Odyssee
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Besprechung
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Erster Gesang
Vom Ratschluss der Götter zu Beginn, Odysseus jetzt aus dem Exil heimzulotsen, zu den Details der Vorbereitung für das Nachtlager des Telemachs und dem Zusammenfalten seines Gewands. Gewaltige Bandbreite, vom Grössten bis zum Kleinsten.
Man hätte erwartet, dass nach der Götter-Sitzung Kalypso in den Fokus genommen wird, und wie sie den Odysseus gefangen hält. Aber davon zunächst nichts; wir begleiten Athene als Agentin auf geheimer Mission nach Ithaka, zur Heimstatt Odysseus, wo sie von fern das Gelage der Freier Penelopes beobachtet, vor allem aber Telemach Mut zuspricht und instruiert.
«Von des Olympos Gipfeln stieg dann sie stürmisch hernieder…»
Bezwingend das Tempo der Göttin Athene (und der Erzählung): kaum steht der Beschluss des Götterrates fest, landet sie mit den schönen Sandalen schon in Ithaka und betritt den Hof des Odysseus›.
«und ihm senkte
Mut und Kraft sie in den Sinn und liess ihn des Vaters
mehr noch als früher gedenken, doch er, wie er’s wahrnahm im Geiste,
staunte in seinem Gemüt, denn er ahnte, sie sei eine Göttin.»
Telemachos beobachtet sich selbst, nimmt nach dem Gespräch mit der verkleideten Athene neuen Mut und stärkere Erinnerung an den Vater wahr.
Dritter Gesang
Telemach wird (in Begleitung der verkleideten Athene) von Nestor ehrenvoll empfangen, der von einem Streit der endlich siegreichen Griechen berichtet. Offenbar hatten die Griechen einen Athene-Tempel in Troja geschändet. Die Könige und Brüder Menelaos und Agamemnon konnten sich nicht über eine Strategie im Umgang mit der zürnenden Athene einigen. Agamenon wollte noch vor Ort Opfer darbringen, Menelaos dagegen sofort die Heimreise antreten. Man trennt sich im Streit, Odysseus und auch Nestor schliessen sich dem heimfahrenden Menelaos an. Unterwegs allerdings ändert Odysseus seine Meinung, und kehrt wieder um, macht sich auf den Weg zurück zu Agamenon. Wir erfahren nicht, was ihn dazu bewegt.
«als wegen mir, der Frau mit dem Hundsblick, nach Troja ihr Achaier zogt, den Krieg zu beginnen.»
Selbstbezichtigung Helenas, sie gab mit ihrem Weggang nach Troja Anlass zum verheerenden Krieg. Steinmann übersetzt die Stelle wörtlich: ὅτ᾽ ἐμεῖο κυνώπιδος εἵνεκ
Mit dem Hundeblick = schamlos.
Bei Voss heisst es: „[…] als ihr Achäer, mir Hündin zu Gefallen, vor Troja zogt […]“. (In der Bearbeitung der Voss-Übersetzung von E.R. Weiss 1956 wurde das Hündische schamhaft unterschlagen, dort heisst es nur «um mich, die Entflohene»).
Helena erkennt den Sohn Odysseus›, und hat natürlich allen Anlass zur Selbstbezichtigung.
Strandung auf der Insel der Phäaken
Grandios die detaillierte Schilderung, wie der schiffbrüchige Odysseus sich zunächst an einem Felsen festhaltend die Brandung überwindet und sich in eine Flussmündung rettet. Geschunden und erschöpft schläft er seinem nächsten Abenteuer entgegen.
Sechster Gesang
Was für ein Rhythmus, was für ein Wortzauber, hinreissend. Brillant ins Deutsche gebracht. Nausikaa begibt sich mit den Mägden an die Mündung des Flusses, die Wäsche zu waschen. Nach getaner Arbeit die Mahlzeit und dann das Spiel, der Ball landet im Wasser, der Aufschrei der Mägde weckt Odysseus.
Klitzekleiner Makel: der Ball geht verloren in der Geschichte, Odysseus hätte ihn ja retten können. Aber natürlich schlagen sich Odysseus und Nausikaa gegenseitig in Bann, das Spiel ist vergessen.
Ganz zu Ende sitzt Odysseus am Stadtrand in einem Hain der Athene, und wartet, dass er sich bei Nausikaas Eltern vorstellen kann. Athene zeigt sich aber dem Helden nicht, weil sie den zürnenden Poseidon fürchtet. Im Hintergrund zieht sie alle Fäden und manipuliert kräftig zugunsten des Heimkehrers, das scheint dem Meergott zu entgehen. Aber sie scheut den direkten Kontakt zu Odysseus, das wäre offensichtlich eine Provokation für den Erderschütterer.
