Buch im Fokus #70 15.08.2026

Entscheidung in Spanien

Der spanische Bürgerkrieg (1936-1939) zog den ganzen Kontinent in seinen Bann. Mit dem Angriff der Militärs auf die Zweite Spanische Republik drohte nach Deutschland und Italien ein weiterer europäischer Staat in die Hände einer rechtsnationalen, faschistisch orientierten Gruppierung zu fallen. Intellektuelle und Künstler aus vielen Ländern engagierten sich auf Seiten der Republik in diesem Kampf. Paul Ingendaay hat in einer enormen Fleissarbeit aus vielerlei Quellen eine eigenwillige, spannend zu lesende Chronik des Bürgerkriegs zusammengestellt. Er wirft dabei Fragen zur Dynamik von Krieg und Gewalt auf, die auch heute noch – oder gerade wieder – aktuell sind. Mehr dazu jetzt in „Buch im Fokus“.

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Autor/in: Paul Ingendaay
Untertitel: Der grosse Kampf der Literatur 1936 - 1939
Verlag: C.H. Beck
Genre: Sachbuch
Erscheinungsjahr: 2026
Weitere bibliographische Angaben
ISBN: 978-3-406-84363-1
Einbandart: Hardcover
Seitenzahl: 352
Sprache: Deutsch
MT Moritz Th.

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Besprechung

Im Juli 1936 unternahm eine Gruppe der spanischen Armee einen Putschversuch gegen die Regierung der Zweiten Spanischen Republik. Viele Militärs schloss sich der Operation der antidemokratischen Generäle Franco und Mola an; aber Teile der Armee verhielten sich regierungstreu, und vor allem in den Städten formierte sich unter Arbeitern und Gewerkschaften erbitterter Widerstand gegen den Putsch. Mit Madrid, Barcelona und Valencia blieben die wichtigsten Städte in Regierungshand. Der Staatsstreich misslang und entfesselte einen dreijährigen, blutigen Bürgerkrieg.

 

Auf Seiten der Republik kämpften verschiedene Fraktionen; neben den regulären, regierungstreuen Soldaten und der Polizei engagierten sich auch anarchistische, kommunistische und trotzkistische Milizen. Dazu kamen rund 35ʼ000 Antifaschisten aus mehr als 50 Ländern, die sogenannten internationalen Brigaden. In punkto Organisation, Disziplin und Ausrüstung war die republikanische Seite den aufständischen Militärs allerdings deutlich unterlegen.

 

Paul Ingendaay erzählt das Kriegsgeschehen weitgehend aus Sicht der Intellektuellen, welche die Sache der Republik unterstützten, er zitiert aus Tagebüchern, Briefen oder Essays. Wir können mitverfolgen, wie der naive Enthusiasmus eines George Orwells der ermüdenden Routine an der festgefahrenen Front weicht. Oder wie sich Simone Weil, die engagierte Intellektuelle par excellence, schon wegen ihrer Kurzsichtigkeit als denkbar ungeeignet erweist für den Kriegsdienst. Wir verdanken ihr aber hellsichtige Kommentare zur Eskalation der Gewalt, die sich auch auf Seiten der Republikaner entfaltet. Rund 7ʼ000 Priester, Mönche und Nonnen wurden ermordet, und insgesamt bis zu 50ʼ000 vermeintliche oder tatsächliche Unterstützer der Rechtsnationalen wurden von linken Milizen hingerichtet. Die Werte, mit denen die Sozialrevolutionäre und Anarchisten angetreten waren, drohten durch diese Exzesse zerstört zu werden.

 

Dem „roten Terror“ stand die systematische Brutalität der rechten Militärs gegenüber, die ganze Dörfer auslöschten, unterstützt durch die deutsche und italienische Luftwaffe. Pablo Picasso schuf mit seinem grossen Gemälde ein Denkmal für den schändlichen Überfall auf Guernica. Ingendaay schildert sorgfältig die Genese und die Wirkungsgeschichte des „Jahrhundertbildes“.

Das Buch reproduziert auch zeitgenössische Fotographien, etwa von Robert Capa und Gerda Taro, die eine Frühform des embedded journalism praktizierten, genauso wie das Paar Martha Gellhorn und Ernest Hemingway, der die Bürgerkriegserfahrungen auch in seinen Roman „Wem die Stunde schlägt“ einfliessen liess.

 

Es gab also viel Sympathie und Unterstützung von Einzelpersonen aus der demokratischen Welt für die republikanische Sache, aber die demokratischen Staaten wie England oder Frankreich verhielten sich in diesem Konflikt neutral, während die faschistischen Staaten Deutschland und Italien offen zugunsten der aufständischen Militärs intervenierten. Hilfe gewährt den Republikanern einzig die Sowjetunion, aber sie fördert gezielt die kommunistischen Milizen, die dadurch an Gewicht gewinnen und, ganz nach sowjetischem Vorbild, bald die konkurrierenden Fraktionen der Anarchisten und Trotzkisten in den eigenen republikanischen Reihen bekämpfen. Kein Wunder, befand sich die republikanische Seite von Beginn weg in der Defensive, und mit der verlorenen Schlacht von Teruel (Februar 1938) zeichnete sich ihre Niederlage ab. 1939 übernahm der Caudillo Franco die Macht und errichtete eine Diktatur, die bis zu seinem Tod 1975 andauerte.

 

Zu den ergreifendsten Kapiteln von Ingendaays Buch gehört die Erzählung vom Schicksal Miguel de Unamunos, Philosoph und Rektor der ältesten Universität von Spanien in Salamanca. Er hatte ursprünglich den Putsch begrüsst, aber er erlebte den Terror der Franco-Truppen gegen die Bevölkerung aus nächster Nähe und wandte sich an einer Feier an der Uni in einer improvisierten Rede spontan gegen die Militärs, eine mutige Geste im Hauptquartier Francos. Für Ingendaay verkörperte de Unamuno ein konservativ-demokratisches „drittes Spanien“, das zwischen Rechtsnationalen und Sozialrevolutionären aufgerieben wurde. Aber, könnte man anfügen, nach dem Tod Francos eine Wiederauferstehung feierte.

 

Zu Beginn ist man noch etwas skeptisch, ob die chronologische Verknüpfung von Anekdoten und Tagebucheinträgen, die zuweilen – man denkt an den häufig zitierten Thomas Mann – auch nur am Rande mit den Ereignissen des Bürgerkriegs zu tun haben, ein tragfähiges Konzept bildet. Doch spätestens mit den Kapiteln, die der Belagerung von Madrid im Winter 1936/37 gewidmet sind, erreicht das Buch eine Dichte, die einen die Zweifel vergessen lassen. Paul Ingendaay gelingt mit „Entscheidung in Spanien“ eine originelle und lebendige Darstellung dieses wichtigen Kapitels europäischer Geschichte unmittelbar vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, und er gibt mit seinen Reflexionen auch Denkanstösse für die Konflikte der Gegenwart.

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