Das Wort für Welt ist Wald
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Besprechung
Moritz Th.
(Notiz zum Theaterstück am Ende der Buchbesprechung) Ursula K. Le Guin hat sich früh für das Leben der amerikanischen indigenen Stämme interessiert, die beispielsweise ...
Anmerkungen zu einzelnen Stellen
Womit der Weg zur Hölle gepflastert ist (Vorwort von 1977)
Worin besteht die Motivation des Künstlers? Die Autorin kontrastiert den Befund Freuds (Ruhm, Ehre, Macht, Liebe der Frauen…) mit demjenigen von Emily Brontë (Freiheit), lakonisch und erhellend. Sie gibt Hintergrund-Information zur Entstehung der Erzählung (u.a. Vietnamkrieg) und verweist darauf, dass in Malaysia ein indigenes Volk, die Senoi, die Praxis der Traumkontrolle ausübt, gemäss den Informationen von Dr. Charles Tart. Das hat Le Guin erst nach der Publikation des Buches erfahren, aber sie nimmt die Verwandtschaft mit dem fiktiven Volk in ihrem Buch erfreut zur Kenntnis (inzwischen gibt es Studien, die die Informationen von Dr Tart negieren, oder mindestens stark relativieren).
Kapitel 1
Hauptfigur in diesem Kapitel ist Davidson, der auf einem fremden, komplett waldüberwucherten Planeten die Holzfällung überwacht. Er hat es geschafft, scheinbar stumpfsinnige und kampfunwillige eingeborene Wesen, die Krietschi, zu Arbeitssklaven umzuformen. Voller Vorfreude wird berichtet, dass im Hauptort des Planeten eine Ladung „frischer, neuer“ Frauen angekommen sind, und Davidson macht sich dann auf den Weg, sie zu begutachten.
Man kann sich sehr gut einen arroganten Amerikaner der 1960er Jahre vorstellen, der in Südamerika oder Südostasien die Gewinnung und den Abtransport lokaler Ressourcen überwacht, und mit Verachtung auf die indigene Bevölkerung schaut, die er gleich mit ausbeutet.
«Aber als sie ankamen, war hier gar nichts gewesen. Bäume. Ein dunkles Gedränge, ein wüstes Durcheinander aus Bäumen, ohne Ende, ohne Sinn.»
In Davidsons Wahrnehmung haben erst die Kolonialisten «Sinn» auf den Planeten gebracht, mit der Rodung und Ausbeutung.
«Dieser verfluchte Planet mit seinem goldenen Sonnenlicht und dunstigen Himmel, seinen sanften Winden … hatte etwas, das zum Tagträumen verleitete.»
Sogar den Kolonialisten Davidson, wie er selbst verärgert feststellt, der sonst so effizient ist, und überhaupt auf Zack.
«Aber es waren stets die Alten Frauen, die entschieden, was sie glaubten und was nicht.»
Ein Matriarchat hat sich auf dem Planeten etabliert, mit vielen kleinen Gruppierungen. Männerhäuser sind wichtige Institutionen in diesen Gemeinschaften, dort wird geträumt und geweissagt, philosophiert und gedeutet.
«Er hatte befürchtet, vollkommen von seinen Wurzeln abgeschnitten und zu weit ins Land des Handelns hinausgegangen zu sein, um je wieder seinen Weg zu den Quellen der Wirklichkeit zurückzufinden.»
Selver, der den Aufstand der Krietschi organisiert und Davidson ein Duell geliefert hatte. – In dieser Welt definiert offenbar das Handeln nicht die Wirklichkeit, sondern eher das Nicht-Handeln, das Träumen.
«Der leichte, im Dunkeln unsichtbare Regen prasselte leise auf die Blätter über ihm, auf das dichte seidenweiche Fell seiner Arme, seines Hauptes und seines Nackens, auf die Erde und die Farne und das Gesträuch, auf alle Blätter des Waldes nah und fern. Selver sass so still da wie Graueule auf einem Zweig über ihm, schlaflos, die Augen in der regennassen Dunkelheit weit geöffnet.»
Der Athscheaner Selver, in Verbundenheit mit seiner Umgebung, von seinesgleichen als «Gott» bezeichnet.