Gesang des Demodokos
Odysseus ist in Ehren empfangen worden bei den Phäaken, die jetzt in Wettkampf, Tanz und Gesang dem Gast zeigen wollen, was sie können. Demodokos singt von einer Liebesintrige unter Göttern, eine weitere Binnenerzählung, eine weitere Erzählebene.
Etwas später (p. 120/121) lobt Odysseus den Sänger Demodokos und fordert ihn auf, die Geschichte der Belagerung Trojas zu erzählen, eigentlich seine, Odysseus› Geschichte. Prolog quasi zu Odysseus eigenen Erzählungen im folgenden neunten Gesang.
Angriff auf Ismaros, Stadt der Kikonen
Der «Städtezerstörer» wird auch auf der Heimfahrt seinem Ruf gerecht, die Männer werden getötet, die Frauen geraubt. In der Odyssee gibt es keine Begründung für den brutalen Überfall. In der «Ilias» werden aber die Kikonen als Verbündete Trojas genannt.
«‹Falls Dich irgendeiner, Kyklop, der sterblichen Menschen
fragen sollte nach deines Augen schmählicher Blendung,
sag ihm, Odysseus, der Städtezerstörer, hab es geblendet…'»
Ist das Übermut, ist das Eitelkeit? Odysseus, der sich beim Kyklop als «Niemand» ausgab (und damit die Hilferufe des Riesen ins Leere laufen liess), nennt nun vom Schiff aus seinen richtigen Namen, aus immer noch unsicherer Distanz: Der erblindete Kyklop schleudert Bergstücke in Richtung der Schiffe, verfehlt sie knapp. Vor allem aber kann der Kyklop nun seinem Vater berichten, wer ihm das Augenlicht genommen hat. Dumm für Odysseus, dass dieser Vater Poseidon ist, den kein Seefahrer zum Feind haben möchte.
«Stets alle Tage sassen wir dort nun bis auf ein volles Jahr…»
Bei Kirke lassen es sich Odysseus und seine verbliebenen Gefährten gut gehen. Rasch verstreicht die Zeit, im Nu lässt der Erzähler ein Jahr verstreichen. Es sind dann die Gefährten, die Odysseus, den Geliebten der Kirke, zum Aufbruch drängen.
Im Reich der Toten, Erzählung des Agamemnon
Die Phäaken wollen die weiteren Abenteuer des Odysseus erfahren. Er erzählt von seiner Reise in den Hades, zu der ihm Kirke geraten hatte. Dort trifft er nicht nur den weissagenden Teiresias, den er mit Tierblut zum Reden bringt, sondern auch seine Mutter, und Helden aus dem Krieg um Troja. Agamenon erzählt vom heimtückischen Mordanschlag seiner Gattin Klytaimestra bei seiner Heimkehr. Er warnt Odysseus, zu gutgläubig zurückzukehren zu Penelope, sagt aber auch, dass diese «zu verständig» sei für eine solche Schandtat.
«Also sassen wir den ganzen Tag, bis die Sonne
sank, und schmausten unendlich viel Fleisch und den süssen
Wein ….»
Zurückgekehrt aus dem Reich der Toten zu Kirke, die den Helden ein Festmahl bereitet. Fleisch und Wein sind die essentiellen Zutaten bei den zahlreichen Gelagen der Odyssee.
Dreizehnter Gesang
Grosser Moment, beiläufig erzählt: Odysseus wieder in Ithaka. Und: offene Begegnung mit Athene, die Odysseus ohne grosse Gemütsbewegung oder Gesten der Dankbarkeit bestreitet. Athene fürchtet jetzt offenbar den Zorn Poseidons nicht mehr, der seine Wut gerade eben an einem Schiff der heimkehrenden Phäaken auslebt, die Odysseus nach Ithaka gebracht haben.
Fünfzehnter Gesang
Eumaios, «der göttliche Sauhirt» (δῖος ὑφορβός, so eingeführt im 14. Gesang, Vers 48) beherbergt den verkleideten Odysseus und erzählt ihm die Geschichte seiner Herkunft. Aufgewachsen als Königssohn in einem utopisch-friedfertigen Reich, wird er als Knabe von einer Amme, die zurück in ihre Heimat gehen will, entführt – er dient quasi als Fahrgeld für die Kaufleute, auf deren Schiff die Amme aus den Diensten von Eumaios› Vater flieht. Die Kaufleute (vielleicht eher: Piraten) verkaufen Eumaios schliesslich an Odysseus› Vater Laertes, der ihn als Schweinehirt beschäftigt.
