Sense and Sensibility
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Besprechung
Moritz Th.
(Besprechung des Films am Ende der Buchrezension) Männer sind mysteriöse Wesen. Sie tauchen im Kosmos der Familie Dashwood auf, die aus einer Witwe mit ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
Volume One
Mrs Dashwood ist eine Witwe mit drei Töchtern, die von ihren wenig liebenswürdigen Verwandten aus dem angestammten Haus in Sussex gedrängt wird. Die Familie findet ein bescheideneres Cottage in Devonshire bei einem Cousin von Mrs Dashwood, Sir John, der sich hoch erfreut zeigt über die neuen Nachbarinnen. Die jungen Frauen, die „Miss Dashwoods“, sind hübsch, bringen Abwechslung in das Sozialleben, und sind Anlass für endlose Klatschgeschichten. Welche Männer werden sie sich angeln?
Im Zentrum steht die besonnene älteste Tochter, die 19-jährige Elinor. Sie versucht inmitten hochgehender Spekula- und Emotionen einen kühlen Kopf zu bewahren und Verantwortung für die ganze Familie zu übernehmen. Die Männer geben aber auch ihr Rätsel auf, mit merkwürdigem Verhalten – liebt Willoughby nun die Schwester Marianne oder nicht? Und kann sie selbst Edwards sicher sein? Nein! Er ist einer anderen versprochen! Mit diesem Paukenschlag endet das doch eher gemächliche Volume One.
«her disposition was affectionate, and her feelings were strong; but she knew how to govern them: it was a knowledge which her mother had yet to learn, and which one of her sisters had resolved never to be taught.»
Elinor, gerade mal 19 Jahre alt, ist in gewisser Weise das Oberhaupt der Familie nach dem Tod des Vaters. Die Familie der Stiefbruders hat das Gut geerbt, auf dem die Dashwoods bis anhin lebten, eine Krise bahnt sich an, zumal die Ehefrau des Stiefbruders der Schwiegerfamilie nicht wohlgesinnt ist. Marianne ist die mittlere Schwester, die sich ganz ihren Gefühlen hingibt. Die jüngste, Margaret, ist gerade mal 13 Jahre alt, und scheint nicht viel «sense» geerbt zu haben. Ob die Mutter es noch lernen wird, ihre Gefühle zu meistern?
«two maids and a man, with whom they were speedily provided from amongst those who had formed their establishment at Norland.»
Der Umzug des Frauen-Haushalts nach Devonshire ist beschlossene Sache. Ganz ohne «servants» müssen sie nicht auskommen, auch wenn sie uns hier nicht näher vorgestellt werden.
«The gentleman offered his services, and perceiving that her modesty declined what her situation rendered necessary, took her up in his arms without further delay, and carried her down the hill.»
Marianne war gestürzt, als sie sich mit ihrer jüngeren Schwester Margaret vor dem Regen in Sicherheit zu bringen versuchte. Ah, diese klassische Szene, wie gemacht für eine filmische Umsetzung!
«Yet he must leave them at the end of the week, in spite of their wishes and his own, and without any restraint on his time.»
Edward Ferrars besucht endlich das neue Heim der Dashwoods in Devonshire. Aber er benimmt sich merkwürdig, ist recht reserviert, der Flirt mit Elinor scheint keine rechte Fortsetzung zu finden. Und schon muss er wieder weg, aus undurchsichtigen Gründen, irgendetwas in der Welt ruft ihn, und die ans Haus gebundenen Frauen bleiben rätselratend zurück.
Das Muster kommt einem inzwischen bekannt vor: Willoughby hatte sich in ähnlicher Weise plötzlich verabschiedet, und Marianne in Tränen zurückgelassen. Weniger dramatisch der Abschied von Brandon kurz vor einem geplanten Ausflug. Aber auch dort schien der Mann Emotionen ausgesetzt, die für die Frauen kaum zu deuten waren.
