Bewertungen
Besprechung
(Besprechung des Films am Ende der Buchrezension)
Männer sind mysteriöse Wesen. Sie tauchen im Kosmos der Familie Dashwood auf, die aus einer Witwe mit drei Töchtern besteht. Sie scheinen einer Partie oder mindestens einem Flirt nicht abgeneigt, aber dann ziehen sie sich abrupt und unter unklaren Umständen wieder zurück. Das trifft auf Willoughby zu, in den sich die mittlere Schwester Marianne Hals über Kopf verliebt, aber auch auf Edward Ferrars, der ein Auge auf die älteste Schwester Elinor geworfen hat, sowie einen kurzen Moment auch auf den zuverlässigen Colonel Brandon, der sich mit Nebenbuhler Willoughby herumschlagen muss.
Die Frauen rätseln über die Beweggründe der Männer, die sich mit unbekanntem Ziel in der Welt zerstreuen, während die Dashwoods in ihrem bescheidenen Cottage zurückbleiben. Die Familie hat an Geld und Status verloren, seit der Vater verstorben ist und sein Erbe einem Sohn aus einer früheren Verbindung vermacht hat, John Dashwood, eine herrliche Karikatur, in der sich Geiz und Dummheit aufs Schönste vereinen. Elinors und Mariannes Halbbruder ist mit Edwards manipulativer und geldgieriger Schwester Fanny verheiratet.
Die Miss Dashwoods sind darauf angewiesen, eine einigermassen gute Partie zu machen. Dies scheint sowieso das zentrale Thema zu sein im südenglischen Landadel, zu dem die Familie gehört. Erwerbsarbeit steht nicht im Vordergrund, man lebt als Kapitalist von Zinsen und Renten. Zwar kommen im Roman auch Hausangestellte und Bedienstete vor, sie spielen aber kaum eine Rolle.
Elinor entdeckt schliesslich, warum sich Edward von ihr zurückgezogen hat. In einem raffinierten Schachzug weiht die aus bescheidenen Verhältnissen stammende Lucy Steele sie in ihre geheime Verbindung zu Edward ein, die von dessen wohlhabender Mutter aller Voraussicht nach nicht goutiert werden wird. Damit bindet Lucy der Konkurrentin die Hände, denn die ehrbare Elinor wird sich unter diesen Umständen aus freien Stücken von Edward fernhalten, auch wenn sie Lucy als Intrigantin durchschaut. Jane Austen schöpft das Spannungspotential dieser Beziehung der Rivalinnen über viele Kapitel meisterhaft aus.
Im zweiten Teil reisen Elinor und Marianne mit einer mütterlichen Freundin für einen längeren Aufenthalt in die „town“, nach London. Hier nun gibt es eine Vielzahl von Kontakten und Begegnungen, natürlich auch mit den mysteriösen Männern. Die sich ihren Gefühlen blind hingebende Marianne muss schwer enttäuscht verkraften, dass ihr Willoughby die kalte Schulter zeigt. Die vernünftige und zugleich überaus empathische Elinor, aus deren Perspektive die Erzählerin meist berichtet, unternimmt alles, um ihre depressive Schwester wieder aufzurichten, dabei leidet sie selbst an ihrer unglücklichen Liebe zu Edward, allerdings in weit weniger extrovertierter Form.
Nach der Rückkehr aufs Land im dritten Teil löst sich dann alles in Wohlgefallen und einem doppelten happy end auf, das Jane Austen mit einigen kühnen Manövern herbeiführt. Gern hätte man auch aus der Innenperspektive Mariannes erfahren, wie sie sich am Ende zu einer Ehe entschliesst, für die sie sich zunächst nicht begeistern konnte.
Man mag den einen oder anderen Mangel im Plot monieren. Aber das Porträt der sehr verschiedenen Schwestern und ihrer innigen Beziehung wirkt lebendig und vermag zu fesseln. Und Jane Austens brillanter Sprachwitz, ihr Gefühl für Timing in den Dialogen und die satirische Schilderung der Sitten und Gebräuche des englischen Landadels um 1800 machen „Sense and Sensibility“ zu einer erfrischenden, sehr vergnüglichen Lektüre.
Film „Sense and Sensibility“
Regie: Georgia Oakley
Drehbuch: Diana Reid
Hauptrollen:
Daisy Edgar-Jones: Elinor Dashwood
Esmé Creed-Miles: Marianne Dashwood
2026
Mit Nahaufnahmen der Gesichter von Marianne und Elinor nimmt der Film das Publikum von Anfang an gefangen. Wir begleiten die beiden Schwestern eng durch die dichte Erzählung von Liebesleid und – am Ende – Liebesglück.
