Dich so zu haben, wie Du bist
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Besprechung
Moritz Th.
Nach einer Blitzverlobung im Juni 1882 mussten sich Martha Bernays und Sigmund Freud lange gedulden, bis sie im September 1886 endlich heiraten konnten. Beide kamen ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
«Und meine Einsamkeit erst! Nachdem ich gestern fünf Stunden ohne Ruhe herumgewandert war, im Palais Royal, Louvre, Rue de Rivoli, war meine moralische Kraft ganz erschöpft, und wenn es sich geschickt hätte, mit Zylinder, Handschuhen und langem Bart auf der Strasse zu weinen, hätte ich es gewiss nicht zurückhalten können.»
Sigmund Freud, neu angekommen in der Welthauptstadt Paris. Ermattet von den vielen Eindrücken, aber auch etwas mutlos, weil in Paris ein Reichtum zur Schau gestellt wird, an dem er nicht partizipieren kann, dazu kommt die Sprache, die er nur halbwegs beherrscht. – Anschauliche Schilderung von Fremdheit in einer grossen Stadt, die auch bei Martha ihre Wirkung tut, s. ihre Reaktion p. 44.
Brief 1230 F
Strenges Urteil über Marthas Vettern mütterlicherseits, Fabian und John Philipp, die Sigmund in Paris trifft. – Er verliert selten gute Worte über Marthas Familie. Fabian allerdings kommt auch bei Martha schlecht weg, vgl. p. 51.
«psychisch – ohne Grund – alteriert»
Aus heutiger Sicht merkwürdiger Ausdruck – die Anmerkung übersetzt mit «erregt, beunruhigt», so, dass Sigmund die Arbeit bei Charcot schwänzte. Schade, dass er sich hier nicht weiter analysiert.
«Es war wirklich der Wein, denn seitdem ich Bier trinke, bin ich wieder ganz beisammen.»
Viel Aufmerksamkeit für Mahlzeiten, Verdauung und – auch psychischem – (Un-)Wohlbefinden, mutet recht zeitgenössisch an.
Brief 1252 F
Ausführliche Schilderung eines Theaterbesuchs. Unbequeme und enge Sitze, sehr lange Vorstellung mit Pausen, bei zunehmend unerträglicher Hitze. Freud fasziniert durch die Schauspielkunst Sarah Bernhardts, dem grossen internationalen Star des Theaters im ausgehenden 19. Jahrhundert.
«Liebe und Wissenschaft mögen nie verlassen
Deinen Siegmund»
Aus einem Brief aus Paris, kurz bevor er nach Wandsbeck zu seiner Braut aufbricht. Der Akzent jetzt wieder etwas anders als kurz zuvor, als er seine wissenschaftlichen Ambitionen nach der einen oder anderen Frustration, die er in Paris erfahren musste, in den Hintergrund rückte. Jetzt aber, mit der Zusicherung, ein Werk von Charcot übersetzen zu können, bricht auch der Ehrgeiz wieder durch. Immerhin steht, im Brief an seine künftige Frau, die Liebe an erster Stelle. – Wenn man «Wissenschaft» durch «Arbeit» ersetzt, springt die Verwandtschaft zu einem angeblichen, nicht belegten Ausspruchs Freuds ins Auge, der Liebe und Arbeit als die beiden Eckpfeiler des Glücks bezeichnet.
«Etwas Kokain, um das Maul öffnen zu können.»
In früheren Bänden spielt Kokain eine prominentere Rolle, Freud hatte damit experimentiert und es als Arznei empfohlen, auch Martha damit beliefert. Hier eine beiläufige Notiz, die darauf schliessen lässt, dass Freud Kokain quasi als Partydroge einsetzte, so wie das knapp 100 Jahre später sehr in Mode kam.
«Indem ich also auf weitere Äusserungen Ihrerseits über diesen Gegenstand, sofern sie Ihnen nicht zum Bedürfnis sind, verzichte, schliesse ich diesen diplomatischen Zwischenfall und wende mich dem traulichen «Du» des intimen Verkehrs und der Erfüllung meiner Pflichten als Berichterstatter zu.»
Martha hatte sich beim Versand eines Pakets an Dritte nicht an die Abmachungen mit Sigmund gehalten. Das hatte eine ironisch gehaltene, in formell-diplomatischem Stil abgefasste Rüge Sigmunds zur Folge, auf die Martha in gleicher Weise, ihre Schuld bekennend, antwortete. Sie bezeichnet Freud in ihrer Replik als «Grossinquisitor», nicht ganz zu unrecht, seine Reaktion, wenn auch humoristisch kaschiert, scheint nicht ganz angemessen. Freud reagierte sehr empfindlich auf (vermeintliche) Ungereimtheiten im Verhalten Marthas. – Das beschert uns hier eine glänzende Prosapassage im Briefwechsel, einschliesslich allgemeiner Überlegungen Freuds zum Verhältnis von Frau und Mann.
«Ich glaube, es ist ein schweres Unglück für mich, dass die Natur mir nicht jenes unbestimmte Etwas gegeben hat, was die Menschen anzieht.»
Freud konstatiert, dass er auf andere nicht auf Anhieb sympathisch wirkt. Als Indiz führt er auch auf, wie sehr er um seine Braut sich hat «raufen müssen». Das Argument scheint wenig stichhaltig, bedenkt man, dass sich die beiden bereits nach zwei Wochen Bekanntschaft verlobt haben. Allerdings musste Freud danach noch allerlei Widerstände von seiten von Marthas Familie überwinden, und eingebildete oder tatsächliche Nebenbuhler machten ihm zu schaffen.