Elinors Hauptbeschäftigung nach der Abreise von Edward scheint es zu sein, über sein seltsames Benehmen nachzudenken: «every day afforded her leisure enough to think of Edward, and of Edward’s behaviour, in every possible variety which the different state of her spirts at different times could produce; – with tenderness, pity, approbation, censure, and doubt.» (p. 91)
«He is such a charming man, that it is quite a pity he should be so grave and dull. Mama says he was in love with your sister too.»
Charlotte Palmer, eine Klatsch-Wundertüte, über Brandon, der ihr angeblich verraten hat, dass Willoughby Marianne heiraten wird. Elinor etwas überrumpelt…
Volume Two
Fast das ganze Personal zieht in Volume Two vom Land nach London. Zurück bleiben im Wesentlichen Mrs Dashwood und die jüngste Tochter Margaret, von der man allerdings bislang sowieso den Eindruck gewinnen konnte, als wüsste die Autorin nicht so recht etwas mit ihr anzufangen.
Die Dichte an Einladungen und Zufallsbegegnungen nimmt zu, aber atmosphärisch erfahren wir nicht sehr viel vom Londoner Leben. Der Traum von einem Leben mit Willoughby löst sich für Marianne bald in grossem Wehklagen auf; der Held entpuppt sich als Schuft. Spannung erzeugt die gekonnt angelegte Dreiecksbeziehung Lucy – Edward – Elinor, die in einer herrlich gezeichneten Szene voller Verlegenheiten kulminiert, als sich die drei unerwartet zusammen in einem Raum wiederfinden.
«‹Oh!›, cried Miss Steele, looking significantly round at them, ‹I dare say Lucy’s beau is quite as modest and pretty behaved as Miss Dashwood’s.'»
… weil er ein und derselbe ist. Lucys ältere Schwester kann es sich nicht verkneifen, darauf anzuspielen, dass Elinor und Lucy in den selben Mann verliebt sind. – Elinor gibt ja vor, dass sie nicht weiss, dass Lucy ein doppeltes Spiel mit ihr treibt. Das wird nach dieser Bemerkung noch etwas schwieriger.
«‹I should resolve upon doing it immediately.›
Elinor blushed for the insincerity of Edward’s future wife (…)»
Lucy deklariert, dass sie die Beziehung zu Edward sofort auflösen würde, wenn ihr Elinor dazu raten würde. Worin besteht die «insincerity» Lucys? Darin, dass sie Elinor in eine delikate Position bringt, dass sie einer eigenen Agenda folgend tatsächlich solch einen Ratschlag erteilen sollte? Oder meint Elinor, dass Lucy tatsächlich die Beziehung auflösen könnte, auf den blossen Ratschlag einer Halb-Fremden?
«a letter of which every line was an insult, and which proclaimed its writer to be deep in hardened villany.»
Nach überlangem Rästelraten über die Gefühle Willoughbys jetzt also dieser Brief, der keinen Zweifel am Bruch mit Marianne lässt, aber nicht einmal anerkennt, dass er jemals tiefere Gefühle für sie hatte. Marianne aufgelöst, Elinor an ihrer Seite.
«‹This is beyond everything!› exclaimed Elinor.»
Colonel Brandon erzählt Elinor die Geschichte von Eliza, einem nicht-verwandten Mädchen, für das er die Verantwortung übernommen hatte – offenbar hatte Willoughby die 15-jährige geschwängert und sie dann sitzen gelassen. Damit ist natürlich Willoughby endgültig disqualifiziert. Zugleich bringt sich Brandon wieder in Position als Verehrer Mariannes. Vielleicht legt jetzt Elinor ein gutes Wort für ihn ein bei der Schwester?
«the servant’s annoucing Mr Ferrars, and Edward’s immediately walking in.»
Einmal mehr hat sich Elinor mit Lucys Umgarnungen abzugeben, die zum Ziel haben, Elinor auf Distanz zu Edward zu halten, als eben jener Edward die beiden jungen Damen überrascht. Filmreife Szene.