Kapitel 3
Eine Art Kriegsrat, nach dem Massaker in Smith Camp. Dr. Lyubov hatte den einheimischen Athscheanern ein prinzipiell friedfertiges Wesen attestiert. Offenbar eine wissenschaftliche Fehlannahme, wie das Massaker zeigt. Dr. Lyubov scheint als einziger in der Runde Sympathie für die Athscheaner zu hegen, sein Feind am Tisch ist Davidson, der mit der Vergewaltigung einer Einheimischen, der Frau von Selver, vermutlich erst den Anstoss zum Massaker gegeben hatte. – Dem Kriegsrat wohnen auch «Ratsbotschafter der Weltenliga» bei, die mit ihrem Raumschiff nicht nur Frauen auf den Planeten gebracht haben, ganz offensichtlich um die Besiedlung des Planeten voranzutreiben, sondern auch ein mysteriöses Gerät namens Ansible, mit dem Kommunikation ohne Zeitverzögerung im ganzen Universum möglich sein soll – ein revolutionäres Gerät, dass der Abgeschiedenheit und relativen Autonomie auf dem Planeten ein Ende bereiten könnte. «Vorbei die 54-jährige Karenzzeit für Fehler.» (p. 164)
«… diese ganze Weicheigeseiber in den sogenannten Richtlinien klang nach den Hainisch.»
Davidson kann es nicht fassen, wie die Kolonialverwaltung sich verändert hat, jetzt, wo der Planet «New Tahiti» (der neu «Welt 41» genannt wird) in Echtzeit mit ihr kommuniziert. Davidson vermutet einen Trick, computergesteuerte Antworten auf antizipierte Fragen (heute würden wir sagen: KI), oder eine Verschwörung von Aliens, eben den Hainisch, die den rücksichtvollen (heute würden wir sagen: woken) Umgang mit den Einheimischen vorgeben.
«‹Selver scha’ab'»
Dr. Lyubov beherrscht das Atheanische einigermassen, er versteht: Selver ist ein Gott. Aber «scha’ab» hat eine zweite Bedeutung, wie er zuhause mit dem (selbst erstellten) Wörterbuch herausfindet: Übersetzer.
«Das passte fast zu gut.», stellt der Erzähler fest, der hier aus der Perspektive Lyubovs erzählt. Selver ist möglicherweise ein Übersetzer der Traumwirklichkeit in die Wachwirklichkeit, einer, der damit Veränderungen bewirken kann.
«Denn die Wurzel ist der Traum.» – Interessantes Bild. Die Wachwirklichkeit wären dann Stamm, Äste, Blüten, Blätter, aber die Traumwirklichkeit die Wurzel.
«Was aus der Wurzel seines eigenen Leiden zu erwachsen und Ausdruck seines eigenen veränderten Wesens zu sein schien, konnte in Wahrheit eine Infektion, eine fremde Seuche sein, die sein Volk nicht erneuern, sondern zerstören würde.»
Selver hatte Mord und Totschlag in die Gedanken und Tatenwelt der Athscheaner «übersetzt». Lyubov überlegt, was das für diesen Stamm bedeutet.
Kapitel 6
Showdown, die Athscheaner überfallen Central und töten viele Erden-Männer und alle Frauen. Die Aneignung der Gewaltfähigkeit geht für Selver mit tiefer psychischer Erschöpfung einher. Dr. Lyubow hatte sich Gedanken zu dieser Wandlung gemacht: «…konnte in Wahrheit eine Infektion, eine fremde Seuche sein, die sein Volk nicht erneuern, sondern zerstören würde.» (p. 163)
«‹Wie können wir mit einem Volk, das keine Regierung hat, keine Zentralgewalt, eine Übereinkunft oder ein Abkommen treffen?'»
Der gefangene Jumen Gosse im Gespräch mit Selver. Die Jumens hatten es tatsächlich verpasst, die Anweisung der Kolonialverwaltung, den Einheimischen keine Gewalt mehr anzutun, auch an die Athscheaner zu kommunizieren. Gosses Argumentation dürfte aber auch den Hintergrund haben, dass man die Athscheaner nicht als gleichwertige Gesprächspartner ansah. –
«‹Ich kann dich nicht töten, Davidson. Du bist ein Gott.'»
Davidson bittet Selver, der ihn gefangengenommen hat, ihn zu töten. Stattdessen wird Davidson auf eine einsame Insel verbannt. – Interessante Ausdehnung des «Gottes»-Begriff. Davidson hat nun bestimmt keine Übersetzungsarbeit nach innen geleistet, die Kultur der Athscheaner für die Menschen verständlicher gemacht. Aber er hat das Morden als Idee an Selver weitergegeben, das scheint ausreichend. um als «Gott» bezeichnet zu werden. Als Gegengeschenk offeriert ihm Selver nun das Nicht-Töten.