Einmal mehr erweist sich Martha als Korrespondentin auf Augenhöhe mit ihrer Replik (p. 241/242). Sie versucht nicht etwa, dieses «Unglück» Ihres Bräutigams abzustreiten, sondern analysiert ziemlich überzeugend, wie es zu dieser Wirkung auf Aussenstehende kommt. Freuds anfängliche Distanz wird als Hochmut aufgefasst.
Brief 1327 F
In diesem Brief schreibt Freud unter dem Einfluss von Kokain munter drauf los, und erst wenn man diesen Brief liest, wird einem deutlich, wie ungeheuer kontrolliert und diszipliniert er ansonsten in seiner Korrespondenz ist. – Reflexionen zu Selbst- und Fremdbild, seinem frühen Genieambitionen, seiner Schüchternheit, unter der sich ein «masslos kühner und furchtloser Mensch» verbirgt, wie ihm von dritter Seite attestiert wurde. Er dementiert das nicht, im Gegenteil. – Das Kokain sollte helfen, den jour fixe bei Charcot zu überstehen, eine «lederne», langweilige Angelegenheit.
Brief 1336 F
Freud nochmals zu einer Soirée bei den Charcots, der Abend verläuft diesmal animierter, Freud besser eingebunden. Genugtuung, dass Charcot sich nicht selbst die Krawatte zu binden versteht, wie offenbar Freud auch nicht.
Brief 1342 F
Reflexion über die Verlobungszeit, und wieviele (nämlich fast alle) Mädchen «ja» sagen, ohne den Bräutigam zu lieben.
«Ich bin so arbeitsam, geordnet, mutig und nüchtern, dass es mir selbst schon graut, wirklich nicht das leiseste Abenteuer.»
Abflachen des Briefwechsels nach dem Umzug nach Berlin, in weniger exotisches Gefilde; dafür auch weniger Selbstzweifel bei dem aufstrebenden Wissenschaftler.
«… und mich wie bisher aus der Ferne dirigieren können.»
Freud, vor der Abreise von Berlin nach Wien. Er scheint hier die Rolle Marthas als Coach in Karriere und Lebensfragen zu akzeptieren.
«Dann hole ich Dich ab, und dann schreiben wir einander nicht mehr»
Schöne Paraphrase auf die berühmte Stelle in Dantes «Göttlicher Komödie». Die Heirat und damit das Ende des monumentalen Brautbriefwechsels rückt in Griffweite. Vielleicht auch an den zukünftigen Leser gerichtet: dann schliessen wir dieses Buch für Dich.
«es ist meine Nervosität, die einen besonderen Namen führt und mich wohl nicht so bald verlassen wird.»
Freud nach «vier qualvollen Tagen», mit starken Kopfschmerzen. Die Selbst-Diagnose lautete auf «Neurasthenie», eine Krankheit, die er dann Mitte der 1890er Jahre neu definierte und im Wesentlichen auf ein unbefriedigendes Sexualleben zurückführte. – Der Begriff der Neurasthenie wird heute kaum mehr verwendet, bei den entsprechenden Symptomen wie Erschöpfung und Lustlosigkeit wird eher von «burn out» geredet, dem eine Vielzahl von Ursachen zugrunde liegen kann.
Freud war nach seiner Ankunft in Wien unter grossem Erfolgsdruck, er hatte sich als Arzt niedergelassen und zu Beginn kaum Patienten. Seine Braut unterstützte ihn nach Kräften aus der norddeutschen Ferne mit brieflichen Ratschlägen, aber im Wesentlichen war er auf sich allein angewiesen, beim Mieten der Wohnung, oder dem Einrichten der Praxis, die im Briefwechsel detailliert verhandelt wird. – Ältere (Professoren-) Kollegen begegnen Freud mit viel Wohlwollen, das sich aber nicht immer im praktischen Nutzen niederschlägt.
«Geld und nichts als Geld, mein Liebchen.»
Tatsächlich dreht sich ein wesentlicher Teil der Korrespondenz jetzt, wo die Hochzeit in greifbare Nähe rückt, um Geld. Freud rechnet Martha minutiös seine Einnahmen vor.
Brief 1488 F
Kurz vor Ende der langen Verlobungszeit eskaliert die Beziehung mit Marthas Bruder Eli, der das ihm anvertraute, für Martha bestimmte Finanzpolster veruntreut hat. Freud hatte sich nie mit der Familie Bernays anfreunden können, schon in früheren Briefbänden stellte er Martha vor die Wahl zwischen ihrer Familie und sich. – Sigmund hatte Martha instruiert, wie sie bei Eli das Geld zurückfordern sollte, sie war aber nach seinem Geschmack viel zu milde verfahren und liess sich mit der Aussicht auf eine Möbellieferung abspeisen. Jetzt ergreift Sigmund selbst die Initiative, in wesentlich härterem Ton, und prompt schickt Eli Martha das Geld, die aber alles andere als glücklich ist über diese Intervention des Bräutigams. Martha will den endgültigen Bruch mit Bruder Eli vermeiden, den Sigmund entschieden herbeiführen möchte. – Es ist ein jetzt hoch-emotional geführter Briefwechsel, nur Wochen vor der geplanten Hochzeit steht alles nochmals auf dem Spiel. Plötzlich ändert sich die Anrede, sie wird formeller («Lieber Sigi»), oder auch etwas herablassend («Liebes Kind»). Freud erinnert daran, dass er den Bernays sowieso nicht genug ist (polnischer Hintergrund, zu wenig fromm).