Die Verlegenheit auf allen Seiten ist gross, und sie wird nicht kleiner, als Marianne, die nichts von Lucy Beziehung zu Edward weiss, dazu kommt, und sich sehr freut, den vermeintlichen Verlobten ihrer Schwester zu sehen, und entsprechende Besitzansprüche macht. «Poor Edward muttered something, but what it was, nobody knew, not even himself.» (p. 208) – Herrlich.
«and because they were fond of reading, she fancied them satirical: perhaps without excatly knowing what it was to be satirical; but that did not signify. It was censure in common use, and easily given.»
Lady Middleton fremdelt mit den Miss Dashwoods. Sie bezichtigt sie der Satire, ohne genau zu wissen, was das ist. Nun, Jane Austen demonstriert es hier… Aber vielleicht liegt die Lady nicht ganz falsch; denn sie selbst scheint prinzipiell der Ironie nicht fähig, währenddem man dies mindestens Elinor schon zutraut.
«John Dashwood was greatly astonished; but his nature was calm, not open to provocation, and he never wished to offend anybody, especially anybody of good fortune.»
Edward Ferrars und Lucy Steele hatten die Impertinenz, sich nicht standesgemäss zu verlieben, was bei der Schwester und Mutter Ferrars zu halben Ohnmachtsanfällen führte. Für Mr. Dashwood kommt es völlig unerwartet, dass Mrs Jennings Sympathien für Edward zu hegen scheint. – «Not open for provocation» ist ein elegantes, höfliches Synonym für stupide, und auch der andere hervorragende Charakterzug Dashwoods, Geiz und Geldgier, wird hier schön ironisch in Erinnerung gerufen. – Brillant.
«…but as Elinor wished to spread as little as possible intelligence that had in the first place been so unfairly obtained…»
Ah die vorbildliche Elinor, sie erzählt den Klatsch nicht einfach weiter an Mrs Jennings! Lucys Schwester hatte Lucy und Edward belauscht. Edward hatte es Lucy freigestellt, die Beziehung zu beenden, da er ihr kein materiell abgesichertes Zusammenleben garantieren kann. Lucy hatte das abgelehnt, und das Paar hatte beschlossen, auf eine Anstellung Edwards zu warten und sich erst dann zusammenzutun.
«feeling all the happy privilege of country liberty, wandering from place to place in free an luxurious solitude»
Gerade für Marianne muss London mit der endlosen Abfolge von gesellschaftlichen Anlässen eine Last gewesen sein. Jetzt – zurück auf dem Land – atmet sie auf. Endlich räumt auch die Autorin der jüngeren Schwester wieder etwas eigenständigen Raum ein, nachdem zuvor Elinor lange dominiert hatte.
Volume Three, Chapter Eight
Elinor, starting back with a look of horror at the sight of him… Willoughbys Auftritt kommt für Elinor (und den Leser) völlig überraschend. Seine Erklärungen und sein Eingeständnis des Fehlverhaltens Marianne gegenüber gewinnen ihm etwas goodwill zurück der wie immer überaus fairen Elinor (während die schwerkranke Marianne sich oben im Bett langsam erholt). Im Romanganzen vielleicht etwas überproportioniertes, langfädiges Kapitel; zugegebenermassen, Willoughbys Verhalten ist höchst erklärungsbedürftig.
«as one of the most extraordinary and unaccountable circumstances she had ever heard.»
Lucy Steele heiratet Robert Ferrars! Da geht es Elinor nicht anders als dem Leser, der staunt, wie Jane Austen hier ein happy end heranzaubert. Robert hatte selbstgefällig ausgeführt, wie er seinen Bruder Edward vom Vorhaben hätte abbringen können, Lucy zu heiraten. Adäquate Strafe für Hochmut und Dummheit Roberts und seiner Mutter, die Robert zunächst genauso verbannt wie sie es zuvor mit Edward gemacht hatte. – Aber dabei bleibt es nicht; Robert und Lucy schaffen es bald, sich bei der Mutter wieder einzuschmeicheln. Es findet zusammen, was zusammengehört: Mrs Ferrars, Tochter Fanny und John, sowie Sohn Robert und Lucy. Edward hat sich aber glücklich von seiner Familie absetzen können. Happy end hier, happy end da.