielleicht nur noch für Spezialisten von Interesse. Aber der Horizont und die Intensität seiner Lektüre sind beeindruckend, er beschäftigt sich mit Homer oder Herodot, mit Shakespeare, aber auch mit Mythologie und Ethnologie. Pavese hat Werke wichtiger amerikanischer Schriftsteller ins Italienische gebracht, von Melville über Faulkner bis zu Dos Passos, auch dies wird im Tagebuch reflektiert.
Frappant ist am Ende des Tagebuchs der Gegensatz von äusserem Erfolg und innerer Einsamkeit. „Das Handwerk des Lebens“ bietet eine disparate, streckenweise desperate Lektüre. Es ist das Dokument eines Ringens, das auch heute noch zu berühren vermag.