Besprechung für Frühling auf dem Mond
«Während ich nachts mit dem Führer des Weltproletariats plauderte, arbeitete mein Vater für den Zirkus und die Kleinkunstbühne: Er schrieb Sketche und Revuen für Zirkusvorstellungen.» – Auch die kurzen Kapitel in Julia Kissinas «Frühling auf dem Mond» haben etwas von surrealistischen Zirkusnummern, mit Anleihen aus dem Gruselkabinett: Ein Exhibitionist tritt auf, eine in den Kosmonauten Gagarin verliebte Physiklehrerin, echtes schottisches Salz, oder eine bedürftige, demente Alte, in ihrer Jugend als «Deutschenflittchen» verschrien und angebliche Kindsmörderin, der die Mutter der Heldin ihre überfliessende Fürsorge widmet.
Kiew in den 1970er Jahren stellt man sich eher eintönig und langweilig vor. Indem die Autorin diese Welt aber aus der Perspektive eines träumerisch-rebellischen Mädchens zeigt, manifestiert sich der sowjetische Alltag in phantastischen Szenen, mit exzentrischem bis wahnsinnigem Personal. Die junge Heldin hat es nicht eilig mit Erwachsenwerden; lieber macht sich sie ihren eigenen magischen Reim auf das Leben, in dem das Jenseits und die Geisterwelt sehr präsent sind. Schriftsteller geniessen bei der Teenagerin hohes Ansehen, und sie macht ihre ersten dichterischen Versuche unter Anleitung der Freundin Olga, die erst Schlaflosigkeit und dann Wodka als probate Mittel zur Lyrikproduktion empfiehlt.
Julia Kissina münzt den «Lunatismus» ihrer Heldin, «losgerissen von der Realität», in einige traumwandlerisch schöne Kapitel um; andere wirken in ihrer Phantastik etwas beliebig. Zugleich versucht das Buch auch die (Familien-) Geschichte einzufangen: In Rückblicken verlieren sich die wuchernden Metaphern, der Text büsst stilistische Konsistenz ein. Aber auch in diesen Textpassagen streut Kissina die eine oder andere herrliche Anekdote ein, so wenn die Grossmutter der Heldin für die prä-arrangierte Ehe nach Petersburg reist, und sich vor dem Treffen mit dem Bräutigam die Wangen mit einem Ziegel aus der Fabrik ihres Vaters rot färbt. Es gelingt der Autorin, das Graue und das Grauen des sowjetischen Lebens in bunten Bildern einzufangen.