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Besprechung
„Hotel Roma“ ist eine lange, liebevolle Meditation über das Schicksal des Schriftstellers Cesare Pavese, dessen Suizid im August 1950 Schockwellen weit über Italien hinaus auslöste. Pavese hatte als erfolgreicher Romanschriftsteller und leitender Mitarbeiter des renommierten Einaudi-Verlags die kulturelle Landschaft Italiens mitgeprägt. Er stand gewissermassen für den Aufbruch eines neuen Italien nach der Niederlage und dem (vorläufigen) Niedergang des Faschismus.
Pavese errang literarischen Ruhm, zugleich aber kämpfte er mit seinen Dämonen, die Pierre Adrian behutsam aufspürt. Er tut dies in Form eines Romans, und nicht eines Essays. Die Fiktion erlaubt es dem Autor, spielerische Elemente einzuflechten, ohne die Tragik von Pavese Schicksal zu unterlaufen. Der elegante Stil von „Hotel Roma“ macht einem erst so richtig bewusst, dass Paveses eigenes Werk von einer schweren Ernsthaftigkeit durchdrungen war; Leichtigkeit, Humor gar, zählen nicht zu seinen kennzeichnenden Attributen.
Der Roman zeigt den Ich-Erzähler zusammen mit „dem Mädchen mit der dunklen Haut“ auf Spurensuche in Turin, und in den umliegenden Hügeln. Die Geschichte der beiden bleibt im Hintergrund, aber es ist wohl als Liebesbeweis zu verstehen, dass der Ich-Erzähler „das Mädchen“ in seine Passion für Pavese einweiht. Und sie revanchiert sich, indem sie selbst ein genuines Interesse am italienischen Autor entwickelt und sich Gedanken zu Paveses Verhältnis zu den Frauen macht. Pavese hatte sehr darunter gelitten, dass es ihm nicht gelungen war, eine stabile Beziehung zu einer Partnerin aufzubauen. In seinem Tagebuch „Das Handwerk des Lebens“ hat er in vielen Details über die gescheiterten Beziehungen und seine Einsamkeit berichtet. Paveses Tagebuch ist für den Ich-Erzähler, und man darf wohl annehmen auch für Pierre Adrian, von grosser Bedeutung. Er unternimmt wenig, eine Identifikation von Ich-Erzähler und Autor zu erschweren. Es erstaunt nur kurz, als im Roman eine Parallele zwischen dem Radrennfahrer Marco Pantani und (dem wenig sportaffinen) Cesare Pavese gezogen wird: Pierre Adrian ist auch Sportjournalist.
Der Ich-Erzähler fährt auch nach Kalabrien an den Ort und in das Haus, wohin Pavese 1935/36 von der faschistischen Regierung ins Exil geschickt worden war. Eine lakonische, melancholische Reisereportage, fernab von touristischen Klischees.
Im zweiten Teil des Romans tritt „das Mädchen“ in den Hintergrund, der Ich-Erzähler versucht die letzten Monate, dann die letzten Tage Paveses im August 1950 zu rekonstruieren, als der inzwischen berühmte Schriftsteller mit klarer Absicht ins Hotel Roma eincheckt. Der Ich-Erzähler sucht natürlich auch das Zimmer 346 auf, worin Pavese dann den Suizid beging, „Paveses Zimmer“, wie es im Hotel genannt wird.
Schliesslich findet er sogar noch einen 97-jährigen Freund Paveses, den Soziologen Franco Ferrarotti, der meint, dass Pavese und er Bauern gewesen seien, „die sich in die Grossstadt verirrt hätten“. Pierre Adrian arbeitet in seinem Roman auf berührende Weise die Verbundenheit Pavese mit der Landschaft, den Hügeln des Piemonts heraus. Aber er zeigt uns auch den ambitionierten Intellektuellen. Seine intensive Recherche und die literarische Gestaltung schaffen es, uns die Gestalt des unglücklichen Cesare Pavese in vielerlei Aspekten zu vergegenwärtigen.