Marianne lebt ihre Gefühle frei aus, unbekümmert um Konventionen. Stimmig, dass sie uns zu Beginn allein in der schönen Landschaft Südenglands gezeigt wird, verbunden mit der Natur. Sie leidet mehr noch als die beiden Schwestern und die Mutter darunter, dass die Familie Dashwood nach dem Tod des Vaters von ihrem Halbbruder John und Ehefrau Fanny aus dem Kindheitsparadies Norland Park (Sussex) verdrängt wird und in ein bescheideneres Cottage in Devonshire umziehen muss. Elinor konstatiert leicht ironisch, dass Marianne sich von jedem Baum einzeln verabschieden muss.
Die älteste Schwester ist dagegen stets darum bemüht, die Contenance zu wahren, sie verbirgt ihre Gefühle auch vor Marianne. Die beiden Schauspielerinnen verkörpern die so verschiedenen Charaktere hervorragend, aber sie machen auch die im Roman vorgezeichnete tiefe Verbundenheit der Schwestern jederzeit spürbar, gerade auch in Konflikten und Ausbrüchen. Marianne wirft Elinor vor, dass sie nicht zu ihren Gefühlen für ihren Verehrer Edward Ferrars steht, Elinor wiederum wünschte sich, dass Marianne ihr Verliebtsein in Willoughby nicht so offen zur Schau stellt und sich damit verwundbar macht.
Der Aufenthalt in London endet für Marianne mit einer grossen Enttäuschung, es stellt sich heraus, dass Willoughby anderweitig liiert ist. Sie kann das kaum verkraften, und Elinor kümmert sich sehr um sie, obwohl sie selbst mit einer analogen Konstellation konfrontiert ist: Auch Edward ist an eine andere junge Frau vergeben, Lucy Steele, die auf das Vermögen des aus reichem Haus stammenden Edwards spekuliert. Allerdings liebt er sie nicht und er hält die heimliche Verlobung nur aufrecht, weil er sich an sein einmal gegebenes Wort gebunden fühlt.
Ein Höhepunkt der Filmerzählung spielt in der Londoner National Gallery. Elinor und Edward arbeiten in einem längeren Dialog das Paradox heraus, unter dem die beiden leiden: Sie lieben sich, aber Elinor kann Edward nur als Ehrenmann hochachten, wenn er nicht aus egoistischen Gründen mit Lucy bricht. Solange also Lucy von sich aus das Verlöbnis nicht auflöst, können Edward und Elinor nicht zusammenkommen. Mit dieser Erkenntnis friert der Film das traurige Doppelportrait der beiden allmählich zum Standbild ein, es wird zu einem Gemälde wie die Bilder, die im Museum im Hintergrund an der Wand hängen.
London ist nicht Mariannes Terrain, die Rückkehr aufs Land ist für sie eine Befreiung, auch wenn sie immer noch an Willoughby hängt. Bei strömenden Regen streift sie durch Wald und Feld und schreit ihr Unglück in den Wind. Eine Begegnung mit einer bedrohlichen Meute Jagdhunde als nächste Szene ist vielleicht symbolisch etwas dick aufgetragen. Sie erkrankt danach schwer, aber sie überwindet das Fieber und damit in gewisser Weise auch ihre Willoughby-Manie. Im Roman wird Mariannes folgende Zuwendung zu Colonel Brandon, der sich die ganze Geschichte hindurch als stiller, treuer Beschützer der Schwestern bewährt hat, einfach nur knapp vermerkt. Der Film füllt nun diese Lücke im Plot, indem er das im Roman beiläufig erwähnte Duell zwischen Brandon und Willoughby zu einer zentralen Szene macht, die die Dashwood-Frauen gebannt beobachten. Marianne erkennt, wie sehr Brandon sie liebt, und beginnt seine Gefühle zu erwidern.
Überaus emotional dann der Schlussakkord mit der Inszenierung des späten happy ends auch für die ältere Schwester.
Wie im Roman stehen auch im Film die Männer im Schatten der Frauen. Edward Ferrars und Colonel Brandon sind beide eher etwas steif, ernst und unartikuliert – nur einmal zu Beginn geht Edward aus sich heraus, als er ein lustiges Spiel mit der jüngsten Schwester Margaret improvisiert, und damit bei Elinor Sympathiepunkte sammelt. Das erste zaghafte Lächeln des Colonels registrieren wir nach mehr als 100 Filmminuten.
Diese Verfilmung arbeitet die pure Essenz aus „Sense and Sensibility“ auf meisterhafte Weise heraus. Das Drehbuch folgt über weite Strecken der Vorlage, ohne Experimente oder Verfremdungen, eher buchstabiert es den Plot noch aus. Der Film verzichtet auch darauf, übermässig im Regency-Dekor zu schwelgen oder die satirischen Aspekte des Romans in den Vordergrund zu stellen. Dicht, intensiv, handwerklich gekonnt gemacht, mit brillanten Schauspielerinnen – Georgia Oakleys „Sense and Sensibility“ ist ganz grosses Kino.