Bewertungen
Besprechung
„Transkription“ ist ein Roman des gesprochenen Worts. Es gibt zahlreiche Gesprächssituationen, obwohl das Romanpersonal überschaubar ist. Die Gespräche sind detailliert wiedergegeben, und sie beinhalten immer wieder besondere, heikle oder skurrile und gelegentlich geradezu verstörende Momente.
Im Zentrum steht der 90-jährige Thomas, der so etwas wie ein Kulturwissenschaftler und Historiker ist, an der Uni von Providence/Rhode Island gelehrt und geforscht hat, ein breites Spektrum an Themen aus Kunst, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft abdeckt und von seiner Fangemeinde nachgerade zu einer Kultperson stilisiert wird. Der Autor Ben Lerner bestätigt in Interviews, dass diese Figur dem Filmemacher und Philosophen Alexander Kluge nachempfunden ist.
Im ersten Teil des Buches berichtet ein namentlich nicht genannter Erzähler, seines Zeichens Journalist und Autor, von seinem Interview mit Thomas, das er anlässlich dessen 90. Geburtstags für ein grosses amerikanisches Kulturmagazin führt. Die Schilderung ist von vielen genauen Beobachtungen und eigenen Reflexionen geprägt. Das Interview ist speziell, denn zum einen unterläuft dem Erzähler das Missgeschick, dass er es nicht aufnehmen kann. Gleichwohl tut er gegenüber Thomas so, als nähme er es auf; später muss er das Gespräch aus dem Gedächtnis rekonstruieren, gleichsam eine Ausnahmesituation im Zeitalter der omnipräsenten digitalen Geräte, die oft für uns eine Realität erst erzeugen. Zum anderen verläuft das Interview alles andere als geradlinig, da Thomas seinerseits immer wieder Fragen stellt und auch darüber hinaus seine Antworten unerwartete Wendungen enthalten. Vielleicht ist dies auch als eine subtile Botschaft zu verstehen, wie schmal und unscharf der Grat zwischen ungewöhnlich assoziativem Denken und Verwirrungszuständen manchmal sein kann.
Der zweite Teil berichtet von einem Symposium, das zu Ehren des inzwischen verstorbenen Thomas abgehalten wird und bei dem der Erzähler seinen Vortrag anekdotisch mit seinem Missgeschick beim Interview mit Thomas einleitet. Im Anschluss kommt es zum Gespräch zwischen dem Erzähler und Rosa, einer Kuratorin und Kennerin von Thomas‘ Werk und der Organisatorin des Symposiums. Es beginnt freundlich und durchaus zugewandt, aber es bleibt nicht verborgen, dass etwas dräut: nach und nach entlädt sich die Empörung Rosas, dass der Erzähler das Interview lediglich aus seinem Gedächtnis rekonstruiert hat und es darüber hinaus offenbar für angemessen hielt, dies augenzwinkernd als Anekdote abzutun. Den Erzähler trifft dieser Vorwurf wie aus heiterem Himmel, er ist perplex. Wie aus dem Nichts schälen sich plötzlich völlig konträre Sichten heraus und treffen mit Wucht aufeinander.
Der abschliessende dritte Teil ist ausschliesslich in Dialogform gehalten. Es ist faktisch ein Monolog, in dem ein namentlich nicht genannter Familienvater weit ausholt, um von der Essstörung seiner Tochter zu berichten. Allmählich wird klar, dass es sich um Max handelt, den Sohn von Thomas, der dann auch von der schwierigen Beziehung zu seinem Vater erzählt. Das Gegenüber von Max ist der Erzähler aus den ersten beiden Teilen – er kommt allerdings kaum zu Wort.
Charakteristisch für diesen Roman ist, dass keine zusammenhängende Geschichte erzählt wird. Diese gibt es zwar – Leben und Wirken von Thomas -, doch dient sie lediglich als Trägerin für das, was sie mit den Protagonisten macht und was diese selbst daraus machen. In den Gesprächen – oder Monologen – steht weniger das Erzählte im Vordergrund, sondern vielmehr das, was dadurch über die jeweils Erzählenden offenbart wird – über ihre Sicht auf die Welt, ihr Selbstverständnis, ihre Befindlichkeiten, ihre Eigenart, zu ihren Erkenntnissen zu gelangen.
Es ist symptomatisch, dass die Protagonisten Dinge nüchtern und analytisch schildern und sich dabei überaus souverän geben, aber nach und nach erkennen lassen, wie erstaunt, ratlos und überfordert sie mit ihren Wahrnehmungen und Reflexionen eigentlich sind. Sie versuchen sich einen Reim auf das zu machen, wovon sie berichten, stossen aber an Grenzen des Vermittelbaren. Der einzige Ausweg scheint darin zu liegen, darüber zu erzählen – möglichst in allen Details zum Geschehenen, aber auch zu den eigenen Empfindungen und Erwägungen.
Ben Lerner präsentiert in seinem dichten, kammerspielartigen, gekonnt erzählten und grandios konstruierten Roman ein komplexes psychologisches Geflecht in einer Welt, in der Dinge nicht einfach so sind, wie sie sind, sondern in der wir sie erst zu dem machen, wie sie uns erscheinen – wir transkribieren gleichsam ohne Unterlass. Und das Ergebnis ist mitunter ziemlich verwirrend.