Frühling auf dem Mond
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Besprechung
Moritz Th.
«Während ich nachts mit dem Führer des Weltproletariats plauderte, arbeitete mein Vater für den Zirkus und die Kleinkunstbühne: Er schrieb Sketche und Revuen für Zirkusvorstellungen.» ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
«Mein Dialog mit dem Fleisch ging später weiter, wenn zwischen den Zähnen sein zäher Widerstand begann und es bleischwer durch die Speiseröhre hinabglitt. Dann steckte der Tod der Tiere für einige Stunden in meinem Organismus, und ich war mir bewusst, dass ich jetzt eins mit diesen Tieren war.»
Im Dialog, mit allem Möglichen, mit den Toten und dem Lebendigen; furioser Romanauftakt, sich die Welt einverleibend, oder den Leib der Welt aussetzend.
«Minderjährige Kapitäne tauchten zwischen den geblähten Laken auf.»
Schönes Bild, die Wäsche hängt in den Höfen. Warum die allerdings reglos sind, wenn der Wind geht und die Kinder spielen? Ein Adjektiv zuviel.
«(…) blühten am Dnepr (…) Krebse mit Bier und Wasserlilien (…)»
elegante Wendung aus der Stadt zum Fluss, dann aber ein allzu kühnes Bild.
«Dort gluckerten im Hals der Kloschlüssel geologische Lava und sangen die schadhaften Rohre.»
In den Kommunalwohnungen; hübsch gebauter Satz.
Kapitel «Vera»
Im Irrenhaus, mit der Mutter zu Besuch bei Vera, auf die die Mutter ihre Hilfe-Energie konzentriert. Wuchernde Bilder, dann aber seitenlang eine vergleichsweise realistische Erzählung von Veras hasserfüllter Bettnachbarin, die Veras Lebensgeschichte erzählt: deutscher Herkunft, Kollaboration mit den Deutschen im Krieg, ein «Deutschenflittchen», schwanger am Ende des Krieges. Sie bringt das Kind – angeblich – um.
«(…) bis sich eines Morgens in das Heizölaroma des Zuges der Duft des Kaukasus mischte (…)»
Zugfahrt in den Kaukasus
«Der Zeppelin steigt hoch in den Himmel, dort schwebt Ikarus durch die Lüfte, und neben ihm sitzt auf einem Wolkenthron Leonid Iljitsch Breschnew und zuckt wohlwollend die buschigen Augenbrauen.»
Zirkusphantasie, mit Zeppelinflug am Ende. Etwas beliebig…
Kapitel «Die blaue Faust»
Beschreibung eines Sommergewitters an einem kleinen Fluss, die Familien flüchten über ein Feld voller «Minen», sprich Kuhfladen. Hübsch gestaltet, im Leserkopf entstehen Bilder, am Himmel erscheint Gott. Der nachlässig-lakonische Erzählton passt hier gut, während er die Dürftigkeit des «Jenseits» im Kapitel zuvor kaum zu kaschieren vermag, trotz prominenter Besetzung mit Stalin und Hitler.
«Sie, die Dilettanten und Geisteszwerge, die ihr Gebrechen als Rechtschaffenheit ausgaben, hatten keinen Blick für das wahre Format dieses Menschen.»
Onkel Wolodja, leicht zweifelhafter Schulkamerad des Vaters, «Wirtschaftsleiter» von Dynamow Kiew.
«‹Am besten die ganze Nacht nicht schlafen.'»
Anweisung zum Dichten, von der Freundin Olga Kulakowa.
«(…) und wieder schlug das Herz schnell wie ein Blatt im Wind.»
Die Grossmutter als 17-jährige, aus der Provinz nach Petersburg zum Heiraten gekommen. Schlägt ein Herz «wie ein Blatt im Wind»?
Diese Episode ist wieder vergleichsweise realistisch, unphantastisch. Hier eben nicht das erzählende Mädchen im Zentrum, das die Welt entdeckt und zu verstehen versucht. Die Autorin verpackt die Familiengeschichte mit in den Roman, auf Kosten der stilistischen Konsistenz. Hübsch allerdings, wie sich die schöne Rachel mit dem Ziegel aus der Fabrik ihres Vaters die Wangen rot färbt, vor dem Rendez-vous mit ihrem Bräutigam, der die Hochzeit dann platzen lässt.