Binnenerzählung, die wichtige Motive der Odyssee variiert. Eumaios hat sein Heimweh überwunden und Ithaka als neue Heimat akzeptiert. Seine Amme dagegen, selbst ursprünglich ein Piratenopfer, greift, getrieben von ihrer Sehnsucht nach der Heimat, zu List und Verrat, um ihrem Schicksal als Sklavin zu entgehen. Das Königreich von Eumaios› Vater war nicht für alle ein Paradies. –
Die unscheinbare Hütte des Eumaios wird zu einem wichtigen Raum in der Erzählung. Hier erfährt der (verkleidete) Odysseus absolute Loyalität und wichtige Informationen zum Stand der Dinge in seinem Palast – vor allem, dass seine Frau Penelope ihm die Treue hält. Es kommt zur offenen Begegnung Odysseus› mit seiner Schutzgöttin Athene: jetzt kommt Odysseus endlich aus der Defensive, er muss nicht mehr fliehen und seinen Weg suchen, jetzt greift er seine Feinde im Palast an. Schliesslich findet auch die Begegnung mit Sohn Telemach, den er zuletzt als kleinen Knaben sah, in der Hütte des Eumaios statt. In der gesamten Erzählung konnte sich Odysseus nie vollkommen sicher fühlen und entspannen. Hier jetzt endlich schon. Er ist zuhause.
Der Erzähler spricht Eumaios direkt mit «Du» an, und zeichnet ihn damit vor allen anderen Figuren des Epos› aus.
«… schönwangig trat nun Helena zu ihm,
hielt das Gewand in den Händen und sprach und sagte die Worte:
‹Auch ich bringe, liebes Kind, dies hier als Geschenk dir,
zum Gedenken an Helenas Hände, dass deine Frau es
trag› am ersehnten Tag der Vermählung; so lang aber lieg es
bei deiner Mutter in ihrem Gemach. …»
Telemach macht sich auf den Heimweg von Sparta nach Ithaka. Helenas Abschiedsgeschenk ist ein Brautkleid, ein Pfand für die Fortsetzung der Odysseus-Familie, die sie mit ihrer Flucht nach Troja und den damit heraufbeschworenen Krieg dem Risiko des Zerfalls ausgesetzt hat.
Bedeutung der Kleider in der Odyssee, Nausikaa kleidet Odysseus ein, Kirke schenkt ihm ein purpurfarbenes Gewand, Verkleidung Odysseus bei der Heimkehr, der verkleidete Odysseus beschreibt Penelope sein Gewand beim Abschied, Penelopes endloses Zusammennähen und Auftrennen des Leichentuchs.
«‹Freunde, nicht wird dieser Plan nach Wunsch uns gelingen, die Tötung
des Telemachos; darum lasst ans Essen uns denken.'»
Das Unheil braut sich zusammen, und auch die Zeichen stehen nicht gut. Doch die Freier kommen nicht zur Besinnung; stattdessen gehen sie zum Essen (und Trinken), eigentlich ihre wichtigste Beschäftigung während sie darauf warten, dass Penelope einen von ihnen auserwählt.
Zweiundzwanzigster Gesang. Der Freiermord
Ein Gemetzel, das recht detailliert geschildert wird. Von leiser Komik ist der in fein austarierten Hexametern vorgetragene Austausch von Odysseus mit Sohn Telemach auch in der höchsten Hitze des Gefechts. Die Partei von Odysseus ist in der Unterzahl, aber zunächst besser bewaffnet. Ist es klug vom «Städtezerstörer», seinen beiden einzigen treuen Dienern detaillierte Anweisungen zu geben, wie sie mit dem abtrünnigen Diener Melanthios zu verfahren haben? Würde es nicht reichen, dass sie ihn einfach meucheln und schnellstmöglich wieder den kleinen Trupp Odysseus auf dem Kampfplatz verstärken? Wer so fragt, vergisst, dass Odysseus göttlichen Beistand hat, in Athene, die in der Gestalt von Mentor erscheint.
Der Erzähler zoomt bei einzelnen Szenen des Mordens nah heran, fast ist man versucht zu sagen, das sei im Hinblick auf eine Verfilmung erzählt – ausser dass noch einige Jahrtausende vergehen werden, bis der Film erfunden wird. Und apropos Film: Der am Ende siegreiche Kampf der zahlenmässig unterlegenen Helden gegen eine Horde Bösewichte scheint wie das Ur-Muster für zahllose Erzählungen und dann viele, viele Filme, als sei das eine Pflichtübung für jede Heldengeschichte.