Dich so zu haben, wie Du bist
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Besprechung
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«Und meine Einsamkeit erst! Nachdem ich gestern fünf Stunden ohne Ruhe herumgewandert war, im Palais Royal, Louvre, Rue de Rivoli, war meine moralische Kraft ganz erschöpft, und wenn es sich geschickt hätte, mit Zylinder, Handschuhen und langem Bart auf der Strasse zu weinen, hätte ich es gewiss nicht zurückhalten können.»
Sigmund Freud, neu angekommen in der Welthauptstadt Paris. Ermattet von den vielen Eindrücken, aber auch etwas mutlos, weil in Paris ein Reichtum zur Schau gestellt wird, an dem er nicht partizipieren kann, dazu kommt die Sprache, die er nur halbwegs beherrscht. – Anschauliche Schilderung von Fremdheit in einer grossen Stadt, die ich auch bei Martha ihre Wirkung tut, s. ihre Reaktion p. 44.
Brief 1230 F
Strenges Urteil über die Marthas Vettern mütterlicherseits, Fabian und John Philipp, die Sigmund in Paris trifft. – Er verliert selten gute Worte über Marthas Familie. Fabian allerdings kommt auch bei Martha schlecht weg, vgl. p. 51.
«psychisch – ohne Grund – alteriert»
Aus heutiger Sicht merkwürdiger Ausdruck – die Anmerkung übersetzt mit «erregt, beunruhigt», so, dass Sigmund die Arbeit bei Charcot schwänzte. Schade, dass er sich hier nicht weiter analysiert.
«Es war wirklich der Wein, denn seitdem ich Bier trinke, bin ich wieder ganz beisammen.»
Viel Aufmerksamkeit für Mahlzeiten, Verdauung und – auch psychischem – (Un-)Wohlbefinden, mutet recht zeitgenössisch an.
Brief 1252 F
Ausführliche Schilderung eines Theaterbesuchs. Unbequeme und enge Sitze, sehr lange Vorstellung mit Pausen, bei zunehmend unerträglicher Hitze. Freud fasziniert durch die Schauspielkunst Sarah Bernhardts, dem grossen internationalen Star des Theaters im ausgehenden 19. Jahrhundert.
«Liebe und Wissenschaft mögen nie verlassen
Deinen Siegmund»
Aus einem Brief aus Paris, kurz bevor er nach Wandsbeck zu seiner Braut aufbricht. Der Akzent jetzt wieder etwas anders als kurz zuvor, als er seine wissenschaftlichen Ambitionen nach der einen oder anderen Frustration, die er in Paris erfahren musste, in den Hintergrund rückte. Jetzt aber, mit der Zusicherung, ein Werk von Charcot übersetzen zu können, bricht auch der Ehrgeiz wieder durch. Immerhin steht, im Brief an seine künftige Frau, die Liebe an erster Stelle. – Wenn man «Wissenschaft» durch «Arbeit» ersetzt, springt die Verwandtschaft zu einem angeblichen, nicht belegten Ausspruchs Freuds ins Auge, dass Liebe und Arbeit als die beiden Eckpfeiler des Glücks bezeichnet.
«Etwas Kokain, um das Maul öffnen zu können.»
In früheren Bänden spielt Kokain eine prominentere Rolle, Freud hatte damit experimentiert und es als Arznei empfohlen, auch Martha damit beliefert. Hier eine beiläufige Notiz, die darauf schliessen lässt, dass Freud Kokain quasi als Partydroge einsetzte, so wie das knapp 100 Jahre später sehr in Mode kam.
«Indem ich also auf weitere Äusserungen Ihrerseits über diesen Gegenstand, sofern sie Ihnen nicht zum Bedürfnis sind, verzichte, schliesse ich diesen diplomatischen Zwischenfall und wende mich dem traulichen «Du» des intimen Verkehrs und der Erfüllung meiner Pflichten als Berichterstatter zu.»
Martha hatte sich beim Versand eines Pakets an Dritte nicht an die Abmachungen mit Sigmund gehalten. Das hatte eine ironisch gehaltene, in formell-diplomatischem Stil abgefasste Rüge Sigmunds zur Folge, auf die Martha in gleicher Weise, ihre Schuld bekennend, antwortete. Sie bezeichnet Freud in ihrer Replik als «Grossinquisitor», nicht ganz zu unrecht, seine Reaktion, wenn auch humoristisch kaschiert, scheint nicht ganz angemessen. Freud reagierte sehr empfindlich auf (vermeintliche) Ungereimtheiten im Verhalten Marthas. – Das beschert uns hier eine glänzende Prosapassage im Briefwechsel, einschliesslich allgemeiner Überlegungen Freuds zum Verhältnis von Frau und Mann.
«Ich glaube, es ist ein schweres Unglück für mich, dass die Natur mir nicht jenes unbestimmte Etwas gegeben hat, was die Menschen anzieht.»
Freud konstatiert, dass er auf andere nicht auf Anhieb sympathisch wirkt. Als Indiz führt er auch auf, wie sehr er um seine Braut sich hat «raufen müssen». Das Argument scheint wenig stichhaltig, bedenkt man, dass sich die beiden bereits nach zwei Wochen Bekanntschaft verlobt haben. Allerdings musste Freud danach noch allerlei Widerstände von seiten von Marthas Familie überwinden, und eingebildete oder tatsächliche Nebenbuhler machten ihm zu schaffen.
Einmal mehr erweist sich Martha als Korrespondentin auf Augenhöhe mit ihrer Replik (p. 241/242). Sie versucht nicht etwa, dieses «Unglück» Ihres Bräutigams abzustreiten, sondern analysiert ziemlich überzeugend, wie es zu dieser Wirkung auf Aussenstehende kommt. Freuds anfängliche Distanz wird als Hochmut aufgefasst.
Brief 1327 F
In diesem Brief schreibt Freud unter dem Einfluss von Kokain munter drauf los, und erst wenn man diesen Brief liest, wird einem deutlich, wie ungeheuer kontrolliert und diszipliniert er ansonsten in seiner Korrespondenz ist. – Reflexionen zu Selbst- und Fremdbild, seinem frühen Genieambitionen, seiner Schüchternheit, unter der sich ein «masslos kühner und furchtloser Mensch» verbirgt, wie ihm von dritter Seite attestiert wurde. Er dementiert das nicht, im Gegenteil. – Das Kokain sollte helfen, den jour fixe bei Charcot zu überstehen, eine «lederne», langweilige Angelegenheit.