Besprechung für Eine Seuche in der Stadt
In einem Gebäude «am Ende der Welt», vermutlich jenseits des Urals, experimentiert Rudolf Iwanowitsch Mayer mit gefährlichen Mikroben; es unterläuft ihm ein kleines Missgeschick, als er zu einem dringenden Telefongespräch mit dem «0bersten Infektiologen» gerufen wird, der ihn nach Moskau zum Rapport bestellt. Auf der Eisenbahnfahrt, im Hotel und im Kollegium des Volkskommissariats für Gesundheit kommt der erkrankte Mayer mit vielen Personen in Berührung. Wir befinden uns im Jahre 1939, in der Sowjetunion: der effiziente Geheimdienst sammelt systematisch das Romanpersonal ein und setzt es in Quarantäne fest, nachdem ein Arzt festgestellt hat, dass Mayer an der Lungenpest erkrankt ist. Das ist souverän und mit Witz inszeniert. Ausnahmslos alle Abgeholten vermuten, dass sie wegen konterrevolutionärer Umtriebe oder dergleichen festgesetzt werden. Die Angehörigen zeigen sich am Ende erleichtert, dass es «nur die Pest» gewesen ist, die den Geheimdienst aktiviert hat.
Dem Geheimdienst gelingt es, eine Epidemie zu verhindern, weil er darin geübt ist, vermeintliche konterrevolutionäre Machenschaften, politische Epidemien zu unterdrücken. Man könnte sich vorstellen, dass Mayer – vielleicht auch nur angeblich – regimekritische Äusserungen und nicht Pestbakterien an die Umgebung abgibt: das Vorgehen des NKWD wäre dasselbe. Die Allgegenwart von Denunziation und Folter sind die eigentliche Krankheit dieser Gesellschaft.
Die Autorin skizziert Personen und Beziehungen in aller Kürze, schafft aber bei aller Knappheit Raum für individuelle Schlaglichter: die turkmenische Abgeordnete entgeht (zunächst) dem Geheimdienst, weil sie sich ausserhalb der sowjetrussischen Norm bewegt. Die Krankenschwester Sorina, in unglücklicher Ehe mit dem Arzt Sorin lebend, fühlt sich schuldig an seiner Erkrankung. In vorauseilendem Gehorsam denunziert Ida Shurkina ihren Mann Alexej Shurkin, ein Mitglied des Kollegiums des Volkskommissariats für Gesundheit. Prompt wird Shurkin nach der Quarantäne verhaftet. Die Geschichten werden nur angedeutet, vieles bleibt Karikatur – das hat durchaus seinen Reiz. Aber das Buch wirkt auch etwas unentschieden; das Potential für lakonische Zuspitzung wird nur selten ausgeschöpft; vielleicht halt auch der Entstehungszeit geschuldet.
Ulitzkaja hatte das «Szenario» 1978 als Filmskript abgefasst, aus dem dann in der Sowjetunion naturgemäss nichts hat werden können. Jetzt hat sie das Manuskript wieder entdeckt und publiziert, gutes Timing möchte man in Anbetracht der Pandemie sagen. Die Geschichte hat offenbar einen wahren Kern, wie die Autorin im Nachwort berichtet.