Bewertungen
Besprechung
„Das Buch der Vögel“ klingt umfassend und allgemein. Vorgestellt wird darin aber eine nicht näher begründete bunte Auswahl von Vögeln, die in Grossbritannien vorkommen. Dazu sind es auch höchst subjektiv-poetische Porträts, die uns der Kulturhistoriker Robert Macfarlane mit den Texten und die Malerin Jackie Morris mit ihren Aquarellen in „Buch der Vögel“ bescheren. Ein Beispiel:
„Goldschmiedin der Hecken, Goldammer schmiedet Sonnenlicht zu Münzen und Ketten aus dem Edelmetall, auf dem Amboss aus Weissdornblatt, Spindelbeere und Schlehenblüte. Goldammer verwandelt Fussweg zu Schatztruhe, Feldweg zu Wunderkammer.“
Im Überschwang geht auch mal eine Metapher daneben, vielleicht fehlt es hier und dort auch bei den Aquarellen an Genauigkeit. Dieses Buch ersetzt kein wissenschaftliches Handbuch, das zuverlässig Auskunft gibt über Brutverhalten und Verbreitung. Aber es vergegenwärtigt für uns die Vögel auf grossartige Weise und macht sie lebendig, wie kein exakt-wissenschaftliches Handbuch es vermag. Die Dichte der einzelnen Kapitel erfordert Raum zum Nachklingenlassen, dies ist kein Buch zum Durchlesen in einem Zug. Wahrscheinlich nimmt man es dafür immer wieder mal zur Hand, vielleicht, wenn man draussen wieder einmal einen Grünfinken oder die bei uns allgegenwärtigen Saatkrähen beobachtet oder die Singdrossel gehört hat.
Macfarlane streut geschickt persönliche Begegnungen mit den Vögeln ein, oder er greift weit aus in die Kulturgeschichte, um die Bedeutung einer Vogelart für uns Menschen zu illustrieren. Immer wieder müssen wir aber auch nachlesen, wie wir den Vögeln zugesetzt haben; sie sind Kollateralschaden der Industrialisierung und insbesondere der intensiven Landwirtschaft. Kapitel wie diejenige zum Auerhuhn oder zum Ziegenmelker kommen fast schon wehmütigen Nachrufen gleich.
Für die meisten von uns Binnenländern sind wohl einige der vorgestellten Wat- und Wasservögel nicht so vertraut, die die britischen Küstengebiete bevölkern. Aber das trägt zum Reiz des Buches zusätzlich bei. Wir lernen beispielsweise die furchterregenden Skuas kennen, die Lämmern die Zunge herausreissen, Kälbern die Augen zerstechen und auch uns gefährlich werden können: „Aber Gott stehe jedem Menschen bei, der dein Revier in der Brutzeit durchqueren will.“
Macfarlane und Morris widmen sich zwischen den 49 Portraits «sieben Wundern» der Vogelwelt, vom Nest über die Feder bis hin zum Vogelzug. Dank der intensiven Schilderung sehen wir diese Phänomene mit neuen Augen und erkennen das Wunderbare daran. Eines dieser Kapitel feiert den Gesang der Vögel, endet aber auf einer düsteren Note, auch hier wieder das Lied vom Niedergang: „Doch wie wenig wir lauschen und wie selten wir hören. Der Frühling ist Milliarden Vögel stiller geworden als vor einem Jahrhundert.“
Macfarlane und Morris huldigen neben der Nachtigall mit der Lerche einer weiteren kleinen grossen Sängerin, die man etwa in der Region Basel nur noch mit viel Geduld und Glück hören oder sehen kann: „Du bist eine geborene Preformerin, eine Levitationskünstlerin mit Vorliebe fürs Melodramatische: der senkrechte Start, der Divengesang, laut von den dreihundert Meter hohen Cremepompons einer Cumuluswolke geworfen.“
Dies ist auch ein Triumph des traditionellen Buches. Vor 20 Jahren konnte man lesen, dass ein Buch nur noch dann eine Daseinsberechtigung haben wird, wenn es – voller Hyperlinks – ein multimediales Erlebnis bescheren kann. In „Das Buch der Vögel“ verzichtet man gern auf solche Ablenkung und lässt sich allein durch die gemalten Vogelportraits und die dichte Sprache in den Bann schlagen, auch in der bravourösen deutschen Übersetzung, die Daniela Seel hier vorlegt.